Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 10 (6.1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 390 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 390 Herrlingen Krisis als Chance *) Von Dr. Herma-nn Gundersheime Der Frage der jüdischen Erwachsenenbildung in Deutschland kommt die zentrale Bedeutung und ihrer Lösung die schwere Verantwortung zu, ob die von den Geschehnissen unserer Tage aus ihrer geistigen und wirtschaftlichen Entwicklung geschleuderten Juden zu neuer innerer Festigung gelangen können oder ob sie im Chaos ihrer geistigen und politischen Situation verkümmern werden. Wenn Bildung in dem ernsten Sinne verstanden wird, den Martin Buber dem Worte verlieh, als er in seinem, die Herrlinger Tagung einleitenden Referat die Möglichkeiten einer Erwachsenenbildung überhaupt aufrollte, wenn unter Bildung nämlich nicht Vermittlung von Kenntnissen, Vergrößerung des Wissensstandes gemeint ist, sondern wenn darunter Einwirkung von Mensch zu Mensch, vom Lehrenden zum Lernenden, Umgestaltung und Umformung begriffen wird, so liegt in der Erwachsenenbildung der deutschen Juden unserer Zeit die pädagogische und geschichtliche Verpflichtung der wirkenden Generationen gegenüber den zukünftigen. Freilich steht die Ausgangsfrage aller Erwachsenenbildung auch vor all den Versuchen, die mit den jüdischen Erwachsenen in Deutschland im Sinne bildnerischer Einwirkung unternommen werden; die Frage nämlich, ob der erwachsene Mensch überhaupt noch um bildungsfähig sei, ob seine Haltung nicht zu spröde, seine Festigung nicht zu starr sei, als daß er noch Formung e r leiden könne. Ob es nicht gerade wresenhaft für das Erwachsensein sei, den Einwirkungen von außen gegenüber unzugänglich zu sein? So berechtigt Skepsis in normalen Zeiten gegenüber Erwachsenenbildung in diesem ernsten Sinne sein mag, in Zeiten der Krisis verändert sich die Situation; in Zeiten der Krisis, des Umbruchs, ward der Mensch, der eben noch unbildsam erschien, aufgerüttelt aus seiner vermeintlichen Sicherheit, er wird im Innersten ergriffen, das „Gefestigte", Beruhigte seiner Persönlichkeit lockert sich; die bildnerische Möglichkeit ist entstanden: Die Krisis ist die große Chance der Erwachsenenbildung. Erwachsensein — ein anderer Begriff, den es abzugrenzen gilt. Die Herrlinger Tagung hat sich geeinigt für die Ueberlegungen, die sie anstellte, vorzugsweise die Altersgruppen zu berücksichtigen, die der Schulbildung entwachsen, in der Lebensforraung begriffen sind und durch die Ausgliederung aus ihren Arbeitsmöglichkeiten und ihren gesellschaftlichen Verbänden die eigentlichen Objekte der Krisis geworden sind. Es sind zunächst die Altersschichten etwa* zwischen 18 und 30 Jahren, gerade die Stufen also, die zu einem Teil in den Jugendbünden den Ort ihres Lebensstils und die Richtung ihrer Lebenshaltung gefunden haben. Zu einem Teil! Der weitaus größere Teil der jugendlichen Erwachsenen steht nämlich außerhalb der Bünde und, was bedeutsamer ist, ist zurückgestoßen und ausgeschlossen von Gruppen, in denen er seit Jahren sich beheimatet fühlte. Die überaus schwierige psychologische und für den Bestand des deutschen Judentums beängstigend ressentimierende Lage dieser Menschen ist als drängende Sorge auch von denen erkannt worden, deren national-jüdischeEinstellung ihnen die Schwierigkeiten in der Auswahl des Bildungsgutes erleichtert. Das eben ist eines der markantesten und nachhaltigen Ergebnisse der Herrlinger Tagung — es waren etwa 50 Personen, die die Mittelstelle im Einvernehmen mit der Reichsvertretung zu gemeinsamer Ueberlegung gebeten hatte —, daß das Gefühl für die Gemeinsamkeit unserer Situation nicht endete, wo das parteigebundene Interesse aufhört. Niemand verkannte, daß der Fortbestand des deutschen Judentums nicht nur eine deutsch-jüdische, sondern eine jüdische Schicksalsfrage ist. Wenn auch die Ansichten hier und dort