Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 8 (4.1934)
- Date
- 1934-04-01
- Page
- Seite 337 (sequence 35)
- Language
- German
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Seite 337 ihrer Seele eine Sehnsucht aufsteigen, diesen alten Klängen aus der Haggada wieder zu lauschen. Konnte doch selbst ein Heinrich Heine, der in tiefstem Herzen immer Jude geblieben, nicht los von dieser Sehnsucht nach dem verlorenen Feiertagsklang. „Wehmütig heiter, ernsthaft spielend, märchenhaft geheimnisvoll ist der Charakter dieses Abends — so schauervoll innig, so mütterlich einlullend und zugleich so hastig aufweckend, daß selbst diejenigen Juden, die längst vom Glauben ihrer Väter abgefallen — in tiefstem Herzen erschüttert werden, wenn ihnen die alten, wohlbekannten Pessachklänge zufällig ins Ohr dringen!" Von jeher lag es den Frauen ob, den Seder tisch nach altem heiligen Brauch zu schmücken und die Sederschüssel zu bereiten. — In fernster Vergangenheit, als wir noch im eigenen Lande das Pessachfest feierten, schon damals versammelte sich ein großer Kreis von Freunden und Verwandten zur gemeinsamen Sederfeier, und die Türen wurden weit aufgetan, damit alle Bedürftigen hereinkommen und den Pessachabend mitbegehen konnten. — Der Saal war ein Triklinium, d. h. es standen ringsum Ruhepolster, und der vornehmste Platz gebührte dem Hausherrn; die anderen männlichen Gäste lagen gleichfalls nach Art der Freien angelehnt da, Frauen und Kinder dagegen saßen unangelehnt. In Bne Brak, einem kleinen Städtchen in Nord-Palästina, waren etwa um das Jahr 130 nach der gewöhnlichen Zeitrechnung viele berühmte Rabbinen die ganze Sedernacht beisammen und unterhielten sich über den Auszug aus Aegypten. Was in dieser Sedernacht gesagt, gesungen und gegessen wurde, daraus hat sich die festgelegte Form unseres jetzigen Sederabends entwickelt und hat ihren Niederschlag gefunden in der Haggada, aus der an diesem Abend in zwei durch die festliche Mahlzeit unterbrochenen Abteilungen gesagt und gesungen wird. Aus der einstmaligen, in der nationalen Heimat genossenen Mahlzeit wurde in der Diaspora die symbolische Mahlzeit, die heute auf unserer Sederschüssel in Gestalt von P e s s a c h (Lammknochen), M a z z o und Moraur (Bitterkraut) vor uns steht, letzteres zur Erinnerung an das bittere Leid, das unsere Väter und Mütter in Aegypten ertragen mußten. Nicht fehlen darf auch das Charoses, gleichfalls eine Erinnerung an die schwere Lehmarbeit in Aegypten und bestehend aus einer Mischung von geriebenen Aepfeln, Mandeln, Zimmt und Zucker, dessen Zubereitung sich von einer Hausmutter atif die andere vererbt. Und endlich das E i, meist erklärt als Erinnerung an das Festopfer, in Wirklichkeit aber ein Sinnbild des Uebergangs von der Trauer zur Freude. Von den drei besonders gebackenen dicken Mazzos, die verdeckt auf der Sederschüssel Hegen, dient die mittlere zum Aphikomen, der vom Hausherrn vor dem Tischgebet verteilt wird. E8 ist die größte Freude der Kinder, deren' religiöser Belehrung vor allem der Sederabend gilt, den Aphikomen zu verstecken, damit der Hausherr ihn durch ein Geschenk einlöst, da er ohne denselben das Tischgebet nicht sprechen darf. In der Mitte oder neben der Sederschüssel steht der silberne mit Wein gefüllte Kelch für den Propheten Elia, den Schutzgeist unseres Volkes. Die feste Form unseres heutigen Sederabends ist das Ergebnis einer langen Entwicklung. Aber zu allen Zeiten war es ein Fest der Familie, und der jüdischen Mutter fiel die dankbare und heilige Aufgabe der Festvorbereitung zu. Nie haben wir Juden Priesterinnen in unserer Mitte gekannt, aber Priesterinnen im eigenen Heim waren unsere Großmütter und Ahnen in ihrer schlichten Frömmigkeit. Festesweihe und stillheiliges' Glück haben sie um sich verbreitet. Sollte es nicht auch uns Frauen von heute — nach schwerstem Erleben selbst denjenigen unter uns, denen fast alles Jüdische fremd geworden — möglich sein, den Sedertisch wieder im Heim zu bereiten? EllaSeligmann Zusanimenschluss berufstätiger jüdischer Frauen Wir bringen die nachstehenden interessanten