Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 9 (5.1934)
- Date
- 1934-05-01
- Page
- Seite 351 (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 351 Rund zwei Drittel der wegziehenden Gemeindemitglieder gingen 1933 nach dem Ausland. Wieviel davon auf die einzelnen Länder, insbesondere auf die Auswanderung nach Palästina entfallen, ist nicht bekannt und Schätzungen sind schwierig. Aus der Tatsache, daß axis unserer Gemeinde zwischen 8—10% der Gesamtzahl ausgewandert sind, ist eine Bestätigung der Schätzung der jüdischen Gesamtauswanderung aus Deutschland herzuleiten, die man ebenfalls mit einer solchen Frozentzifl'er und in absoluter Zahl etwa mit 50 000 angenommen hat. Bekanntlich befinden sich darunter in erster Linie nichtdeutsche Staatsangehörige, und die Beobachtungen für Frankfurt lassen erkennen, daß dies auch für hier im wesentlichen zutrifft. Nach der Volkszählung von 1925 befanden sich in Preußen 76 387 jüdische Reichsausländer, Avas 18,63% der jüdischen Bevölkerung ausmachte. In Frankfurt a. M. war die Zahl der Ausländer 5753 bei einer jüdischen Wohnbevölkerung von 29 385, was 19,6% entspricht. *) In dieser Zahl sind aber auch die Inländer und Ausländer enthalten, die der Israelitischen Gemeinde nicht angehören, sondern entweder einer anderen oder keiner Religionsgemeinde. Die Zahl der Wegzüge nach demlnland ist 1933 gegenüber dem Vorjahre etwas gestiegen, dagegen niedriger als 1931, dem ersten Jahre, in dem die Statistik diese Untergliederung trifft. Zurückgegangen sind die Meldungen mit unbekanntem Wegzugs ziel, die 1931 noch 25% ausmachten, 1933 dagegen nur noch 7%. Unter diesen sind erfahrungsgemäß besonders viele Falschmeldungen, da sich die Abmeldenden oft entschließen, wieder nach dem ursprünglichen Aufenthaltsort zurückzukehren und dann die Wiederanmeldung vergessen. Wenn also in früheren Jahren solche Fehler öfters in der Statistik enthalten sind, trifft dies für das letzte Jahr kaum mehr zu. Die Richtung der Wegzüge nach Deutschland n. d. Ausland unbekannt Männer Frauen Zus. Männer Frauen Zus. Männer Frauen Zus. 1931 713 595 1308 190 135 325 334 215 549 1932 537 426 963 182 17t 353 257 183 440 1933 570 508 1078 1181 953 2134 162 105 267 Die Ueberalterung der Gemeinde Der Altersaufbau der jüdischen Bevölkerung in Frankfurt am Main ist gegenwärtig nicht leicht festzustellen, da die Ergebnisse der Volkszählung von 1933 noch nicht vorliegen. Von den Ziffern von 1925 auszugehen, ist deswegen schwierig, weil für die Verminderung seither nicht die natürliche Bewegung, sondern die Wanderung ausschlaggebend war. Trotzdem ist es nicht uninteressant, zu sehen, wie die Alterszusammensetzung der jüdischen Gesamtbevölkerung 1925 gewesen ist, und wir geben nachstehend aus dem erwähnten Werk von Silbergleit den Altersaufbau wieder. Die ganze Tragik des jüdischen Bevölkerungsproblems wird dabei deutlich, wenn man sieht, daß damals trotz der Verluste durch den Krieg mehr Vierzig- bis Fünfundvierzigjährige lebten als kleine Kinder bis zu fünf Jahren. Dabei sollten die Nachkriegsjahre 1920 bis 1925 relativ besonders fruchtbar gewesen sein, denn in den Jahren 1926 bis 1933 ist die Geburtenziffer weiter stark gefallen. Wir verzeichnen in der Gemeindestatistik 1929 bis 1933 468 männliche und 448 weibliche Geburten, die sich durch Todesfälle auf einen Altersbestand der Kinder bis zu fünf Jahren