Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 9 (5.1934)
- Date
- 1934-05-01
- Page
- Seite 350 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 350 Wir Juden erkennen keinen Widerspruch an zwischen den zwei Grundelementen „Gnade" und „Gesetz", wir können nicht anerkennen, daß sie sich ausschließen und ausschließen müßten. Wir wissen um die Unentbehrlichkeit der Gnade, wissen, daß auf sie alles gegründet ist; sie ist und bleibt uns das undurchdringliche Geheimnis, das der Mensch nie ergründen kann; aber neben sie tritt für uns als das uns Angehende die Forderung, das Gesetz: und ihm zu genügen ist die Aufgabe und das Lebensziel. So stark empfindet man im Judentum den Wert und die formende Kraft des Gesetzes, daß man den Satz prägen konnte: ..größer ist>der, der etwas tut, weil es geboten ist, als der. der etwas tut, ohne daß es geboten ist". (Kidduschin 31a.) Darum bekennen wir uns zum Gesetz als dem formenden Prinzip des Religiösen. Wir empfinden in ihm die Einheit von Religion und Leben. In allen Bezirken des öffentlichen Lebens gilt, in steigendem Maße, das Gesetz; Gesetz regelt die Dinge, regelt und ordnet immer mehr und mehr die Lebenskreise; Religion außerhalb des Formprinzips des Gesetzes stellen, das eben hieße, die Welt des Religiösen und die anderen Bezirke des Lebens voneinander trennen: indem wir uns zum Gesetz auch innerhalb des Religiösen bekennen, heben wir die Spaltung: Religion — Welt. Religion — Alltag auf, pflanzen wir die Ein heitder Lebensbezirke auf. All das geht von dem Sinaiwort der Offenbarung aus, in seiner Form ist diese Form der Religion und der Ordnung des Lebens angebaut. Ein Anderes, nicht minder Wichtiges kommt zu uns im Gefolge der Form der zehn Bundesworte. Das Gesetz begründet einen Lebensstil. Indem es die Tat des Menschen regelt, dem Tag und der Stunde die Aufgabe zmveist, indem es in der Ausgestaltung, die die Ueberlieferung ihm gab, auch das Kleine und scheinbar Unwichtige, scheinbar außerhalb Liegende in seinen Bereich einbezieht, begründete es, und begründet es fort und fort eine aus seinem Inhalt und seiner Zielsetzung bestimmte Gesamthaltung der Seele. Eine solche aus der Gesamthaltung der Seele fließende, im Kleinen wie im Großen sich bewährende Tat, das ist Le b e n s s t il. Je mehr auflösende Tendenzen aus der Umwelt in den Gemeinschaftskörper einströmen, um so notwendiger ist solch ein Lebensstil. Wenn er ein Bewußtes und Gewolltes ist, dann ist er aufdringlich, dann aber ist er auch nicht, was man Stil nennt. Stil ist er erst dann, wenn er derart aus dem Unbewußten, aus dem Selbstverständlichen kommt, daß er ein Eigenes, ein Adliges ist. Mit ihm entsteht das Verbindende, das alle Glieder über ihre Standes- und Verstandesunterschiede hinaus umschließt, mit ihm das Erhaltende und Bewahrende. Solch einen Lebensstil zu haben, ist immer ein Zeichen alter, reifer Kultur, zugleich aber auch Zeichen der Sicherheit und des Festwurzeins inmitten aller Wandlungen der Geschichtlichkeit, der Weltanschauungen, der Schicksale, der Denkformen. Man darf dabei sofort eine Erwägung ausschließen. Die nämlich, daß dieser Lebensstil das Ghetto sei, daß mit ihm jene charakteristische Absonderung begründet werde, die man unter dem Begriff des Ghetto versteht. Ghetto ist dann, wenn der Zwang von außen her, auch ohne Mauern, Menschen abschließt, so abschließt, daß sie ohne Berührung, ohne Zusammenhang mit der Welt bleiben. Lebensstil haben heißt aber, so von seinem Formprinzip, seinem Lebensgesetz beherrscht sein, daß man im Strom der Welt, in seinen Fluß hineingestellt, in ihm