Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 10 (6.1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 417 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 417 künftige Heimat in Palästina sehen. (Bei dieser Gelegenheit sei wiederholt darauf hingewiesen, daß für die größeren Bünde die Räume im Jugendheim viel zu klein sind.) Nicht nur die geistige Arbeit vereinigt uns, sondern auch die Pflege der Geselligkeit bietet Grundlage und Gewähr für eine fruchtbare Arbeit. Wanderungen in die nähere und weitere Umgebung Frankfurts, Schachabende und Heimabende sorgen für Entspannung. In einer Zeit, in der die jüdische Jugend auf den Trümmern ihrer Existenz steht, heißt die erzieherische, jugendpflegerische und geschichtliche Aufgabe des neutralen „JüdischenJugendbundes" nicht Kampf gegeneinander, sondern zueinander stehen, zum Wohle der jüdischen Jugend. Hellmuth S tr a u ß Verein Montefiore Der Verein Montefiore ist die älteste Jugendorganisation Frankfurts und einer der ältesten jüdischen Jugendvereine in Deutsehland. Fußend auf einer fast 40jährigen Tradition, ist der Verein Montefiore im Verband der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands' mit aller Intensität an der Arbeit, die ihm im Laufe des letzten Jahres erwachsenen neuen Aufgaben im Dienst der jüdischen Gemeinschaft zu bewältigen. Die Arbeit unseres Bundes war immer getragen von einer überparteilichen Tendenz, die unter Hintansetzung alles weltanschaulich Trennenden das uns Einende hervorkehrte, das Judesein. In unseren Reihen hatte jeder Platz, der willens war, mitzuarbeiten. Wir waren der neutrale Bund. Es ist daher nicht verwunderlich, daß unsere Heimabende des öfteren als Tummelplatz jüdischer Weltanschauung angesehen wurden, da wir Vertreter sämtlicher jüdischen Organisationen zu Wort kommen ließen. In diesem Streit der Meinungen überließen wir unseren Freunden die Entscheidung für sich. Führer unseres Verbandes waren es, die als Erste darauf hinwiesen, wie wenig der jüdische Parteienstreit — auch vor der nationalen Revolution in Deutschland — zeit- und sinngemäß gewesen ist. Aus der Diskrepanz zwischen tatsächlichem Sein und politischer Gestaltung der deutschen Judenheit erwachsen für uns neue Aufgaben. Wir haben es abgelehnt, uns für eine der beiden Hauptrichtungen, die das deutsche Judentum heute aufweist, zu entscheiden. Wir hatten den Mut, nein zu sagen, so oft es uns auch zugerufen wurde, uns entweder zum Deutsch-Judentum oder zum Zionismus zu bekennen. Wir waren uns einig mit den Menschen deutsch jüdischer Gesinnung, wenn wir sagten, daß der größte Teil deutscher Juden in Deutschland seine Existenz suchen müsse. Wir verkannten gleich ihnen nicht, was uns deutsche Kultur bedeutet. Wir wußten mit ihnen um den Wert, den Heimat und Landschaftserleben ausmachten. Aber wir vermochten ihnen nicht zu folgen, wenn sie ihrer Ideologie statt des tatsächlichen Seins ein Bekenntnis unterstellten. Wir verkannten weiter nicht, daß ohne Zionismus als politische Bewegung und ohne die Chaluzim, die als Pioniere nach Erez Israel gegangen sind, Palästina nie der Rückhalt in diesem Schicksalsjahr gewesen wäre, den es vielen deutschen Juden bedeutet hat. Wir sagten aber aus unserer Erkenntnis der jüdischen Situation heraus, daß sich unsere Arbeit konzentrieren muß auf die Menschen, die hier bleiben. Die Leitung der jüdischen Jugendvereine Deutschlands hat Richtlinien festgelegt, die für unsere Arbeit verbindlich sind. Mit diesen Richtlinien ist der Verband und gleichzeitig der Ortsbund, der Verein Montefiore, in ein neues Stadium seiner Entwicklung eingetreten. Zunächst ist die notwendige Abgrenzung gegenüber den politischen Organisationen erfolgt. Wir wollen unsere Menschen zur Gemeinschaft hin erziehen. Das erfordert von jedem Einzelnen vor allem Verantwortung in sozialer Hinsicht. Es mag in diesem Zusammenhange erwähnt werden, daß wir