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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-06-01 · 10 (6.1934) · p. Seite 394

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
10 (6.1934)
Date
1934-06-01
Page
Seite 394 (sequence 8)
Language
German
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Seite 394 Ueber jüdische Familienforschung Von J. Meyer Frankfurter Memorbuch mit Gedenkeintrag für Rabbiner Jakob Josua Falk, Verfasser des Pne Jehosdiua, gest. 17. Januar 1756 Archiv der Israelitischen Gemeinde Die früher von einzelnen Mitgliedern hervorragender Familien als Liebhaberei mehr oder weniger kostspielig betriebene Aufstellung von Stammtafeln ist plötzlich Sache der Allgemeinheit und Forderung des Tages geworden. So verschieden im Einzelfall der Anlaß der Nachforschung sein mag, so einheitlich und rege ist die Spannung, die zur Zeit auf dem Gebiet dieser Wissenschaft herrscht. Ein großer Behördenapparat hat sich eingeschaltet, um durch Verordnung, Beratung und praktische Anleitung die Sippenforschung allmählich zum Gemeingut zu machen. Infolge ministerieller Verfügungen hat man im ganzen Reich Erhebungen über die vorhandenen Quellen (Chroniken, Kirchenbücher, Standes- 'xegister usw.) von den frühesten Zeiten bis in die Gegenwart eingeleitet, um diese für die Forschung wichtigen und unersetzlichen „Schriftdenkmäler" sicher und unter Denkmalschutz zu stellen. Wer durch Beruf oder Neigung dazu kommt, Familienforschung zu treiben, kann ermessen, welcher große Dienst dieser Wissenschaft durch solche behördlichen Maßnahmen geleistet wird. Denn ernsthafte «Arbeit auf diesem Gebiet ist, weil die Quellen weit verstreut sind, oft unendlich mühevoll. Wir haben in Deutschland erst seit dem Jahr 1875 eine durch Reichsgesetz geregelte einheitliche Standesbuchführung. Vorher war sie zum überwiegenden Teil Aufgabe der kirchlichen Behörden und insofern Einzelpersonen mit größerer oder geringerer Verantwortlichkeit überlassen. Das ist eine der Ursachen, die die Nachforschung über den erwähnten Zeitpunkt hinaus erschwerten. Man wird zwar in vielen Fällen bei den Standesämtern erfahren können, bei welcher Behörde oder Stelle weitere Hinweise über eine gesuchte Familie zu erhalten sind, und manchmal auch aus Urkunden solcher Stellen, die bei den Standesämtern gesammelt sind, Auskunft erhalten; aber die Tatsache, daß sich der Forschung von diesem Zeitpunkt an die ersten Hindernisse entgegenstellen, wird dadurch nicht geändert. Den meisten Nachforschungen ist mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts Einhalt geboten, das heißt, es wird in der Regel nicht möglich sein, ohne Zuhilfenahme andere) Quellen eine Familie weiter als vier Geschlechter zurück, als' bis höchstens zum Urgroßvater, zu verfolgen. Bei uns Juden bestehen in dieser Hinsicht weitere Schwierigkeiten. Ehe davon ist der Umstand, daß bis zum Ende des 18. Jahrhundej ts viele Familien noch keinen bestimmten Familiennamen zugenommen hatten und daß es vorkommt, daß eine und dieselbe männliche Person im Laufe ihres Lebens ihren Name^i mehrmals geändert hat, bis sie durch die Annahme eine:.