Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 10 (6.1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 395 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 395 keit bietet. Bei der Benutzung dieser Quellen sind, ab gesehen von dem erforderlichen Maß hebräischer Kenntnisse, einige Voraussetzungen zu erfüllen. Zunächst muß man den Kreis der alten Frankfurter jüdischen Familien, ihrer Stammeszugehörigkeit, ihrer Versippung und ihrer Herkunft nach ungefähr kennen, um zu wissen, ob es Zweck hat eir.a Person und ihre Vorfahren hier zu suchen. Es wird zunächst festzustellen sein, ob es sich um eine Priesterfamilie ( *ru2 Cohen Zedek) oder etwa um levitische Abkunft ( ^"jq , "H^n ) oder schließlich um keines von beiden handelt. Das ist nicht immer einfach. In dieser Hinsicht sind Dietz schwerwiegende Irrtümer unterlaufen, wie beispielsweise bei den Familien Dettingen und Schuster (S. 224 und S. 271), wo Elias, Sohn des Model (Dettingen als einer der Stammväter der Priesterfamilie Schuster angesehen wird, während er einwandfrei als Levite nachgewiesen ist. Aehnliches gilt für die Hecht (S. 148), die von Dietz zu den Leviten gezählt werden, während es sich hier um mindestens zwei Familien handelt, von denen eine zweifellos dem Priesterstamm angehört. Was die F a m i 1 i e n n a m e n der Frankfurter Juden betrifft, so lassen sie sich abgesehen von den Stammesnamen Cahn (Cohen) und Levi in mehrere große Gruppen einteilen: Herkunftsnamen, Häusernamen, Berufsbezeichnungen und Eigenschaftsbezeichnungen. Bei den Herkunftsnamen findet man in den Quellen oft die alten Schreibweisen wie Magenza und Menz für Mainz; Spira für Speyer; Wirmeise, Wirms und Werms für Worms; Dorum für Dorheim; Horum für Harheim. Orbich bedeutet Urberach; Chelberich und Kelberich bedeutet Heldenbergen; Winnig steht für Windecken. Die hebräische Abkürzung — Zelem-makom steht zuweilen für Kreuznach. Die Entzifferung solcher oft vorkommender Abkürzungen ist überhaupt eine ebenso notwendige wie fesselnde Hilfswissenschaft. So bedeutet z. B. Oppenheim: 2 Bucns" bäum, später auch Bamberg (er): n Jf Hirschhorn; x .7! Hufeisen; g Friedberg; ' £ Fahrgass - Zuntz: p -> Rindskopf; Schwarzschild; ->) Rothschild; Niederhofheim; 2 h Langenbach: 2 J! Grünebaum, auch Gambach und Gamburg;; Gelhäuser (in einzelnen Fällen auch Grünhut) und später Gundersheim; 2 H Heidelberg; r; Flörsheim: •£» Schwarzadler; 2 ~) Reinganuni; 3; Neugaß; E n Windmühl; Papagei: -j *\ Düsseldorf; n f St. Goar usw. Dagegen bedeutet 3 nicht Goldschmidt, sondern Goldener Strauß: p j nicht Sack, sondern Silberkron. In diesem Zusammenhang sei auch darauf hingewiesen, daß bei der Zulegung von Familiennamen manche Familien in kleinen Gemeinden häufig gutklingende Namen hervorragender Frankturter Familien angenommen haben, wie Rothschild, Schwarzschild, Goldschmidt, Stern usw., daß aber in solchen Fällen verwandtschaftliche Beziehungen nicht bestehen. Unter den Namen, welche von Berufsbezeichnungen abgeleitet sind, findet man viele charakteristische: Chasen, Dajan, Schochet, Schates, Schulenklopper, ferner die Bezeichnung Kalsmeschores (Gemeindediener), die in ihrer Abkürzung p zu den Namen Korne. Kume und Kauma geführt haben dürfte. Ferner die Namen Sofer (Schreiber), Rofe (Doktor), Kazef, Koch, Chosemstecher (Steinschneider) u. a. Es tauchen auch ganz ausgefallen klingende Namen auf wie Bamp für Falk, Pfeffer für Flesch. Butche für Schwarzschild. Gehler für Maas usw. In dieser Aufstellung ist die Reihe der interessanten Namensquellen nicht erschöpft. Es