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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-06-01 · 10 (6.1934) · p. Seite 416

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
10 (6.1934)
Date
1934-06-01
Page
Seite 416 (sequence 30)
Language
German
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Seite 416 seines Lebens unerfüllt bleiben und. er von dem Ort seiner eigentlichen Verantwortlichkeit, seinem Volk, f erngegehulten wird. Wir mußten demgegenüber einen Weg finden, wie wir wieder jüdisch werden konnten; und dies nicht nur in Ideologie und Gesinnung, sondern mit der ganzen Person: es ging um eine Umwandlung des Menschen selbst. Diese Fragestellung hat sieh grundsätzlich auch heute noch nicht geändert. Sie muß der Ausgang jeder jüdischen Erziehung sein, solange man es mit assimilierten westjüdischen Menschen zu tun hat. Auf die Frage: Wie werden wir wieder jüdisch'?, gibt es für Juden in unserer Situation nur eine zureichende Antwort. Sie besteht darin, von dem geistigen Leben des Judentums und seinen Zeugnissen her diesen neuen Zugang zu finden. Den Weg hierzu wies uns vor allem Martin Bube r. Das „L e r n e n" bildet denn auch einen wesentlichen Teil des Lebens im Bund. Seit langer Zeit lernen w,ir hebräisch und versuchen, in die jüdische Geschichte einzudringen. Jenes Jüdischwerden der Menschen selbst, das dabei zuerst unsere Zielvorstellung war, hat sich damit zu einem, großen Teil verwirklicht. Entscheidend auf diesem Weg wurde das Kennenlernen der Bibel. Wenn wir an sie auch undogmatisch herangehen und alle Ergebnisse der wissenschaftlichen Kritik prüfen und anzunehmen bereit sind, so ist sie uns doch weit mehr als ein hervorragendes Zeugnis einer großen Vergangenheit und ein klassisches Werk der Literatur. Ueber diesen Wert hinaus ist sie uns zu dem Buch geworden, das uns für die eigene Lebensführung bestimmend ist. Dementsprechend können wir im Judentum nicht nur „ein Volk wie alle Völker" sehen. Aus der einzigartigen Geschichte des jüdischen Volkes ergibt sich auch seine einmalige Bestimmung. Zu all dem kam eine immer wachsende Erkenntnis der objektiv-gesellschaftlichen Judenfrage. Wir glaubten jedoch, bis zum Frühjahr des letzten Jahres/ den Platz unseres' Einsatzes in der Galuth zu haben. Das Galutherlebnis des letzten Jahres zeigte uns aber, wie sehr jüdische Verwirklichung und Erneuerung in der Unsicherheit der Galuth unmöglich sind. Wir glauben, daß nur durch den Aufbau Palästinas als unsere Heimat und die Normalisierung des jüdischen Volkes auf seinem Boden die Voraussetzungen für echtes jüdisches Leben geschaffen werden können. Wir ordneten uns daher vorbehaltlos der Front des chaluzischen Zionismus ein. Selbstverständlich ist unsere frühere jüdische Stellung mit dieser Eingliederung in keiner Weise aufgehoben. Sie findet nach der zionistischen Entscheidung in der Chaluziuth gerade ihren eigentlichen Ort. Wie im Jüdischen die Situation des einzelnen Westjuden unseren Ausgangspunkt darstellt, so setzt unsere Erziehung auch immer bei der Lage des Einzelnen und seinen Fragen ein. Es wird bei uns ganz besonders erzieherische Sorgfalt darauf verwandt, die in so vielem gehemmten jungen jüdischen Menschen, wie sie zu uns in die Gruppen kommen, von diesen ihren Nöten zu befreien. Sie stehen ganz im Bann ihrer persönlichen Schwierigkeiten und sind dadurch oft un1 fähig, ihr Leben selbst sinnvoll zu gestalten. Wir bemühen uns demgegenüber, ihnen diese Fähigkeit wiederzugeben und sie durch eine eingehende Erziehung für über ihre eigene Person hinausgreifende Aufgaben einsatzfähig'' zu machen. Damit zusammen hängt die Bemühung um eine lebensmäßige Ueberwindung des Individualismus. Wirklich sinnvolles Leben bedeutet Leben in enger Gemeinschaft, ein Leben reich an Beziehungen von Mensch zu Mensch. Es ist dies alles andere als ein Kollektivismus, bei dem der Einzelne um eines unpersönlichen Zweckes willen übergangen wird. Es bedeutet im Gegenteil gerade eine Bereicherung des Einzel- 1 e b e n s durch die Nähe der Gemeinschaftsgefährten, die bei allem, was ihnen geschieht, für einander da sind. Sei es