sich nach seiner Art bewegt, nicht sich treiben läßt. Der Lebensstil, der aus der sinaitischen Offenbarung her dem Juden zu eigen sein soll, ist: die Heiligung des göttlichen Namens, die Verwirklichung Gottes. Das als seinen Lebensstil zu empfinden heißt weltoffen sein und bei aller Weltoffenheit, bei allem Aufgeschlossensein für alles, was rings um uns her an Schätzen des Geistes aufgehäuft ward und wird die eigene Zielsetzung nicht verlieren; heißt, den Maßstab, der aus dem ewigen Gesetz geschöpften Wertsetzung an Dinge, Forderungen und Hoffnungen anlegen und mit diesem Maßstab an die Gestaltung der Welt berangehen. Im Bewußtsein eines solchen Lebensstils schließt man sich 'nicht ab, sondern tritt man in die' Welt und das Menschengewimmel hinein und ringt darum, ihm Geltung, Anerkennung und Verständnis zu erwerben. Ringt darum, ihn bewähren zu können, nicht um seiner selbst willen, sondern um der Verwirklichung Gottes willen. Die Bevölkerungsbewegung der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a. M. Fünf Jahre Statistik des Gemeindeblattes Von LotharBauer Die Betrachtungen zu der von Dr. Eugen Mayer angeregten und eingerichteten Statistik des Gemeindeblattes, die inder Märznummer angestellt wurden und als deren Ergebnis eine anhaltende und im letzten Jahre ganz besonders verstärkte Schrumpfung der Israelitischen Gemeinde F rank u r t deutlich Avurde, sind durch inzwischen neu veröffentlichte Zahlen noch verdeutlicht worden. Es ist den Lesern des Gemeindeblattes wohl aufgefallen, daß in den ersten beiden Monaten 1934 die Geburten einen Tiefstand aufweisen, der bisher selbst den größten Pessimisten unter den jüdischen Statistikern unwahrscheinlich erschien. Im Januar kamen in der ganzen Gemeinde noch 3 Kinder zur Welt, im Februar 2, im März 9, während in den entsprechenden Monaten des Vorjahres, die schon alle Zeichen des scharfen Rückganges tragen, 7, 8 bzw. 16 Geburten stattfanden. Noch deutlicher wird der Ausfall an Geburten daraus, daß im Januar 13 und im Februar 20 Barmizwos stattfanden. Da diese Barmizwos nur die Knaben des Jahrgangs 1921 umfassen und noch nicht einmal alle (ein Teil der Gemeindemitglieder läßt die religiöse Feier nicht vornehmen), ergibt sich, daß im Altersaufbau der Gemeinde der Jahrgang 1934 nahezu auszufallen droht. Auch die nunmehr vorliegenden endgültigen Zahlen der A bwanderung im Jahre 1933 sind gegenüber den vorläufigen wesentlich erhöht, so daß in Wirklichkeit die Gemeinde noch stärker abgenommen hat als in unserer vorausgegangenen Aufstellung angenommen wurde. Es ergibt sich eine Mehrab Wanderung von 1400 Seelen, was allein etwa 6% der Zahl der Gemeindemitglieder ausmacht. Nach diesen Ziffern, die wahrscheinlich noch nicht vollständig sind, weil sie Gemeindemitglieder nicht umfassen, die sich bereits zur Vorbereitung ihrer Auswanderung im Ausland aufhalten oder die zu Studienzwecken auswärts weilen, sind 1933 doppelt so viel Menschen weggezogen wie 1932, während andererseits nur die Hälfte des Vorjahres zugezogen ist. Da sich das Bild durch die nachträglich gemeldeten Ziffern wesentlich verändert hat, geben wir noch einmal die in dem ersten Aufsatz enthaltene Tabelle mit den berichtigten Zahlen des Jahres 1933. Die Abwanderung Zuzug und Wegzug Z u Männer g a n Frauen S Zus. W Männer i g z u Frauen g Vermi Männer derung Vegzug Frauen Zus. 1929 929 643 1572 L004 621 1625 75 22* 53 1930 938 705 1643 1278 995 2273 340 290 630 1931 977 701 1678 1237 945 2182 260 244 504 1932 748 599 1347 976 780 1756 228 181 409 1933 310 346 656 1913 1566 3479 1603 1220 2823 *) Mehr Zuzug