bleibt Sache des Forschers, sieh durch das oft nur scheinbare Labyrinth des Fremden und Unbekannten durchzuarbeiten. In vielen Fällen gelingt es alsdann, alteingesessene Familien bis etwa in das erste Drittel des 1(5. Jahrhunderts mit Sicherheit nachzuweisen und fast lückenlos zu verfolgen. Altbiblische und deutsche Namen der Juden Von Dr. Max Golde Zu allen Zeiten haben die Juden die Familien- und Ahnentreue gepflegt. In diesem Bestreben beflügelte sie vielfach auch die Botschaft ihrer Ahnen, die ihnen ihre Namen künden. ■*) Durch ihre Namen leben die ältesten Geschlechter der biblischen Menschheit noch jetzt in unserer Mitte fort; von Adam und Eva, Abel und Noah bis Askenas. Das strenge Festhalten am Wortlaut der Gotteslehre hat nicht allein die Namen der Erzväter und Stammeshäupter in Israel sondern auch die cognomina oder sinnbildlichen Beinamen der Söhne Jakobs fortgepflanzt. Ihre Namen in Jakob Segen sind als bürgerliche Namen neben die synagogalen getreten, der Löwe als Attribut Judas, Hirsch, Hirschel zu Naphtali, Fisch, Fischel zu Ephraim, Wolf zu Benjamin, statt des Esels der gleich starkknochige Bär zu Isachar. Auch die Namen der biblischen Richter, Richterinnen und Könige, von Debora bis Simson, von Saul und David bis Gedaljah leben weiter. Aber die Namen derjenigen Fürsten, die sich auf die Priester, die Großen und die nur das zeitliche Wohl verheißenden falschen Propheten stützten, blieben nicht in Gebrauch. Andere jüdische Namen weisen auf die Verkünder der Ideen des Völkerfriedens und -der gemeinnützigen Förderung der menschlichen Wohlfahrt ■zurück. Durch sie gemahnt uns der unvergängliche Genius des jüdischen Stammes zu Ausgleich und Verständigung. Es ist die lange Reihe von Moses und Elias bis Zacharias. Im gleichen Sinne wirken auch die ostischen Namen, die unseren Fest- *) Die Erforschung der jüdischen Familiennamen geschieht durch die Gesellschaft für jüdische Familienforschung (Berlin W. 9, Tirpitzufer 12), die ■am 26. Mai auf ihr zehnjähriges Bestehen zurückblicken kann. Zeiten entlehnt sind, wie Sabbatai, Nissan, Pessach, Jomtow. Durch ihre sprachliche Form rufen andere uns auf. ur.entAvegt standzuhalten in der schlicht-treuen Nachfolge des sichtbaren göttlichen Waltens auf Erden. Mit ihrem Hinweis auf die früheren Geschlechter stählen sie und bewahren uns die Kräfte rein, daß wir uns zum Eintreten für den Fortschritt des Guten rüsten, wann immer sich uns Gelegenheit dazu bietet. Eines der zahllosen Sprichwörter der Sephardim sagt: Wenn wir auch keine newiim sind, so kommen wir doch von newiim her. In diesem Sinne fordern die Patronymika von uns, die traditionelle Familientreue zu wahren. Seit dem Ende der biblischen Zeit überliefern sie die Namen der Voreltern, seit der nachexilischen die des Großvaters den Söhnen und weiterhin den späteren Geschlechtern. So entstanden die Abraham-, Moses-, Levy-, Rubensohn usw., Jakobsen u. a. Oft gehen die Familiennamen nicht auf Personensondern auf Ortsnamen zurück, vielfach auf beide zugleich. Sie sind nicht immer durch Wortstämme sondern auch durch bloße Endungen gekennzeichnet. Diese treten zu den Namen der Erzväter in Abramowicz usw. hinzu, zur Verkürzung des Prophetennamens in Jolowicz neben Joelsohn, in Lewkowicz, von Lewek, dem wackern, ursprünglich kleinen Levi (Romanische Forschungen, Bd. 41 H. 1: Max Golde, Diminutiva im Altfranzösischen), also gleich Lewisohn. Die Mystik des Mittelalters fügte die gleichen Endungen an die Namen der Engel in Michael-, Gabriel-. Rafaelowicz. Späterhin nehmen sie auch