Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 10 (6.1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 397 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 397 Ein Jahr jüdische Beratungsstelle für Wirtschaftshilfe Nach einem Jahr segensreicher und aufopfernder Tätigkeit als Gesdiüftsführerin der Jüdischen Beratungsstelle für Wirtschaftshilfe ist Frau Dr. Emmy Löwenthal von ihrem Posten geschieden und nach Palästina übergesiedelt. In einem Bericht über die Arbeit der Beratungsstelle vom April 1933 — April 1934 legt Frau Dr. Löwenthal Zeugnis . von der unter ihrer Leitung geleisteten Arbeit ab. Wir bringen daraus einige aufsdilussreidie Stellen zum Abdruck. Die Jüdische Beratungstelle für Wirtschaftshilfe besteht jetzt ein Jahr. Bei ihrer Gründung" wußte man nur, daß damit für die Menschen, die durch die neuen Maßnahmen dieser Tage ihre Existenz verloren hatten und rat- und hilflos waren, gesorgt werden sollte. Ueber das Ausmaß der Not. über die Dauer der neuen Situation, über den Kreis, auf den sie sich weiter auswirken konnte, wußte man nichts. Auch die Hilfsmöglichkeiten waren nicht zu überblicken. Es galt dreierlei: 1. Einfach da zu sein, um den Menschen, die Rat brauchten, das Bewußtsein zu geben: es gibt eine jüdische Stelle, es gibt Menschen, die gerade um ihre Situation sich nun kümmern und Wege zur Hilfe suchen. 2. Eben diese Hilfswege zu suchen durch Schaffung einer Uebersicht über die Hilfsmöglichkeiten einerseits und die Notstände andererseits. 3. Die Aufbringung von Mitteln zur pekuniären Hilfe. Es wurden Sprechstunden eingerichtet. Zuerst glaubte man, mit zwei Nachmittagen auskommen zu können. Aber schon nach der ersten Woche war der.Andrang so groß, daß eine tägliche Sprechzeit eingerichtet wurde. Aus den Aufzeichnungen der ersten Tage geht der ständig wachsende Sprechstundenbesuch hervor; so waren z. B. am 8. Mai 1933, einen Monat nach Eröffnung der Stelle. 88 Besucher in der Sprechstunde. Die Sprechstunden wurden von der Geschäftsführerin der Beratungsstelle abgehalten, die während der ersten Wochen die einzige Angestellte war. Daher war es erforderlich, einen möglichst großen Kreis ehrenamtlicher Mitarbeiter heranzuziehen. Es bestand eine freudige Bereitschaft zur Mitarbeit in weiten Kreisen — eine Bereitschaft, die dem Wunsch zum Helfen entsprang und deren praktische Verwirklichung dadurch erleichtert wurde, daß einzelne Mitglieder selbst aus dem Arbeitsprozeß ausgeschaltet waren und Zeit hatten. Dieser Kreis von ehrenamtlichen Mitarbeitern war immer bereit, seine Zeit und Kraft für die Arbeit einzusetzen. Auch als später noch eine Bürokraft und für halbe Tage noch eine weitere Kraft angestellt wurden, blieb ein großes Arbeitsgebiet für die ehrenamtlichen Mitarbeiter. Nach der fachlichen Qualifikation der Mitarbeiter und entsprechend dem ratsuchenden Publikum wurden bald Fachgruppen für Aerzte, Juristen, Kaufleute, Lehrer und Sozialbeamte gebildet. Der Sprechstundenbesuch schwankte zwischen 30 und 90, er beträgt im Durchschnitt etwa 50 Besucher pro Tag. Im Laufe der Monate hat sich wohl eine Verschiebung der Zusammensetzung der Sprechstundenbesucher ergeben, aber kaum eine ziffernmäßige Veränderung. Die Beratungsstelle behielt als eigene Organisation ihre'Selbständigkeit. Ihr Vorsitzender ist der Sozialreferent der Gemeinde im übrigen unterstehtsieeinem von der Gemeinde unabhängigen Gremium. Die Arbeit der Stelle unterschied sich von Anfang an von sonstiger sozialer Arbeit. Hier lagen Notstände vor, da ganze Gruppen ausgegliedert und eine .,Wiedereingliederung" in der üblichen Weise fast immer Ausgeschlossen war. Es waren neue Wege zu suchen. Dabei war vor allem wichtig, eingehendes Ini'onnationsniaterial über Studien- und Niederlassungsmöglichkeiten im Ausland, über Aufenthalts-, Einwanderungs- und Arbeitsgesetze, über die gesetzlichen Bestimmungen für die einzelnen Berufsgruppen in Deutschland und im Ausland usw. zu beschaffen. Aber auch nach Kenntnis des nötigen Informationsmaterials blieb es schwer, die richtigen Hilfsmaßnahmen zu treffen. K o 11 e k t i v 1 ö s u n g e n haben sich nicht in dem erhofften Maße finden lassen. Es mußte für jeden Einzelnen eine i n - dividuelle Lösung gesucht werden. Diese Lösungen scheiden sich prinzipiell darnach, ob eine Wiedereingliederung innerhalb Deutschlands in Frage kam oder Auswanderung. Bei den Lösungsversuchen innerhalb Deutschlands handelt es sich vor allem um Existenzgründungen kaufmännischer Art, die durch die Kaufmännische Fachgruppe zum Teil inhibiert, jedenfalls aber geprüft und durch Mittel der Beratungsstelle erleichtert wurden. Diese kaufmännischen Beratungen nahmen schon zu Beginn der Arbeit einen verhältnismäßig großen Raum ein. Ihren Höhepunkt erreichten sie nach den ersten Monaten, nachdem die Situation für Akademiker, die zuerst das Hauptpublikum der Beratungsstelle gebildet hatten, mehr geklärt war. In den letzter. Monaten des Jahres war zwar der Sprechstundenbesuch der Kaufleute noch groß. Aber die Gründung einer Existenz wird immer schwieriger. Neben diesen selbständigen Kaufleuten war für die große Zahl der entlassenen Angestellten zu sorgen. Für diese mußte, soweit es zweckmäßig erschien, daß sie in ihren alten Berufen und im Inland blieben, in Verbindung mit den Arbeitsnachweisen Stellen gesucht werden. Da die Möglichkeiten der Unterbringung aber nur verhältnismäßig klein sind, war es für viele nicht möglich, in Deutschland eine Existenz zu finden. Bei der Auswanderung ist sowohl nach Ländern als auch nach dem Zeitpunkt der Auswanderung zu unterscheiden. LEDERWAREN KOFFER REISEARTIKEL L. LESCHHORN 3 KAISERSTRASSE 3