- Familiennamens diesen zu ihrem endgültigen machte. Man ist demnach in den meisten Fällen darauf angewiesen, eine Familie auf Grund der Vornamen ihrer Glieder soweit wie möglich zurück zu verfolgen, was wiederum auf Grund, der Tatsache möglich ist, daß gemäß der Tradition in früheren Zeiten der Name des letztverstorbenen Vorfahren durch einen Neugeborenen fortgepflanzt wurde. Eine andere, ungleich größere Schwierigkeit liegt in der betrüblichen Tatsache, daß viele Gemeinden, in denen einstmals starkes jüdisches Leben pulsierte, verödet und infolgedessen familiengeschichtliche Aufzeichnungen, die in einem gewissen Ausmaß wohl überall vorhanden waren, verschleppt oder verschleudert worden sind. Bestenfalls findet man nach unsäglicher Mühe manchmal auf einem Dachboden ein zerrissenes oder halb vermodertes Dokument, mit dem der letzte noch an dem Ort wohnende Glaubensgenosse mangels genügenden Verständnisses nichts anzufangen wußte. (Verf. hat gelegentlich festgestellt, daß in einer benachbarten Gemeinde des Bezirks, welche seit etwa 300 Jahren existiert — jetzt aber nur noch aus zwei Familien besteht — und ehemals zwei Friedhöfe unterhielt, in der jedoch ein Minjan längst nicht mehr vorhanden ist, der frühere Kultusbeamte bei seinem Ausscheiden das Memorbuch mit sich genommen hat. Der Betreffende ist längst verstorben, das wertvolle Dokument ist, da Nachforschungen nicht angestellt wurden, spurlos verschwunden.) Erfahrungsgemäß wird man in den seltensten Fällen von kleinen Gemeinden familiengeschichtliche Nachrichten erhalten können, wenn sie nicht schon in früheren Jahrzehnten durch die Forschung ermittelt und in der einschlägigen Literatur niedergelegt worden sind. Auch viele Friedhöfe, jene letzten und eigentlich zuverlässigsten Auskunftsmittel, versagen infolge ihres durch Alter und mangelnde Unterhaltung fortgeschrittenen Verfalls. Dagegen böte die Sammlung noch vorhandener Thora-Wimpeln und ihre systematische Aufnahme und Bearbeitung durch eine zentrale Stelle wichtige Anhaltspunkte für die Forschung. In größeren jüdischen Zentren mit geregelter Verwaltung liegen die Möglichkeiten der Familienforschung günstiger. In Frankfurt a. M. haben wir für die Zeit seit Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Jahre 1875 regelrecht geführte Geburts-, Heirats¬ und Sterberegister, sowie in Anlage und Aufbau bis zu diesem Zeitpunkt mustergültige, bei der Gemeinde fortgeschriebene Familienregister, allerdings nur der hier eingebürgerten jüdischen Familien. Von der Beurkundung von Zivilstandsfällen fremder, d. h. nicht eingebürgerter Juden hat man in der Regel abgesehen. Außerdem besitzt das Gemeindearchiv ein Sterberegister für die Zeit von 1709—1807 in deutscher, ferner Geburtseinträge (von Hebammen) für die Jahre 1748—1805 und HeiratsregisTer" aus den Jahren 1647—1683 und 1728—1738, in hebräischer Schrift. Weiterhin existiert das gleichfalls hebräisch geschriebene Memorbuch mit Einträgen seit 1629—1856. Nicht im Besitz der Gemeinde« sind die Beerdigungsbücher der beiden Beerdigungsbruderschaften (Chewroth), die etwa um die gleiche Zeit be-\ ginnen. Diese für die Forschung höchst wertvollen. Dokumente \ erfahren noch eine Ergänzung durch die von Rabbiner jM- Horovitz s. A. selbst gesammelten und veröffentlichten/*) Grabsteininschriften des alten Friedhofs am Börneplatz. Auch D i e t z , Stammbuch der Frankfurter Juden, verdient in diesem Zusammenhang Erwähnung, wenngleich dieses Werk nicht immer Gewähr für absolute Zuverlässig- *) Verf. hat es unternommen, die Inschriften in Bezug auf Namen und Todestage durchzusehen, mit den vorhandenen Quellen zu vergleichen und, soweit möglich, Fehler zu berichtigen und Auslassungen zu ergänzen.

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