Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-05-01 · 9 (5.1934) · p. Seite 355

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
9 (5.1934)
Date
1934-05-01
Page
Seite 355 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3094266-3094399-3094408--4107-3098894
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 355 Das Tagesheim der erwerbslosen jüdischen Jugend Von Dr. phil. Fritz Mayer Leiter des Tagesheims der erw Ein bekannter Soziologe bezeichnete es einmal als die Aufgabe der Gesellschaft des vorigen Jahrhunderts, die Arbeitszeit sozial zu gestalten, als die Aufgabe unseres Jahrhunderts, die Freizeit sozial zu gestalten. Als durch die Technisierung und Industrialisierung im vorigen Jahrhundert eine Fülle neuer, ungekannter Arbeit auf den Menschen gelegt wurde, bestand die Gefahr, daß die Träger dieser Arbeit von ihr erdrückt würden. Es galt durch Versicherungen verschiedenster Art der Ausbeutung des Arbeiters, insbesondere des neuen Standes der Industriearbeiter, Grenzen zu setzen, die Arbeitszeit auf ein humanes Maß zu reduzieren, dem Arbeiter wenigstens ein Minimum an Freizeit zu garantieren, in der er sich selbst überlassen bleiben, und die er nach seinem Gutdünken gestalten durfte. Mit der Zunahme der Arbeitslosigkeit nahm diese Freizeit einen immer größeren Raum in dem Leben des Arbeiters ein. Ihn sich selbst überlassen, hieß in vielen Fällen, dem Triebhaften, Asozialen im Menschen ein unübersehbares Wirkungsfeld einräumen, den individualistischen Neigungen einen gefährlichen Spielraum geben. Denn in einer Kultur, deren stärkster gesellschaftbildender Faktor die Arbeit ist, bedeutet Arbeitslosigkeit, bedeutet Freizeit, eine Bedrohung der Gesellschaft als ethisches Gebilde. Es kam also in den letzten Jahren immer mehr darauf an, die Freizeit zum Nutzen der Gesellschaft zu gestalten. Die verschiedensten Versuche hierzu sind seit Jahren gemacht worden (und werden in allen Kulturstaaten der Welt, die von der Arbeitskrise erfaßt wurden, noch heute gemacht). Es galt die Menschen, die über ein zu großes Maß an Freizeit verfügen, wenn man sie schon nicht in den Arbeitsprozeß einschalten konnte, so doch irgendwie fördernd in den Organismus der Gesellschaft einzugliedern. Es kam auf ein zweites, auf ein psychologisches Moment an: nämlich darauf, daß dem Arbeitslosen selbst das Gefühl der Untätigkeit und die Belastung, die aus dem Mangel an Wirkungsmöglichkeit entstand, genommen wurde, daß er seinen Wirkungs- und seinen Geltungstrieb irgendwo realisieren konnte und daß die mit der Erwerbslosigkeit verbundenen menschlichen Hemmungen des Einzelnen beseitigt wurden. Was die Sportvereine und Bünde in dieser Beziehung der Gesellschaft geleistet haben, ist schlechthin nicht zu überschätzen. Trotzdem lösten sie das Problem nur teilweise, zumal sie sich nie eine soziale Eingliederung der Erwerbslosen zur Aufgabe gemacht haben. Denn zu diesen zwei Momenten, dem soziologischen und dem psychologischen, tritt das p ä d a g o g i s c h e. Die Bestrebungen der Arbeitslosen, sich weiterzubilden, mußten gefördert und er- Aveckt werden. Bildungsmöglichkeiten mußten geschaffen, Lehrerbslosen jüdischen Jugend kurse eingerichtet und die Hebung des kulturellen Niveaus mußte auf jede Weise erreicht werden. Als vor zwei Jahren, im März 1932, die Jugendkonimission der Israelitischen Gemeinde das Tagesheim für die erwerbslose jüdische Jugend ins Leben rief, war sie sich dieser drei Gesichtspunkte, die ins Auge gefaßt werden mußten, des soziologischen, des psychologischen und des pädagogischen, wohl bewußt. Hinzu trat noch ein vierter, nämlich der jüdische. Es galt junge, jüdische Erwerbslose zusammenzufassen, sie zu beschäftigen, ihre Freizeit zu gestalten und auszufüllen. Ein Programm oder auch nur bestimmte Richtlinien von vornherein aufzustellen, war unmöglich. Erst im Laufe der Zeit konnte unter der sehr verdienstvollen Leitung des Herrn Philipp Rochwerg das Heim einen genaueren Arbeitsplan befolgen. Die Besucher des Heims setzten sich aus den verschiedensten Berufs-, Gesellschafts- und Bildungsschichten zusammen. Deutsche und ausländische Juden, Zionisten und Nationaldeutsche, Jungens mit höherer Schulbildung und solche ohne bestimmte Schulbildung bilden eine gesellige und lernende Gemeinschaft. In dem letzten Jahre tritt naturgemäß die jüdische Komponente des Programmes stärker in den Vordergrund. Es kommt darauf an, den erwerbslosen Jugendlichen, die Möglichkeit zur beruflichen und geistigen Umstellung zu geben und sie zugleich zu verwurzeln in die jüdische Geschichte, in das jüdische Volkstum und in die jüdische Gemeinschaft. Der junge, jüdische Erwerbslose soll weder die Arbeitslosigkeit noch das Judentum als eine Belastung empfinden, sondern soll gefördert werden durch sie. Arbeitslosigkeit soll ihm bedeuten: Zeit haben zur Weiterbildung, zur Vorbereitung auf neue Arbeitsmöglichkeit. Judentum aber soll ihm verpflichtende und selbstverständliche Aufgabe sein, die ihn mit Stolz und Mut erfüllt. Das sind immer die für die Arbeit des jüdischen Erwerbslosenheims maßgeblichen Richtlinien gewesen, und das werden sie auch weiterhin sein. Durch zahlreiche kostenlose Kurse (in deutscher Korrespondenz, Neuhebräisch, Französisch, Englisch, jüdischer Geschichte, Stenographie), denen auf Wunsch und bei entsprechender Teilnehmerzahl neue angefügt werden können, ist eine vielseitige Weiterbildung ermöglicht, durch gemeinsame Zeitungslektüre wird der Sinn für das Aktuelle geschärft, durch einen Tischtennisraum und viele Spiele wird dem Spieltrieb, durch kostenlose Nachmittags verköstigung dem Bedürfnis des Magens Rechnung getragen. Schließlich werden die Heimbesucher mit handwerklichen Arbeiten beschäftigt, so daß den Besuchern des Heimes eine mannigfache berufliche und gesellschaftliche Tüchtigkeit gewährleistet werden kann, wenn sie den Willen und den Mut zur Arbeit mitbringen. Anu.Verkauf von Juwelen u.Silber aus Privatbesitz LEDERWAREN KOFFER REISEARTIKEL L. LESCHHORN 3 KAISERSTRASSE 3 ^..^■■^rr-TT-^-^^^;^. " j

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.