Sorge oder Freude, seien es die Kleinigkeiten des Alltags. Diese Gemeinschaft, die wir selbst immer wieder als den vielleicht größten Wert des Bundes empfinden, hat die einzelnen Menschen des Bundes auch in einer sehr bestimmten und klaren Weise gefördert. Hier wirken auch noch manche Elemente der deutschen Kultur, wie sie uns etwa in der Dichtung Stefan Georges gegenübertreten. Die Gestaltung der Gruppenarbeit hier in Deutschland ist aus dem bereits Gesagten leicht zu folgern. Im Mittelpunkt steht besonders bei den Jüngeren das Erzieherische. Daneben tritt in einer den verschiedenen Altersstufen jeweils entsprechenden Form die Hinführung zum Jüdischen und zur Mitarbeit in der jüdischen Oeffentlichkeit. Ernst Bauer. Warum Jüdisch Das Jahr 1933 hat besonders in die jüdische Jugendbewegung Deutschlands eine Kluft gerissen, welche die Einheit des deutschen Judentums bedroht. Es wird heute versucht. Judentum „auszulegen", je nach der innerjüdischen Richtung des Betreffenden. Man vergißt, daß das Judentum selbst keinem Wandel unterworfen ist, daß das, was seine großen Lehrer an sozialen Gesetzen verkündet haben, in alle Ewigkeit besteht. Was sich geändert hat, ist der jüdische Mensch. Inmitten aller Stürme hat sich der „Jüdische Jugendbund" als n e u t r a 1 e r Bund nicht nur erhalten, sondern, wie die Arbeit beweist, auf eine erzieherische und geistige Höhe emporgeschraubt. Hundertmal haben wir gehört „warum heute noch neutrale Vereine, da sich alles entscheiden muß?", und wir antworten: „An dem Tage, an dem die neutralen Bünde aufhören zu bestehen, an dem es nur noch deutschjüdische und zionistische Bünde gibt, ist die Einheit der deutschen Judenheit in Trümmern; denn in diesem Augenblick führt die beiden Richtungen nichts mehr zusammen." Deshalb muß immer wieder gesagt werden: „Hört auf mit Eurem Hader rechts und links, Ihr werdet nur eines erreichen, was tausendjährige Geschichte in Deutschland nicht erreichte: Die Zersplitterung des deutschen Judentums." Wir jedoch wollen die Einheit der deutschen Judenheit und sind die lebendige Brücke für beide Richtungen. Darf es denn für uns überhaupt etwas Trennendes geben, wo unser Schicksal ein so einheitliches war und ist? Sollte es keinen Weg geben, der uns zusammenführt? Es darf nur eine Richtung geben, und die heißt „aufrechtes und bewußtes Judentu m". Dazu ist der „Jüdische Jugendbund" ein Träger, denn es r Jugendbund? gibt keine Richtung, die bei uns nicht zu Wort kommen könnte. Nur aus der Kenntnis aller Anschauungen ergibt sich das Verstehen, kann sich der junge, jüdische Mensch seine eigene Meinung bilden. Hier beginnt die erzieherische Arbeit. Der Jugendliche, kaum der Schule entwachsen, wird einem tendenziösen Bunde zugeführt. Neu in einer ihm fremden Gedankenwelt, hört er nur stets die Vertreter dieser einen Richtung. Nicht e r bildet sich eine Meinung in religiösen und jüdisch-politischen Dingen, wie dies eigentlich sein sollte, sondern er bekommt eine Meinung aufgezwungen, mag sie nun richtig oder falsch sein. — Anders der Jugendliche im „Jüdischen Jugendbund". Durch eine sorgfältige Zusammenstellung des Programms, das alle Wissensgebiete behandelt, entwickelt sich allmählich ein Gesamtbild von größter Klarheit. Eine Meinung bildet sich organisch, und der Jugendliche bekommt eine Weltanschauung, die ihn im Leben bestehen läßt, und die vor allem der jüdischen Gemeinschaft zur Verfügung steht. Der Jugendliche wird stets nur für ein einiges Judentum eintreten, denn er hat erkannt, daß das Heil nicht in einer Richtung liegt, sondern im geistigen Verständnis aller. Wir wollen die Jugendlichen zu ganzen, jüdischen Menschen erziehen, die einmal später in der Lage sind, ihr Schicksal selbst zu meistern. Neben den regelmäßigen Vorträgen Mittwoch abend im Jugendheim haben wir Arbeitsgemeinschaften, die uns z. Zt. mit der jüdischen Geschichte von ihren Anfängen an bis zur Neuzeit bekannt machen. Daneben finden hebräische Kurse statt zum Zwecke der Vertiefung in religiöses Wissen, sowie für diejenigen unserer Mitglieder, die ihre zu-

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