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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-06-01 · 10 (6.1934) · p. Seite 396

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
10 (6.1934)
Date
1934-06-01
Page
Seite 396 (sequence 10)
Language
German
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Seite 396 Namen aus Kreisen des Erwerbslebens und von Gelehrtenfamilien an: Rabinowicz, Doktorowicz, Kantorowicz, das nach einem alten dörflichen Ort bei Krakau wohl die Familienfolge des Guts- oder Ortsschreibers bezeichnet. In Horowicz, Hurvitz. Haurwitz, das auf den Namen des mährischen Ortes Horowice zurückgeht, sind die Abweichungen von o, u, au aus der verschiedenen Transskription des hebräischen Waw zu erkläreii. Im Russischen wandelt sich nach dem Lautgesetz Horowicz zu Gurewicz. Denn wie im Altspanischen vor dem 16. Jahrhundert für h ein f eintrat, also farpa für harpe, Harfe, faraute für heraut, Herold, fonta für honte, Schande (auch Coffen statt Cohen), so verhärtet sich im Russischen das ihm fehlende h zu g. Also wird dort das westdeutsche Kahn zu Kagan. das ostdeutsche Cohn zu Koigen. Die Ferndissimilation des letzten der beiden gleichen Vokale hellt das zweite dunkle o zu e auf. Diese findet sich ebenso in Mossewitsch. Samolewitsch. Joselewitsch und vielen anderen, wie in Zarewitsch, des Casars Sohn, und mit der Feminalendung „in" in Zarewna. seine Frau. Aber auch der deutsche Sprachgeist hat sich, über die Ostgrenze hinaus vordringend, der patronymialen Endungen bemächtigt. Die entsprechende polnische enthält Salomonski, Lipmanski und viele andere. Wie in diesen, so tritt auch in dem rumänisch-jüdischen Namen Cosmanescu die slavische Endung gleichfalls an einen gut deutschen, nicht an den sonst üblichen romanischen Stamm, denn Cosman ist aus Gottesmann zusammengezogen. Wie im ostischen Jargon dem Mitteldeutschen, im sephardischen Ladinisch dem Altkastilischen durchgängig hebräische Elemente beigemischt sind, so verweben sich hier altbiblischer und deutscher Sprachgeist mit den sprachlichen Formen anderer Völker zu einer sie alle überwölbenden geistig seelischen Einheit. Ueber alle hemmenden Schranken der Zeit und des Raumes sieghaft hinwegschreitend, zwingen sie das Gesetz der Sprachbildung in ihren Dienst, um all denen, welche die herbe Bürde jener Namen im Ernst der Zeit behaupten, den in ihrem Schöße ruhenden abramitischen Geschlechtersegent zu spenden. Trotzdem drängen die Namen den Einzelnen auch dazu, den Stempel seiner persönlichen Eigenart deutlich in ihm auszuprägen. Daher veränderte sich ihre äußere Gestalt nach der verschiedenartigen Formkraft der Umgebung, die so vielgestaltig ist, wie das Leben selber. So wurde der Name von Moses Schwester Mirjam unter den verschiedenen Völkern zu Maria, Marie, Mary, Mariane, Marianka, Maritza, Merle, Mirel und erfuhr in Frankreich die feine Abstufung vom Kosenamen Mariette zur geringwertigen Marionette und leichtfertigen Marielle. Die Prophetenmutter Channa, der Gracia Deutsche EHecten- und Wechsel-Bank vorm. L. A. Hahn — gegründet 1821 — Akt. Ges. seit 1872 FRANKFURT A. M. KAISERSTRASSE 30 DEPOSITENKASSEN: Konstabier Wache Allerheiligenstr. 89 Offenbach a.M. Frankfurterstr. 54 Bockenheim Leipzigerstr. 50 Osthafen Hanauerldstr. 125 Höchst a. M. Dalbergstr. 