auf 447 Männliche und 434 Weibliche vermindern. Selbst wenn wir die Kinder von außerhalb der Gemeinde Stehenden mit je hundert Knaben und Mädchen annehmen würden, was eher zu hoch als zu niedrig ist, ergeben sich für dieses Jahrfünft der 1929 bis 1933 Geborenen nur etwa 60% der Geburtenzahl von 1920 bis 1924. *) Nach H. Silbergleit, die Bevölkerungs- und Berufsverhältnisse der Juden im Deutschen Reich, Berlin 1930. J üdische Wohnbevölkerung in Frankfurt a. M. am 16. Juni 1925 Altersgruppen männlich weiblich Gesamt 0—5 Jahre 1077 1085 2162 5-10 „ 579 625 1204 10-15 „ 971 912 1883 15-20 . 1344 1188 2532 20-25 , 1393 1340 2733 25-30 „ 1240 1400 2640 30-35 , 1130 1386 2516 35-40 „ 1067 1271 2338 40-45 „ 1115 1142 2257 45-50 „ 1169 1132 2301 50-55 „ 945 1030 1975 55—60 „ 776 861 1637 60-65 „ 538 627 1165 65—70 „ 417 492 909 70-75 „ 261 322 583 75-80 , 136 202 338 80-85 „ 54 103 157 85-90 „ 17 29 46 90-95 „ 6 3 9 14235 15150 ' 29385 Die Geburtenzahl ist also auch ohne die Ereignisse1 des letzten Jahres, die sich in dem eingangs erwähnten Ausfall der Geburten für 1934 auswirken, in einem rapiden Fall begriffen gewesen, was um so schwerer wiegt, als die in den letzten Jahren heiratenden Vorkriegsjahrgänge noch recht stark besetzt sind. In der Altersaufbau-Tabelle sind unter den Männlichen die Jahrgänge 1900 bis 1910 weitaus die stärksten, auch wesentlich stärker als die Frauen, was damit zusammenhängen mag, daß sich besonders viel männliche Ledige zur Ausbildung in der Großstadt befinden. Wenn nun aber in den nächsten Jahrzehnten — gleichbleibende Verhältnisse vorausgesetzt — die sehr schwachen Kriegsjahrgänge ins heiratsfähige Alter kommen, wird automatisch eine Verringerung der Geburten in den Jahren ab 1935 eintreten, falls die Zahl der Eheschließungen sinkt. Diese Ueberlegungen sind im gegenwärtigen Zeitpunkt rein theoretisch, da an sich schon die Jahrgänge seit 1900 stärker abgewandert sind und abwandern werden als die älteren, denen die Auswanderung durch objektive Eignung und subjektive Einstellung viel schwerer fällt als den jüngeren Generationen. Eine Prognose der künftigen Entwicklung der Gemeinde aufzustellen, ist unmöglich, da sie von einer Reihe von Faktoren abhängt, die durch politische und wirtschaftliche Komponenten viel stärker bestimmt wird als von den Ueberlegungen der Bevölkerungstheorie. Es kann aber gesagt, werden, daß das Bild der jüdischen Gemeinden in Deutschland immer mehr ein Ueber wiegen der alten und ältestenjahr gänge zeigen wird, wozu auch noch kommt, daß diese Jahrgänge einen wachsenden Frauenüberschuß zeigen, so daß, wirtschaftlich gesehen, in der Frage der materiellen Existenz dieser Menschen große Schwierigkeiten entstehen werden. Denn die Zahl der im Erwerbsleben Stehenden wird immer geringer, die derjenigen, welche weder Beruf noch Verdienst haben, wird steigen. Der Frauenüberbchuß hat verschiedene Ursachen. Die Geburtenjahrgänge bis vor dem Krieg hatten auch bei den deutschen Juden ein leichtes Ueberwiegen der weiblichen Geburten gezeigt, das für die Großstadt zum Teil durch Zuzug junger Männer vom Lande ausgeglichen wurde. Dieser weibliche Geburtenüberschuß hielt sogar noch in den ersten Nachkriegsjahren an, wie die Alterspyramide der Frankfurter Juden zeigt. Die Jahrgänge der Frontkämpfergeneration haben einen besonders großen Ausfall an Männern, in Frankfurt a. M. allein