Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 9 (5.1934)
- Date
- 1934-05-01
- Page
- Seite 365 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 365 kung. Innerhalb der Veranstaltung sprach Rabbiner M e h 1 e r über den Sinn des Pessachfestes als des Symbols der Befreiung, und ergänzte aufs beste so die Weihestimmung durch die Deutung jüdischer Festesfreude. Das zahlreich erschienene Publikum dankte in aufrichtiger Begeisterung und Ergriffenheit. Ghr. Von Hiob zu Faust Die Ankündigung, daß Dr. Ernst Simon in einer Veranstaltung der Gesellschaft für jüdische Volksbildung sprechen werde, hatte den großen Saal der Frankfurt-Loge zu füllen vermocht. Die Erinnerung an die Frankfurter Tätigkeit des kenntnisreichen, mit großer Beredsamkeit ausgestatteten Gastes wurde nicht enttäuscht. Dr. Simon zeigte den Entwicklungsgang eines ursprünglich jüdischen Gedankens von Hiob zu Faust durch die christliche und deutsche Kultur. In der Verfolgung dieses Gedankens wurde die überzeitliche Bedeutung des alten Testaments sichtbar. Bei aller Zeitlosigkeit der Probleme wurde doch immer wieder die dauernde Aktualität der sittlichen Idee bewußt gemacht. Die Hörerschaft dankte für eine Bereicherung und Vertiefung von seltener Stärke. H. Die Lehre und die Tat Die Eröffnungsveranstaltungen zu den Lehrgängen des Jüdischen Lehrhauses Frankfurt a. M. haben bereits ein traditionelles Gepräge. Auch diesmal wurde die Feier, die den Frühjahrsveranstaltungen vorausging, durch eine musikalische Darbietung eröffnet. Artur Ho 1 d es Kammerstreichvereinigung bot die Ouvertüre zu G. F. Händeis Oratorium „Esther". Unter der sicheren Führung des Dirigenten spielte das junge Orchester ebenso sorgfältig wie frisch, sicher und klangschön. Danach ergriff Martin Buber das Wort, um mit der Analyse zweier Kategorien zum Phänomen „Judentum" zugleich einen Rahmen für die Einzelveranstaltungen, Lehrgänge, Arbeitsgemeinschaften und Führungen des kommenden Lehrgangs zu zeichnen. Sprach Martin Buber im Herbst über die Aufgaben jüdischer Erwachsenenbildung, im Winter über den Juden in der Welt, so galt die Rede zum Frühjahrslehrgang der Lehre und der Tat. In allen Völkern, so führte Buber aus, gibt es zwei Linien der Fortpflanzung nebeneinander. Neben der biologischen besteht eine Fortpflanzung der Werte. Sie kommt nicht zur biologischen Fortpflanzung hinzu, sondern ist eine eigene Art der Fortsetzung von den Eltern zu den Kindern, von den Lehrern zu den Schülern, vom Mund zum Ohr. Neben dem biologischen Leben entsteht hier das Leben des Geistes als stetige Uebergabe und Neuzeugung, als Neugeburt. Die bei allen Völkern anzutreffenden beiden Linien der Fortpflanzung haben im Judentum eine besondere Gl e i c h w e r t i g k e i t. Im Judentum bedeutet die Fortpflanzung der Werte nicht ein mögliches und erfreuliches, ehrenhaftes Attribut, sondern eine notwendige Substanz, die unerläßlich und nicht minder wichtig, nicht weniger organisch ist als die biologische. Ohne diese Fortpflanzungder Werte kann das Volk nicht sein, so wenig wie ohne die biologische Fortsetzung. Noderna Inh. SANDEL Kaiserstr. 7 Goethestr. 2 Spezialgeschäft leiner Lederwaren u. Reiseartikel Neueste Modelle in Damentasc^en „Schatulle" Modische Neuheiten und Bijouterien Neue Mainzerstr. 