3 gleichzustellen, wurde Anna, Hannele. Annita im Engadin zu Nannerl und andere Namen weiteten sich zu einem noch viel größeren Umfang aus. Ueberdies wandelte der durch die Umweltbedingungen eingeengte und dadurch zu noch lebhafterer Beweglichkeit angespornte jüdische Volksgeist die deutschen wie die biblischen Namen zu einer so grotesken Fülle ähnlich klingender weiter, daß die kaiserliche Regierung in Lemberg 1787 ein für Wort und Schrift allein gültiges „Verzeichnis der Männer- und Weibernamen" herausgab. Der mindest verbreitete biblische Namen ist weit häufiger vertreten als der bekannteste der seit dem Mittelalter sehr verbreiteten, auch im Spanischen beliebten Herkunftsnamen. An spärliche biblische Beispiele anknüpfend, nennen spätere jüdische Namen bisweilen Vorzüge des Leibes und der Seele, die S e h n s u c h t s w ü n s c h e der Mütter, mit denen sie ihre Lieblinge für den ungewissen Lebensweg ausstatteten. Rabbi Don Santob preist in seinen altspanischen Moralsprüchen Mitte des 14. Jahrhunderts, dem Hohenlied 1,6 folgend, die Brünetten. Im Deutschen finden wir sie in Bruna, Breindel, Brendle wieder, allgemeiner klingen Schönche, Schönle neben Bela, Beile von Bella, während Chatte. Kela dem Namen der Mutter aller Lebenden Eva zur Seite zustellen wäre. Innere Vorzüge nennen Gitla, Gude, Gudula. Daneben finden wir Frommet, Liebele, Telzche von dulcis, douce Süßel, Freudel, Glückel, Genendel, Gnana die Wagemutige, Eifrige, Sprinze von esperanza, die gläubig Hoffende. Durch sinnverwandten Vergleich entstanden Blümche, Rosine, Feilche, Vögele, Täubchen; Golda, Margulia,MargolithnebenPerls. Auf die natürliche Zugehörigkeit zum Boden verweisen Zusammensetzungen mit Berg, Fels, Tal, Bach, Strom, Wasser, Heide, Förde, Feld, Wald, Busch, Strauch, Baum, Holz, Stamm, Zweig, Stengel, Stiel, Blatt, Blüte, Blume, Frucht, Beere, Traube. Sie bezeugen das innige Heimatgefühl, das die jüdischen Familien mit dem Boden ihrer Väter verbindet. All jene der zartesten Mutterliebe entstammenden wurden zu metronymisch fraulichen Familiennamen weitergeleitet. So entstanden neue Zusammensetzungen mit Lilie, Tulpe, Nelke, Gewürz, Apfel, Birne, Wein, Mandel, Nuß, Dattel, Feige, Muskat, Pomeranz, Citron, Olive, Eiche, Tanne, mit Silber, Geld, Stahl, Eisen, Kupfer, Blei, dann Perle, Diamant, Rubin, Saphir, Karfunkel, Kiesel, Stein, Saud, ferner Sonne, Stern, Feuer, auch Engel, Mensch, besonders volkstümlich war die Zusammensetzung mit Mann, und ihren Vorzügen wie Ehren, Preis, Edel, Wert, Bieder, Treu, Gerade, Gleich, Gerecht, Frisch, Frank, Mutter, Lieb, Gut, Selig, Frieden, Demut, Fromm, Freundlich, Fein, Leise, Still, Wohl, Nobel, Hübsch, Blank, Rein. Sephardische Familien haben nur vereinzelt Uebertragungen ähnlicher bürgerlicher Namen angenommen wie Bonwitt von Bonfils (Gutkind) oder von Bonavita (Wohlleben, chajim towim). Sonst fehlen den in ihrer alten Heimat günstiger Gestellten jene in Deutschland schon im frühen Mittelalter angenommenen schmückenden Namen gänzlich. Dagegen finden sich in schwedischen, rein arischen Familien sogar Namen wie Lorbeerzweig, Zederström, Rosenlöwe, Bärensohn, Ehrenstrahl (Mitteilungen der Gesellschaft für jüdische Familienforschung Heft 3, S. 55, H. 32, S. 505). Die in den rätoromanischen Tälern des Engadin erhaltenen Namen wie Stern, Spiegel usw. gehen unter den Juden auf Hauszeichnungen im Frankfurter Ghetto zurück (ebenda S. 504). So wetteifern die Kinder der Ghettobewohner mit den vereinsamten Tiroler Bauern im zähen Bewahren echt deutschen Kulturgutes durch ihre gleichlautenden Namen. Nicht der liebliche Klang und funkelnde Glanz, nicht Gewinnsucht noch Geltungsbedürfnis, romantisches Schwärmen oder eitle Selbstgefälligkeit haben die zuletzt aus dem ästhetischen Idealismus unserer' klassischen Zeit hervorgegangenen deutschen Modenamen in Umlauf gesetzt. Als die staatsgesetzliche Verfügung von den Juden zwar die Führung bürgerlicher Namen forderte, aber Namen untersagte, die im Volke schon zahlreich vertreten waren, rang ihre jüdische Seele danach, die ihnen zugedachte Verächtlichmachung durch die von Goethe geforderte Ehrfurcht vor sich selber, die gemeinsame Bestimmung, den-gemeinschaftlichen Eigenwert zu überwinden.

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