uns gegen festliche Veranstaltungen, wie sie in der letzten Zeit zutage getreten sind, in aller Form wehren. Abgesehen davon, daß es unser nicht würdig ist. heute Feste zu feiern, und daß es ein falsches Bild der Außenwelt gegenüber zeigt, nieinen wir, daß hier eine Kluft errichtet wird zwischen denen, die heute noch feiern können und denen, die darben. Wir aber wollen die Gemeinschaft aller. Unsere Arbeit wird sich auf der Erkenntnis der gesellschaftlichen Struktur im deutschen Judentum aufbauen. Zusammen mit den zuständigen Organisationen werden wir die Berufs Umschichtung, die wir seit Jahren fördern, unterstützen. Wir werden in unserem Bund Kurse einrichten, die der beruflichen Fortbildung unserer Mitglieder dienen. Unsere Heimabende dienen zunächst der Vermittlung jüdischen Wissens, indem sie sinngemäß Tradition und Gegenwart miteinander verbinden. Wir werden dabei dem LebenderJudeninPalästina größere Beachtung schenken und auch die Lage der Juden in der übrigen Welt behandeln. Es kann darauf hingewiesen werden, daß augenblicklich Arbeitsgemeinschaften über „jüdische Geschichte" und „Kulturprobleme der jüdischen Gegenwart" stattfinden. Ein weiterer Punkt unserer Arbeit wird sich mit der Gestaltung von Feiern befassen. Unsere Freitagabendfeiern, die neben der Einführung in die Sidra des betreffenden Sabbat einen gemütlichen Teil in Anknüpfung an den Familienfreitagabend bringen, werden ergänzt durch Feierstunden, die durch Vermittlung von Musik und Literatur gemeinsames Erleben schaffen. Wir wollen zielbewußt den neuen jüdischen Menschen schaffen, der zwar um die enge Basis seines Lebens weiß, der aber trotz aller Problematik in dem Bewußtsein seiner Verbundenheit mit der Gesamtheit seinen Lebensweg klar vorgezeigt sieht. Zur Durchführung dieser Arbeit werden Aenderungen organisatorischer Natur dienen, die aus dem loseren Band des Vereins zum Bund und zur Verbundenheit führen. Werk- und Arbeitskreise werden die Bindung der einzelnen Mitglieder zueinander stärken und die Arbeit intensivieren. Mädchenklub Die Heimabende haben im Lauf der 32 Jahre des Bestehens des Mädchenklubs selbstverständlich verschiedene Noten und Färbungen gehabt, die von den Persönlichkeiten jeweils abhängig waren, die sich zur Arbeit zur Verfügung gestellt hatten. Es gab eine Zeit, in der das Turnen im Vordergrund gestanden hat, eine andere, in der Deklamation und schöne Literatur bevorzugt wurden, wieder andere, in der Geschichte, Kulturgeschichte und künstlerische Gebiete besonders gern begangen Waren. Gleichmäßig die Zeit überdauernd waren die Abende, die den Mitgliedern Stenographie und Schreibmaschine, flicken, nähen und putzmachen, Deutsch und Hebräisch vermittelten. Am charakteristischsten für die Arbeit ist die seit drei Jahrzehnten gleichmäßig durchgeführte sogenannte „Z e i t u n g s 1 e s e - stund e", in der alles zur Sprache kam, wras imstande war, das geistige Leben der Klubmitglieder zu beeinflussen. Die Eintragungen in ein für alle Abende geführtes Buch zeigen den Weg, den wir gegangen sind und der in seinen Ausblicken eine Art Dokument bildet dafür, wie man in aller Einfachheit zu Anregung und Belehrung zusammen sein kann. Das wichtigste, und was den Mädchenklub von vielen anderen Jugendvereinen unterscheidet, ist unserer Auffassung nach seine Neutralität. Wir verstehen darunter nicht, daß die einzelnen Mitglieder nicht in allen Dingen ihrer Haltung und Weltanschauung eine eigene oder auch parteilich beeinflußte Meinung haben, aber wir haben von jeher den Grundsatz gehabt, jede Meinung zu hören und zu respektieren, sie in Gesprächen, in der Auswahl der Schriften und Zeitungen, an Hand derer unsere Diskussionen geführt wurden, zum Ausdruck kommen zu lassen. Ueber allem Trennenden herrscht ein vernünftiger, ruhiger, nur die jüdische Note durchhaltender Ton. Und noch & Bäckerei BERGMANN, Adalbertstrasse 6" m^tSS oSL**. &