Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 10 (6.1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 391 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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900 Jahre Synagoge Worms Seite 391 Im Monat Elul des Jahres 4794 (1034) ist die alte Synagoge in Worms vollendet worden. Sie ist eine Stiftung des kinderlosen Ehepaares Jakob uud Rahel. Die Wormser Synagoge ist die älteste und einzige in Deutschland und wohl audi in Europa, die vom frühesten Mittelalter bis zur Gegenwart dauernd ihrer heiligen Bestimmung dient. Die Gemeinde Worms wird am 3. Juni 1934 aus Anlass des 900jährigen Bestehens ihrer Synagoge einen Weihegottesdienst veranstalten. Die deutsche Judenheit nimmt, an diesem ehrwürdigen Gedenktag freudig anieili Die Frankfurter Israelitische Gemeinde entbietet der Sdiwestergemeinde Gruss und Glüdtwunsdi. Zum Feste erscheint als1. Sonderheft der Zeitschrift für die Gesdiidite der Juden in Deutschland eine Festsdirift mit Beiträgen zur Gesdiidite und Kulturgeschichte bekannter Autoren. Mit gütiger Erlaubnis der Herausgeber bringen wir das Geleitwort von Leo Baeck und den Aufsatz „Aus den Anfängen der Synagoge in Worms" von Ismar Elbogen auszugsweise zum Abdrudt. Die Synagoge Das Gotteshaus gibt einer Heimat ein Eigenes noch: es sagt, was die Heimat b e d e u t e t. Seine Heimat haben, ist Sache des Geschickes. Verstehen, was uns die Heimat ist, durch das Gotteshaus es verstehen lernen, das ist Besitztum der' Seele. Wer nur den Boden, auf dem er steht, nur dieses Stück der Erde erfaßt, auf dem er seine Jahre hat, wer liebend und denkend dieses Diesseitige allein ergreift und das alles, worauf das Gotteshaus hinweist, das Unendliche, Jenseitige nicht kennt, der weiß um den Sinn der Heimat nicht. Erst die Geschichte eines Gotteshauses ist darum die Geschichte von einer Heimat, von dem Platz und dem Recht, von dem tiefen Grunde eines Daseins. Sie ist wahre Geschichte; denn sie erzählt nicht nur, was gewesen und geworden ist, sondern sie sagt, was unter'und hinter dem allen immer wohnte. Das Gotteshaus spricht vom Geist des Geschehens, von dem, was lebendiger und stärker ist als alles, was Zeiten geben und Zeiten nehmen. Es kündet die bleibende Heimat, in der das geborgen ist, was allen Wandel der Tage überdauert. So sind die neun Jahrhunderte der Synagoge Worms nicht nur dieses Große, daß sie ein Denkmal sind von einer Reihenfolge der Geschlechter, dreißig Geschlechtern und mehr auf dem gleichen Boden, ein Sinnbild von Erbe und Weihe der Heimat. Sie bezeichnen noch mehr; sie offenbaren die Kraft, die stetiger blieb als alle Macht. Sie sind ein Zeugnis vom Leben des Judentums in geschichtlichen Bereichen und Jahrhunderten, die den Willen und den Geist des Juden immer wieder forderten. Leo Baeck Aus den Anfängen der Synagoge in Worms Von Ismar Elbogen Die Synagoge in Worms ist das älteste erhaltene jüdische Gebäude auf deutschem Boden. Dokumentarisch ist die „Joedenschole" in Köln ein Menschenalter früher bezeugt (1012), aber ihre Nennung erfolgt bei Gelegenheit ihrer Zerstörung. Die Wormser Synagoge hat die Stürme der Jahrhunderte überdauert; sie steht auf ihrem alten Grunde als Denkmal einer bewegten 900jährigen Geschichte und zeugt für die religiöse Begeisterung ihrer Erbauer und Erhalter. Opferbereitschaft für ihre „Schul" hat die Wormser Juden stets ausgezeichnet, sie haben zu allen Zeiten die Synagoge reichlich beschenkt. Es würde verlohnen, auf Grund der Quellen einmal eine Uebersicht über all die Stiftungen für den Verbrauch der Synagoge (wie Licht, Wein) oder ihren und der vielen Kultgeräte Schmuck zu schaffen. Auch die Stiftung von Gebetbüchern gehört hierher, von denen eines, das schöne illuminierte Machsor aus dem 13. Jahrhundert, sich noch im Besitz der