Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 10 (6.1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 403 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 403 Die rhythmische Disziplin ist bereits jetzt hervorragend. Auch die klangliche Stufung hat einer. Grad erreicht, der eine günstige Weiterarbeit gewährleistet. Vor allem aber hat es Steinberg vermocht, seine Musikerschaft mit einer begeisterten Hingabe für die gemeinsame Sache zu beseelen, die bis in das kleinste Detail hinein spürbar ist und sich in seltene Lebendigkeit des Musizierens umsetzt. Das Programm enthielt sinfonische Werke, die dem Können des jungen Orchesters entsprachen. Schuberts 5. Symphonie — der 19jährige Schulgehilfe schrieb sie für das Liebhaberorchester seines Vaters — ist trotz ihrer fast Mozartsehen Prägung ein typisches Erzeugnis Schubertscher Kunst. Steinberg meißelte die feine, eingängige Thematik plastisch heraus und sorgte nach Möglichkeit für gelockerten Klang. Eine gewisse Ueberbetonung des Rhythmischen und Konstruktiven setzte dem Werke herbere Lichter auf, als ihm von Hause aus innewohnen mögen. Vielleicht hätte eine Zutat wienerischer Liebenswürdigkeit und Wärme dieser weniger der „Deutung" als der unmittelbaren Spielfreudigkeit unterworfenen Musik noch mehr von der ihr eigenen Atmosphäre gegeben. (Die Akustik des Saales der Frankfurt-Loge mag einiges auch massiver an das Ohr des Hörers gebracht haben, als es gemeint war.) Ganz in seinem Element war Steinberg in der Wiedergabe der 1. Beethoven-Symphonie. Er orientiert sich bei diesem Werke im Gegensatz zu manch anderen Dirigenten an dem Beethoven der Spätzeit und gibt ihm einen Zug ins Große, ins Heroische. Die Auffassung ist gerechtfertigt, wenn man es vermag, die Ecksätze mit solcher Innenspannung und Dynamik des Aufbaus auszustatten, wie dies an diesem Abend geschah. Es spricht für den guten Stand des Orchesters, daß es dem gestaltenden, Höchstes fordernden Willen seines Führers vorbehaltlos zu folgen vermochte. Der erzielte Eindruck war denn auch gewaltig. Als Solist des Konzertes spielte Hans Basser man n Mendelssohns Violinkonzert. Spielte es mit der meisterlichen, zuverlässigen Technik des erfahrenen Konzertgeigers,, in einer noblen, äußerst geschmeidigen Tongebung und mit einer geschmacklichen Sicherheit, die sich ebensoweit von Sentimentalisierung wie von Verflachung fernhielt. Der Künstler holte sich einen großen Erfolg. Er konnte den Beifall nur durch eine Zugabe beschwichtigen. Das Orchester bewährte auch in der schwierigen Aufgabe des „Begleitens" seine Schlagkraft. Sieinberg und seine Helfer durften sich am Schlüsse iiir lang andauernde, rauschende Ovationen bedanken. Pflicht der jüdischen Oeffentlichkeit bleibt es nun, das kostbare Orchesterinstrument, das hier geschaffen wurde, zu fördern und zu erhalten. Dr. E. Es ist von o-fizieUer Seite unliebsam bemerkt worden, dass Herren, ja sogar aucli Danvn, im Vorraum des Saales and in den Sanitären während der Pause geraucht haben Es bedarf wohl nur eines Hinweises auf die ve>s iedenrn Mahnungen zu einem angemessenen Betragen und zur Zurückhaltung, um ein Abstandnehmen von solchem Verhalten zu erwirken. | | Aussprache | | Zur Arbeitslosigkeit unter den Juden Es ist an der Zeit, die jüdische Oeffentlichkeit auf folgende bedeutungsvolle Tatsache hinzuweisen. In den letzten Jahren sind auch in steigendem Maße jüdische Arbeitskräfte, naturgemäß hauptsächlich kaufmännische Angestellte, arbeitslos geworden. Für diese