Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-04-01 · 8 (4.1934) · p. Seite 336

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
8 (4.1934)
Date
1934-04-01
Page
Seite 336 (sequence 34)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3094266-3094399-3094407--4083-3098869
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Feldbergstrasse 3i Jüdische Frauengestalten IV. Sara Copia Sullam In Paris erschien im Jahre 1877 von Ernest David eine Biographie der Sara Copia Sullam, einer der interessantesten und bedeutendsten Erscheinungen unter den jüdischen Frauen des Mittelalters. Italien war ihre Heimat, jenes Land, in dem sich zur damaligen Zeit auch unter den Juden die schönen Künste, Dichtung, Gesang und Musik, frei entwickeln durften, kaum gehemmt durch vereinzelte Verordnungen. Sara war die Tochter des angesehenen Fabrikanten Simon Copia. 1590 in Venedig geboren, zeigte sie bereits als Kind die wunderbarsten Anlagen. Sie studierte Wissenschaften und Kunst, konnte, fast noch ein Kind, schon griechische und römische Dichter in der Originalsprache lesen. Früh schon begann sie mit dichterischen Versuchen. Aber ihr tiefstes Interesse, ihre heiße Liebe galt der Geschichte ihres Volkes und ihrem Glauben. Sie begeisterte sich an den uralten biblischen Gestalten und vertiefte sich in die glühenden Reden der Propheten. Ihre seelische Anmut und ihre wunderbare Schönheit, von der viele an sie gerichtete Gedichte Kunde geben, ihre süße Stimme, mit der sie selbsterfundene Melodien zu improvisierten Texten sang, und ihre Klugheit übten einen solch faszinierenden Reiz auf ihre Umgebung aus, daß sich ihr Ruf weithin verbreitete. Bekannte und berühmte Persönlichkeiten, durchreisende Notabein verschmähten nicht, das bezaubernde Judenmädchen zu besuchen. Auch der Klerus begann auf sie aufmerksam zu werden, und man versuchte offen und insgeheim, die schöne Jüdin ihrem Glauben abspenstig zu machen, um sie der Kirche zuzuführen. Fromme Bekehrungsschriften wurden ihretwegen geschrieben; angesehene, stolze Frauen, von der Geistlichkeit dazu bewogen, drängten sich an sie heran, um sie durch Schmeichelei, durch Voraussagen einer glänzenden Zukunft zum Uebertritt zu bewegen. Aber so jung Sara war, so fest war sie in ihrem Glauben, so stolz darauf, eine Jüdin zu sein. Zu tief war sie in die Quellen ihrer Religion eingedrungen, zu tief verwurzelt in ihrem Volke, als daß Versprechungen und Schmeicheleien sie hätten verlocken können. In ihrem einundzwanzigsten Jahre wurde sie dem jungen Jakob Sullam vermählt und nannte sich von nun an Sara Copia Sullam. Bald danach begann die Tragik ihres Lebens. Sie, deren Seele nicht nur für alles Edle und Gute aufgeschlossen war, erfaßte mit ihrer glühenden Phantasie und Begeisteningsfähigkeit auch alles Schöne, das ihr in Werken zeitgenössischer Dichter entgegentrat. So empfing sie eines Tages ein Gedicht, das die biblische Königin Esther zum Gegenstand hatte. Sie war begeistert von der Schönheit der Verse und ließ sich dazu hinreißen, dem ihr persönlich unbekannten Dichter einen überschwänglichen Dankbrief zu schreiben. Dieser Dichter war Ansaldo Cebä. Ein talentvoller, weltgewandter Mann, der dem geistlichen Stande angehörte. Er vertiefte sich in die hebräische Sprache, um die Bibel im Urtext Ein Kluger muss den Sinn auf das Vergangene lenken, Das Qegenwärt'ge tun, das Künftige bedenken. Insdirift zu einem Hausgerät. lesen zu können. So wurde ihm die Königin Esther zum Dichtungsmotiv. Aber