Ausführungen zur Anregung für die Frankfurter berufstätigen jüdischen Frauen, die sich in ähnlicher Lage befinden und einen derartigen Zusammenschluß gewiß begrüßen würden. Vor einigen Monaten hat sich in Berlin in engem Anschluß an den Jüdischen Frauenbund eine Gruppe berufstätiger Frauen gebildet. Das Ausscheiden aus den Stellungen oder die gegenwärtige tief einschneidende Veränderung der Berufstätigkeit haben fast ausnahmslos auch den Austritt aus der Berufsorganisation und damit eine — besonders in der Großstadt — schmerzlich empfundene Vereinsamung mit sich gebracht. Um die persönlichen Bindungen nicht zerreißen zu lassen und um zugleich Gelegenheit zu weiterer geistiger Anregung, auch zur Weiterbildung zu schaffen, hatten bereits in den Sommer- und Herbstmonaten des vorigen Jahres die Angehörigen einiger Berufe — Wohlfahrtspflegerinnen, Aerztinnen, Juristinnen, Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen, Gymnastiklehrerinnen — unter sich Zusammenkünfte veransaltet, bei denen je nach Bedarf Aussprachen über bestimmte Themen im Anschluß an kleine Referate, Rechtsberatung oder Führungen durch die dem betr. Fach zugehörigen Einrichtungen stattgefunden hatten. Diese getrennten Ansätze eines neuen Zusammenfindens haben dann an den verschiedenen Stellen ziemlich gleichzeitig den Gedanken entstehen lassen, möglichst alle jüdischen Frauen, die berufstätig sind oder waren, zusammenzufassen. Der jüdische Frauenbund bot den gewünschten Anhalt dafür, und unter seinen Auspizien ist Anfang Dezember v. J. die neue Gruppe in festerer Form organisiert worden. Da in Berlin die Anzahl der in Betracht kommenden Frauen sehr hoch und die Beschaffung der Adressen mit ziemlicher Mühe verknüpft ist, hat man zunächst nur einige Berufe erfassen können: Aerztinnen, Wohlfahrtspflegerinnen, Lehrerinnen aller Schularten, unter ihnen auch die große Gruppe der Handelslehrerinnen, Juristinnen, Zahnärztinnen, Gymnastiklehrerinnen, Nationalökonominnen, Apothekerinnen — insgesamt etwa 400. Die Erweiterung dieses Kreises durch Hinzunahme der sehr umfangreichen Gruppe kaufmännischer Angestellter, der technischen Assistentinnen u. a. m. ist Aufgabe der nächsten Zukunft. Von mal zu mal hat sich die Zahl der Teilnehmerinnen schon von selbst durch Journalistinnen, Bibliothekarinnen, Künstlerinnen ergänzt. Die Gruppe will und darf kein Wirtschaftsverband sein, keine Vertretung beruflicher Interessen nach außen übernehmen, und keine Doppelarbeit tun; denn für Stellenvermittlung, Beruf sumschichtung, Unterstützung, auch für allgemeine Kulturaufgaben sind andere, gut eingearbeitete Organe vorhanden, mit denen allerdings je nach Bedarf Hand in Hand zu gehen ist. Das Hauptziel liegt in der Pflege menschlicher Beziehungen, als Stütze für viele Isolierte, in geistiger Anregung und Förderung, unter Anlehnung an den Beruf, durch die Bereitstellung geeigneter Räume, die Beschaffung von Zeitschriften, die Veranstaltung von Zusammenkünften mit mehr oder minder festem Programm. Etwa monatlich findet je ein Vortragsabend mit allgemein interessierendem Thema und der Erstattung sog. „Nachrichtendienste" (wissenschaftlicher und praktischer Art) statt; daneben haben einige Fachgruppen (deren es bisher fünf gibt) ihre Sonderzusammenkünfte, in denen je nach den Bedürfnissen des betr. Kreises Fachthemen, entweder ausschließlich für die Mitglieder der Fachgruppe, oder mit Einladung an sämtliche Glieder der Gesamtgruppe, verhandelt werden. In der Gestaltung dieser Sonderzusammenkünfte muß je nach der Lage des betr. Berufs (Weiterführung der Arbeit, wenn auch unter Hemmungen, oder aber Ausscheidung, daher Notwendigkeit sich umzustellen) volle Elastizität herrschen. Derselbe Grundsatz ist aber auch für Fortleben und Erstarken der gesamten Organisation unbedingte Voraussetzung. Am Leben und Schaffen des Jüdischen Frauenbundes soll jedes Mitglied der Gruppe nach Können und Wollen teilnehmen. Bund und neue Gruppe erhoffen vielerlei Belebung und gegenseitige Förderung durch diese Annäherung. Ob und wieweit menschlich-freundschaftliche oder sachliche Bindungen in der