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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-06-01 · 10 (6.1934) · p. Seite 392

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
10 (6.1934)
Date
1934-06-01
Page
Seite 392 (sequence 6)
Language
German
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Seite 392 die Beherrschung des Wortschatzes bleibt in jedem Falle erstaunlich. Seine hebräischen Dichtungen sind sehr sauber gearbeitet. Etwa 40 Gesänge von Meir sind erhalten. Ueberblickt man sie, so wird deutlich, daß er sich an das Mainzer Gebetbuch anlehnt. Was dort an Piutim Kalirs oder Simon b. Isaaks angenommen war, setzt er offenbar als anerkannt voraus. Seine Aufgabe sieht er dort gegeben, -wo Lücken im Kranz der Dichtungen vorhanden waren. So schuf er z. B. Jozer Poesien, je eine für die drei Wallfahrtsfeste oder eine für den Neumondsabbat, Gesänge für das Abendgebet der Wallfahrtsfeste, so ergänzte er die bei Kalir nicht überlieferten Dichtungen für die ausgezeichneten Sabbate, vermehrte er die Zahl der Elegien (Selichot) für die Sühntage. Neu führte er Gesänge für den Hochzeitssabbat ein, wenn ein Neuvermählter das erstemal die Synagoge besuchte und von der ganzen Gemeinde feierlich begrüßt wurde. Neuartig sind auch seine zahlreichen Gesänge in aramäischer Sprache als Einleitungen zum Vortrag der Targumim: Am siebenten Tag Pessach und am ersten des Offenbarungsfestes wurden die Festvorlesungen vom Auszug aus Aegypten und der Offenbarung am Sinai durch das Targum illustriert; Meir hat nun durch zahlreiche Gesänge Vorsprüche zu den einzelnen Teilen dieser Vorlesungen, z. B. zu den einzelnen Sprüchen des Dekalogs geschaffen. Seine Dichtungen erfreuten sich großer Beliebtheit, wurden viel abgeschrieben und häufig als Muster zitiert, sie galten als besonders gewandte Wiedergabe halachischer und hagadischer Inhalte. Das ist auch ihr bedeutendster Vorzug, sie sind mehr gelehrt als dichterisch. Neben Meir wirkte Isaak Halevi, der Rabbiner von Worms. Er ist als einer der Lehrer Raschis sehr bekannt und wurde von diesem als vornehme, selbstlose Persönlichkeit aufrichtig verehrt. Seine Talmuderklärungen, seine halachischen Entscheidungen werden häufig angeführt und als Aeußerungen -einer hohen Autorität ernst besprochen. Seine Bedeutung liegt in erster Reihe auf dem Gebiete der Halacha, hier sei nur von seinem Einfluß auf die Synagoge und auf das Gebetbuch gesprochen. Es gab damals noch so manche Einzelheit, die umstritten war, und gerade Isaaks Stellungnahme wurde in zweifelhaften Fragen vielfach maßgebend oder fand wenigstens vorübergehend sehr viel Beachtung. Sie erfolgte häufig im Gegensatz zu Isaak b. Jehuda aus Mainz, einem andern Lehrer Raschis. Daß Mainz der Vorort ist, von dem die Ueberlieferung ausgeht, merkt man auch hier. In Mainz betete man am Neujahrsfeste nach dem Vorbild von Palästina und Italien das Gebet Wehassienu, in Worms wollte Isaak Halevi das nicht dulden, weil er auf das Neujahrsfest nicht die Bezeichnung Moed angewandt wissen wollte, die ihm nur für die Wallfahrtsfeste angemessen schien. Eine andere Meinungsverschiedenheit betraf das Rezitieren der Opferverse im Mussafgebet des Neujahrstages. Andere umstrittene Fragen betrafen die Vorlesung von Thora und Propheten. Es sind nur geringfügige Einzelheiten, die uns durch den Zufall überliefert sind; sie zeigen uns, daß damals vielfach noch Bewegung in der Synagoge herrschte und der Ritus nicht in allen Einzelheiten festgelegt war. Wieviel unter dem als „Minhag von Worms" Ueberlieferten ihm angehört, ist schwer zu sagen. Eine dritte Gestalt aus den ersten Jahrzehnten der Wormser Synagoge ist E1 i e s e r b. Isaak mit dem Beinamen „der Große". Auch er gilt als hervorragende rabbinische Autorität, und gehört wahrscheinlich der Generation vor Isaak und Meir an. Er war vermutlich ein begabter Prediger und suchte das Volk zu ermahnen. Was wir von ihm besitzen, ist eine Sammlung von Mahn- und Sittensprüchen unter dem Titel Orechot Chajim (Pfade des Lebens), ein Vademecum, das