haben sich in fast allen größeren Gemeinden Deutschlands und auch in Frankfurt jüdische Arbeitsnachweise gebildet, denen es auch trotz aller Schwierigkeiten vielfach gelungen ist, die Erwerbslosen wieder irgendwie ins Wirtschaftsleben einzugliedern. Auch heute werden durchaus bei diesen Stellen Arbeitskräfte angefordert, es ist aber trotz des naturgemäß sehr starken Angebots oft kaum möglich, diese zu besetzen. Einer der Hauptgründe hierfür besteht darin, daß besonders bei kaufmännischen Angestellten nur ..jüngere Arbeitskräfte", d. h. solche, die allevhöchstens 25 Jahre alt sind, angefordert werden. Solche sind aber heute kaum noch vorhanden, da ja gerade die jungen Juden in sehr starkem Maße nach Palästina und anderen Ländern ausgewandert sind oder sich durch Berufsumschichtung wieder ins Wirtschaftsleben eingegliedert haben. Für ältere Angestellte ist diese Möglichkeit naturgemäß viel seltener gegeben. Aber sie müssen doch ebenfalls auf irgendeine Weise wieder ins Wirtschaftsleben eingegliedert werden, sonst fallen sie dauernd der jüdischen Wohltätigkeit zur Last. Das kann nicht geschehen, wenn wie bisher auch von jüdischen Arbeitgebern immer nur junge Kräfte angefordert werden. Es darf doch nicht dahin kommen, daß schon für 25- bis 35jährige kaum Aussicht besteht, Arbeit zu erhalten. Jeder jüdische Arbeitgeber, der es heute noch ermöglichen kann, Juden einzustellen, müßte so viel Verständnis für die heutige Lage haben, daß er nicht von Anfang an ältere Arbeitnehmer ablehnt und ausschaltet. Hierdurch würde sich sicherlich für manchen unserer arbeitslosen Glaubensgenossen die wirtschaftliche Lage verbessern, und so die Fürsorge entlastet werden. Selbstverständlich ist es angebracht, sich bei der Einstellung von Arbeitskräften der hier bestehenden Stelle für jüdische A r b e i t s v e r m i 111 u n g zu bedienen, da diese ihre Bewerber nach Fähigkeiten und Persönlichkeit durchaus kennt und abschätzen kann. H. F. Bassevi \on Treuenberg In der Pieichenberger Zeitung, Tagblatt für das deutsche Volk in Böhmen, vom Dienstag, den 8. Mai 1934 (N'r. 106.). wird über eine Gedenkfeier für Jakob Bassevi von Treuenberg belichtet. Wir bringen durch gütigen Hinweis von Frau Sofie Bergen, Frankfurt a. M., einen Auszug: Sonntag, den 6. Mai, fand in Jungbunzlau eine Gedenkfeier für den vor genau 300 Jahren auf dem dortigen Friedhof begrabenen Jakob Bassevi von Treuenberg statt. Er war der erste Jude, dem der Adel des römisch-deutschen Kaiserreiches nebst einem Wappen verliehen wurde. Bassevi hatte sich große Verdienste um die Finanzierung der Habsburgischen Unternehmungen erworben. Er übersiedelte zu Anfang des Dreißigjährigen Krieges von Wien, wohin er aus Italien eingewandert war, nach Prag, wo er P r i m a t o r des Ghetto wurde, und trat dann in die Dienste Wallen- Steins, dem er in der Beschaffung der gewaltigen Kriegsmaterialien behilflich war. Zum Münzmeister ernannt, führte er in den Jahren nach der Schlacht am Weißen Berge im Auftrage eines Konsortiums von Hochadeügen jene unglückselige Münzverschlechterung durch, durch die das Land verarmte, Wallenstein und seine Freunde aber ungeheure Reichtümer erwarben. Bassevi hatte durch "die Kaiser Matthias und Ferdinand und später durch Wallenstein ganz ungewöhnliche Handelsprivilegien erhalten. Er starb kurz nach der Ermordung seines Gönners Wallenstein und hinterließ kein nennenswertes Vermögen. Nachkommen von ihm leben noch in Prag, Reichenberg, Frankhirt a. M. und den Vereinigten Staaten.