zusammenstießen, wenn auch deutlich wurde, daß der Kreis dieser Menschen aus den verschiedensten Bezirken des geistigen und p r a k t i *) Zur Tagung der Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung vom -15. Mai 1954. sehen Lebens kam, stark und bindend war die Gewißheir der gegenseitigen Achtung und Hilfe-Bereitschaft da es darum geht, das Judentum in Palästina oder in der Diaspora zu festigen. So konnte es gelingen, die Jugendbünde, deren eigene Bildlingsarbeit als dringlich von' niemandem verkannt wurde, zur Mitarbeit an den Aufgaben der jüdischen Erwachsenenbildung zu bewegen. Und was soll geschehen? Die Tagung hat weder Resolutionen noch Entschlüsse gefaßt oder fassen wollen, Sie trat zusammen, um in gemeinsamer Ueberlegung die Situation der verschiedenen soziologischen Gruppen des deutschen Judentums — es ist eine für das übrige Judentum nicht durchaus typische Gruppierung — auszubreiten; sie wollte durch Aussprachen, auf Erfahrung gestützt, nach Möglichkeiten suchen, um nicht nur augenblicklichen Notlagen zu steuern (die Juden auf dem Lande sind vielfach in trostloser Isolierung von allen jüdischen Werten), sondern sie wollte die Richtungen andeuten, in denen auf weitere Sicht hin Bildungsarbeit zu leisten ist. Dazu tauchte eine Reihe praktisch bedeutsamer Vorschläge auf, deren Prüfung Arbeitskreiser. übertragen wurde, die zugleich auch den Rahmen der Tätigkeit der Mittelstclle für jüdische Erwachsenenbildung (Sitz Frankfurt am Main) bezeichnen. Der erste Arbeitskreis wird mit Hilfe von Vertrauensleuten in den Klein- und Kleinstgemeinden dort Hilfe zur Büdungsarbeit leisten (Autobibliotheken, Vorträge usw.). Der zweite beabsichtigt die ständige Beratung von Lehrern und Erwachsenenbildnern durch Herausgabe von Lehrmitteln, Informationen usw. und wird in enger Zusammenarbeit mit dem Bildungsausschuß der Reichsvertretung der deutschen Juden arbeiten. Weiterhin werden für die Führer der Jugendverbände Schulungslager eingerichtet. Hier hat die Mitwirkung der Bünde fruchtbar zu werden. Ein vierter Arbeitskreis wird in der Nähe Berlins und Frankfurts je ein Schulungslager für Umgeschichtete installieren, in denen, nach vollendeter Lehre, die Umgeschichteten zwei Monate intensive jüdische Bildung erfahren sollen. Schließlich beschäftigt sich ein Arbeitskreis mit der Auswertung der „musische n" Bildungsgüter für die Erwachsenenbildung in der Weise, wie sie etwa während der Tagung durch gemeinschaftliches Musizieren von Laien deutlich wurde. Inzwischen hat die Arbeit bereits praktisch begonnen: in Bad Kreuznach fand in der Pfingstwoche eine außerordentlich stark besuchte „Lernzeit" jüdischer Lehrer und Jugendführer statt, in der von bewährten Kennern der Materie über die Fragen der bildungsmäßigen Auswertung der Bibel, der hebräischen Sprache, der jüdischen Geschichte Arbeitsgemeinschaften abgehalten wurden. Das bedeutet einen Ansatz zur Lösung der primären Aufgabe der jüdischen Erwachsenenbildung: Bildner zu finden und den Stoff richtig zu werten und darzubieten. Die Herrlinger Tagung hat gerade darüber den Teilnehmern wesentliches vermittelt. Die Erkenntnis von der Bedeutung des jüdischen Bildungsgutes ist reibst denen nicht unklar geblieben, die aus dem Primat humanistischer Tradition den geistigen Weg der jüdischen Erwachsenen ebnen wollen. Es versteht sich, daß für die Kreise, die ihren Lebensweg außerhalb Deutschlands sehen, das Vorwiegen der Vermittlung jüdischer Werte bis zur Ausschließlichkeit geforderi wurde. Daß denen aber, die das Judentum und die jüdischen Menschen in Deutschland erhalten sehen wollen, auch der geistige Anspruch nach außerjüdischem Bildungsgut, die wahrhaftige Notwendigkeit ihres Lebens im deutschen geistigen Umraum erhalten bleiben muß, wurde nicht weniger anerkannt. Solche Verständnismöglichkeit aber, so will es seheinen, ist schon ein gesegnetes Ergebnis wahrer Bildungsarbeit.