nach dem Vorbild des biblischen Spruchbuchs stets mit der Anrede „Mein Sohn" beginnt und daher als „Testament R. Eliesers" bekannt ist. Das Sittenbuch besteht aus 64 Mahnungen, die äußerlich ganz formlos nebeneinandergereiht sind, inhaltlich aber in der Hauptsache eine logische Folge zeigen. Die erste Hälfte handelt von den religiösen und sozialen Pflichten, während die zweite mehr auf das persönliche Verhalten eingeht, sich da freilich in Einzelheiten verliert. Der Standpunkt ist überirdisch orientiert, das praktische Leben ist gar nicht berücksichtigt, der Verfasser ganz dem religiösen und sittlichen Ideal hingegeben. Bezeichnend ist die Vorliebe für Bücher, die Empfehlung des Studiums. Die Frömmigkeit ist im allgemeinen schlicht und einfach, schließt manchen Aberglauben nicht aus. Ohne weltfremde exzentrische Forderungen aufzustellen, enthält das Büchlein eine Anleitung zu einem Leben der Weihe und Heiligung im Dienste Gottes. Es steht in seiner bürgerlichen Nüchternheit weit zurück hinter dem heroischen Ideal, das 150 Jahre später ein anderer Wormser Rabbiner, Eleasar b. Jehuda, in seinem Rokeach aufgestellt hat. Das Schriftwort Gelübde? Von M a x Diene mann Einem der Thoraabschnitte dieser Wochen ist als Prophetenvorlesung die Erzählung von dem Richter Jiphtach beigegeben. Berichtet wird, wie er den Angriff des Königs von Ammon auf Israels Land abwehrte und daß er vor dem Kampf ein Gelübde tat, wenn Gott ihm siegreiche Heimkehr gönnen würde, wolle er das erste, was am Tage der Heimkehr ihm aus seinem Hause entgegenkommen werde, Gott zum Opfer weihen wolle. In schwere Not und Gewissensqualen ward er mit diesem Gelübde gestürzt, denn als erster Grußbietender trat die eigene Tochter vor ihn hin. Gelübde konnten in mancherlei Richtung sich bewegen, sie konnten Versprechen einer Handlung beim Eintritt der Erfüllung eines tiefgehegten Wunsches sein; sie konnten Ausdruck einer asketischen Stimmung sein, die einen erlaubten Genuß sich versagt, um dem Geist freieren Weg zu Gott zu verstatten. Man hat diese Askese im Judentum auch gekannt und geübt, aber es gab Stimmen genug, die sie ablehnten und dem Menschen den Lebensgenuß, den das Gebot nicht verwehrte, erhalten wissen wollten. Wie man über das Gelübde im ganzen dachte, darüber kann ein Midiasch Aufschluß geben, der diesem Bericht über Jiphtach besondere Aufmerksamkeit widmet. Indem die alte Bibelauslegung, der Midrasch. das Schriftwort in ihrer Art darlegt, vergeistigt, fortführt, erhebt sie sich zu einer Betrachtung über Form und Wert solcher Art des Verkehrs mit Gott,.die auf das Grundsätzliche eingeht. Der Midrasch knüpft an die mannigfachen Berichte darüber an, daß ein Mensch Gott in den Kreis seines Persönlichsten fordernd, versprechend, also Gott versuchend einbezieht, und er begleitet diese Berichte nicht etwa mit lauter Zustimmung, sondern er stellt sich kritisch zu ihnen ein, kritisch, um dadurch klarzustellen, wie rechte Frömmigkeit sein soll und wie sie nicht sein darf. Folgendermaßen ist der Gang dieses Midrasch. „Von Vieren erzählt die Bibel, daß sie ein Gelübde taten, drei stellten eine ungeziemende Bitte, und doch fügte es Gott, daß nichts Ungeziemen'des sich ergab, der Vierte stellte gleichfalls eine ungeziemende Bitte, aber ihm begegnete Gott mit Ungeziemendem als Erfüllung. Elieser, Abrahams Knecht, erhob ungeziemende Forderung, als er sprach (1. B. M. 24, 14): „Das Mädchen nun sei's, dem ich sage: neige doch deinen Krug, daß ich trinke, und sie spricht: trinke, und auch deine Kamele will ich tränken, die hast du deinem Knecht Jizchak bestimmt". Sagte der Heilige gelobt sei er: und wenn nun jetzt eine kanaanitisehe Sklavin oder gar eine Buhldirne käme, würdest du da auch es aufrecht erhalten: „die hast du deinem Knecht Jizchak bestimmt?" Da bewirkte es der Heilige gelobt sei er und fügte es, daß ihm Riwkaw begegnete. Kaleb erhob ungeziemende Forderung, als er sprach (Josua 15, 16, 17): „Wer Kirjath Sefer schlägt und'es erobert, dem will ich

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