13 (am Schauspielhaus) „Wer seinem Gefährten die Lehre übergibt, von dem läßt sich sagen, es sei als ob er jenen bildete und wirkte und ihn zur Welt brächte." Hierin sieht Buber den Ausdruck für eine zweite Menschwerdung, die durch die Einwirkung des lebenden Menschen, durch die Fortsetzung der historischen Linie von Generation zu Generation, neben der biologischen Fortführung der jüdischen Menschen geschieht. Die Fortführung der Lehre ist immer wieder Neuschöpfung, ist Neues, so wie Vater und Mutter im Kinde nicht die Summe, sondern ein neues, vorher Unvorstellbares erzeugen. Wie Mann und Weib einander begegnen, so geschieht die Begegnung der Generationen. Jede Generation bringt Neues hervor, treibt weiter, setzt unbekannte Elemente in die Kette der Fortpflanzung der Werte. Diese einzigartige Form der Fortpflanzung schafft die jüdische Seinstradition zum Unterschied von aller formhaften oder inhaltlichen Tradierung. Durch diese Seinstradition erhält sich und erneuert sich Israel. Die Lehre aber ist untrennbar gebunden an die T a t. Die Tat ist der Gehalt der jüdischen Lehre, denn die Lehre will nicht sich selbst, sondern die Tat. „Ihr sollt sie (die Gebote) lernen, um sie zu tun!" Der sokratische Mensch glaubt, es genüge, die Tugend zu kennen, um die Tugend zu tun. Der mosaische Mensch ist der, der weiß, daß etwas Entscheidendes zum Wissen hinzutreten muß, die Tat, damit die Ganzheit des Menschen gesichert sei. Hinsichtlich des Verhältnisses von Leben und Tat sind die Menschen, sind besonders wir Juden heute in einer seltsamen Situation; es ist so, daß die heute lebenden Geschlechter zu einem großen Teil offenbar glauben, mit dem Tun allein, ohne die Lehre, auskommen zu können. „Ich weiß nicht, was aus der Absage an die Lehre in den anderen Völkern werden wird. Aber das weiß ich, daß wir, die wir die Lehre ohne Tat verneinen, eine Tat ohne Lehre nicht ertragen können." Das J ü d i s c h e L e h r h a u s führt einen inneren Kampf gegen die, die glauben Juden zu sein und für das Judentum jenseits der Lehre wirken zu können. Sie brechen die Fortpflanzung des geistigen Lebens ab. Gleichviel ob die Menschen in und für Palästina, in oder für die Diaspora arbeiten wollen, sie sind auf einem Irrweg und sie müssen das Schicksal des Irrwegs erfahren, wenn sie sich jenseits der Lehre stellen. Man kann nicht Palästina, man kann nicht ein jüdische» Gemeinschaftsleben in Palästina aufbauen unter Abbruch der Kontinuität des Judentums. Es geht nicht an, ein jüdisches Gemeinschaftsleben, eine neue jüdische Gemeinschaft aufzurichten, ohne daß Sinn und Absicht dieser Gemeinschaft die Erweckung, die Verwirklichung der Lehre wäre. Es mag sein, daß man ein neues Volk, und heiße es, wie es wolle, unter .Verzicht auf die Kontinuität, auf die Fortpflanzung der Werte zustandebringt. Wenn man es tut, so hat diese Erhaltung der biologischen Substanz nichts mit uns zu tun. Uns geht es nicht darum, daß Kinder und Kindeskinder weiterexistieren, es geht nicht um die Dauer, es geht uns nicht darum, daß das Blut bleibe, sondern es geht uns um die Einheit von Lehre und Leben, die Einheit und Begegnung Für das Kind den SCHUH ScfjuJjJjaus Grass tAt BERGERSTRASSE 176 v/V V* Fernspr. 44238 Auf Wunsch Auswahlsendung | Alles ruft, alfes rennt nach : OSALVADE RH-Creme ~ dem Hautpflege-» n. 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