der erhoffte Erfolg blieb aus, er sah sich bitter enttäuscht, und nur eine Glaubensgenossin seiner Heldin, die schönste Frau ihrer Zeit, schrieb ihm in glühender Begeisterung. Kein Wunder, daß "der für weibliche Schönheit empfängliche Mann für die Briefschreiberin leidenschaftlich entbrannte. Einstweilen dachte er als frommer Sohn der Kirche nur an die Bekehrung der schönen Jüdin und bestand eifrig auf Fortsetzung des Briefwechsels. Dieser Briefwechsel dauerte vier Jahre. Die Briefe Cebäs sind erhalten und der Oeffentlichkeit übergeben, Saras Briefe sind der Inquisition anheimgefallen. Beider Briefe sind anfangs von herzlicher Freundschaft erfüllt, allmählich aber durchbricht geheime Leidenschaft die frommen Bekehrungsversuche. Ansaldo Cebä lebt in Genua und wagt es nicht, ihr persönlich zu nahen. Aber seinen alten Diener Marko entsendet er zu ihr mit auserlesenen Früchten und spanischen und lateinischen Bekehrungsschriften. Der alte Mann kehrt, berauscht von Saras Schönheit und Güte, zu seinem Herrn zurück. Cebä fleht sie um die Erlaubnis an, um ihre Bekehrung beten zu dürfen. Sara erwidert, sie wolle es ihm gern gestatten, wenn er ihr erlauben wolle, um seine Bekehrung zum Judentum zu Gott zu beten. Hin und her geht der Briefwechsel. Sie ist nicht in die Enge zu treiben, ist ihm an Logik und Sachlichkeit und an Kenntnis der Bibel überlegen. Während sie so für ihren Glauben streitet und leidet, verbreiten Uebelwollende das Gerücht, daß sie sich, durch Cebä verleitet, zur Taufe vorbereite. Auch das gleitet von ihrer starken Seele ab. Da aber bereitet sich Ernsteres vor. Ein katholischer Priester läßt eine Abhandlung über die Unsterblichkeit der Seele erscheinen, in der er die Jüdin Sara anklagt, daß sie diese, beiden Religionen gleich heilige Grundlehre, leugne. Das Inquisitionstribunal drohte; Sara erschrickt zwar, doch verliert nicht den Mut. In zwei Tagen verfertigt sie eine Verteidigungsschrift von solch dialektischer Schärfe und schlagender Ueberzeugungskraft, dabei durchtränkt von feinem Humor, daß sie zur Anklage- und Vernichtungsschrift des fanatischen Priesters wird. Inzwischen ist ihr Freund Cebä gestorben. Seine dreiundfünfzig gesammelten Briefe an Sara hat er seinem Freunde Doria von Genua mit der Mission hinterlassen, sein Bekehrungswerk fortzusetzen. Aber auch diese Mission scheitert. Sara bleibt eine treue Jüdin und lebt von nun an still ihrer Familie und ihrem Talent. Sie starb im Frühlingsmonat 1641. Am venezianischen Lido liegt ihr zerfallenes Grab, und die Grabschrift, in der sie, jlie Weisheitsvolle und Tugendreiche, die Krone-der Armen genannt wird, endet mit dem Ruf aus dem Hohenliede: „Kehre wieder, kehre wieder, Sulamit!" . E. S. Sederabcnd Es ist ein eigenartig Anmutendes und doch Selbstverständliches, daß in diesem Jahr der Seder-Abend auch für uns Frauen unendlich viel mehr und anderes bedeutet als in den vergangenen Zeiten. Selbst für diejenigen unter uns, die aufgewachsen sind mit den alten, wohlbekannten Pessachklängen, die alles, was der Seder-Abend uns gibt, Jahr für Jahr aus eigenem Erleben kennen, selbst für diese werden heute die ehrwürdigen Gebräuche mehr noch als sonst mit unserer fast .zweitausendjährigen Vergangenheit verbunden erscheinen. Aber auch bei denen, die vielleicht einmal nur in ihrer frühen Jugend im Eltern- oder Großelternhause der Zauber dieses Abends umfangen hat, wird heute aus verschütteten Tiefen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.