Israelitischen Religionsgemeinde befindet. Wir wenden unsere Gedanken zurück in die ersten Jahrzehnte der Synagoge und vergegenwärtigen uns einige der hervorstechenden Persönlichkeiten, die ihrem Ritus das Gepräge gegeben haben. Da tritt uns zunächst die Gestalt des R. Meir b. Isaak b. Samuel entgegen. Er hatte den Beruf des Scheliach Zibbur, d. h. des Beauftragten der Gemeinde. Das ist mehr, als wir heute unter einem Vorbeter verstehen. Das Amt schloß nicht nur das Vorbeten ein sondern die gesamte Gestaltung des Gottesdienstes. Gebetbücher waren damals eine Kostbarkeit und nur in geringer Anzahl vertreten — vielleicht hatte nicht einmal immer der Vorbeter ein vollständiges Exemplar. Dieser hatte nicht nur die Stammgebete auszuwählen, sondern auch die synagogaien Gesänge, \md es gehörte wahrscheinlich zu seinem Amte, auch neue Dichtungen und neue Melodien für die Gemeinde vorzubereiten. Meir genoß ein ungeheures Ansehen. Raschi, der berühmteste Gast der Wormser Gemeinde, lernte ihn um 1060 als allgemein verehrte Persönlichkeit kennen und bewahrte ihm diese Wertschätzung während seines ganzen Lebens. Die Meinung von Meir war so hoch, daß man den naheliegenden Vergleich mit dem Rabbi Meir der Mischna zog und ihn wie jenen Nehorai (den Lichtvollen) nannte. Er verdiente dieses Ansehen vollauf — nicht nur wegen seiner edlen Persönlichkeit, sondern auch wegen seiner überwältigenden Belesenheit im alten Schrifttum. Man muß immer wieder staunen, wenn man die stupende Gelehrsamkeit der Juden am Rhein im 11. Jahrhundert betrachtet — in einer Zeit, in der es schon \msagbare Schwierigkeiten machte, sich die notwendigen Handschriften zu beschaffen, geschweige denn den weitschichtigen Stoff zu beherrschen. Das ist nicht lediglich ein literarisches sondern auch ein geographisch-wirtschaftsgeschiehtliches Problem, das vielleicht auch auf die Herkunft oder die Handelsverbindungen der deutschen Juden ein Licht wirft. Mainz, die Metropole des Oberrheins, ist damals der Schnittpunkt der zwei Straßen von der französischen Mittelmeerküste nach dem Osten und von Italien nach der Nordsee. Narbonne und Rom werden auch als Ausgangspunkte jüdischer Kultur für die Judengemeinden des Rheins genannt, und es ist wahrscheinlich, daß über diese Zentren tatsächlich die literarischen Quellen an den Rhein gebracht wurden. Die Bedeutung der Wormser Judenschaft für den Handel jener Zeit geht aus der Zollbefreiung, die im Jahre 1074 Kaiser Heinrich IV. den Juden und den andern Wormser Bürgern gewährt hat, hervor. So hatten die Wormser wahrscheinlich auch unabhängig von Mainz einen ausgedehnten Handelsverkehr und die Möglichkeit, Handschriften aus dem Ausland zu beziehen. Das war nichts Geringes in einer Zeit, in der Schreibstoff und Schreibkunst außerordentlich kostbar waren. Aber mit dem Besitz der Quellen war es nicht getan, das Verständnis des jüdischen Schrifttums war nur durch eine lebendige Tradition zu erlangen, und diese muß mit den Handschriften zugleich übermittelt worden sein. Sie fand auch eine überraschend schnelle Aufnahme und Verbreitung, nach zwei bis drei Generationen genossen die rheinischen Schulen ein solches Ansehen, stellten sie solche Meister der Auslegung und Gesetzeskunde, daß si& die Schulen Mesopotamiens zu ersetzen vermochten. Meir b. Isaak gehört zu den auserwählten Gelehrten dieses Kreises, er ist in der Bibel und ihren aramäischen Uebersetzungen (Targumim), im Talmud und den Midraachim derart heimisch» daß ihm nicht nur der Inhalt völlig parat ist sondern auch schwierige Worte und Wendungen ständig zur Verfügungstehen. Er beherrscht neben dem hebräischen Sprachgut das Aramäische so ausgezeichnet, daß er damit verfahren kann, aiswäre es Hebräisch. Es bedarf einer besonderen Untersuchung, wie weit sein Aramäisch den Gesetzen der Sprache entspricht —