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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-04-01 · 8 (4.1934) · p. Seite 314

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
8 (4.1934)
Date
1934-04-01
Page
Seite 314 (sequence 12)
Language
German
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Seite 314 Bedeutung und Aufgaben des Museums jüdischer Altertümer *> Von Dr. Hermann Gundersheimer, Kustos am Museum jüdischer Altertümer Dal? die Initiative, sich mit den sichtbaren Werken jüdischen Kunstschaffens zu befassen, gerade von Frankfurt ausging, ist kein Zufall: Die nötige Voraussetzung, das Interesse an jüdischen Fragen, und die nicht minder wichtige Vorbedingung, der wirtschaftliche Unterbau, waren hier, wie in kaum einer anderen Stadt des deutsch-jüdischen Kulturkreises gegeben. Es ist bezeichnend, daß es ein Nichtjude, der Düsseldorfer Museumsdirektor Frauberger, war, der 1896 in Frankfurt den nötigen Widerhall fand, um eine seinen Absichten dienende Organisation zu schaffen; ursprünglich rein wissenschaftlichsuchend, sehr bald aber von der Kenntnis und damit von einer Liebe zum Gegenstand getragen und gefördert, befaßte sich diese „Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler" mit der Konservierung, geschichtlichen und kulturgeschichtlichen Erforschung, und der wissenschaftlichen Publikation der jüdischen Kunst- und Kulturdenkmäler. Gerade die konservatorische Aufgabe der Gesellschaft verlangte von Fall zu Fall den Erwerb von Gegenständen, deren Erhaltung am ursprünglichen Ort ihrer Bestimmung gefährdet schien. Auf diese Weise entstand der Grundstock zu dem Museum jüdischer Altertümer, das heute als Vereinigung des Kunstbesitzes der Gesellschaft, der Israelitischen Gemeinde und anderer öffentlicher und privater Stellen an der Spitze der jüdischen Museen nicht nur dem Alter nach, sondern auch seiner Bedeutung wegen rangiert. Es darf darauf hingewiesen werden, daß das Museum jüdischer Altertümer seine Aufgabe enger als manche jüngeren jüdischen Museen faßt; denn nicht jede Aeußerung eines jüdischen Schöpfers und jede Darstellung eines jüdischen Objekts erscheint ihm ausreichend, eine museale Einordnung zu rechtfertigen. So ist das Frankfurter Museum z. B. in der Auswahl moderner jüdischer Kunst von dem Grundsatz geleitet, nur das zu akzeptieren, was in einem strengen Sinn „jüdisch" genannt werden kann. Tiefer faßt das Frankfurter Museum seine Aufgabe darin, daß es nicht nur eine ästhetische Schausammlung, sondern ebenso eine jüdische Bildungsstätte sein möchte. Seiner ästhetischen Aufgabe, d. h. der Aufgabe künstlerisch und kunstgewerblich bedeutende Gegenstände vorzuführen, kommt das Museum in der Gliederung seines Aufbaus nach. Unter den beiden Gesichtspunkten Kunstgeschichte und Kulturgeschichte sind die Räume mit den Gegenständen des synagogalen und häuslichen Kultus in der ersten, mit Dokumenten zur Geschichte der Juden, besonders der Frankfurter Juden, in der zweiten Abteilung, nach modernen musealen Grundsätzen angeordnet. Die Zusammenfassung zu Gebrauchsgruppen in der Reihenfolge der jüdischen Feste stellt dabei die Möglichkeit her, die rein museale Aufgabe mit der Bildungsabsicht zu verbinden. Bildung, die von einem Museum jüdischer Altertümer geleistet werden kann, bedeutet nicht nur Vermehrung des historischen Wissens, Kennenlernen früherer Gebräuche, Lebendigmachung von Vorstellungen und Sitten, die an das -volkstümliche Leben der Juden in der Vergangenheit anknüpfen. Bildung', die von hier ausgeht, heißt in einem weiteren Sinn die Frage klären helfen, die nach der Selbständigkeit und spezifischen Geschlossenheit einer Kunst der Juden aufge- Ji^DSam^JOWcfeV^^^ — Titelseite einer auf Pergament gesdiriebenen Haggada des Schreibers Josef aas der Umgebung von Würzburg (1734) im Museum Jüdischer Altertümer. worfen werden muß. Diese Frage ist heute keine akademische mehr; ihre Klärung hat dadurch eine praktische Bedeutung erlangt, als durch sie ein wichtiger Teil der geistigen Eigenart der jüdischen Gemeinschaft verstanden werden kann. In einer Zeit, in der jüdische Haltung jedes Einzelnen von seiner Kenntnis des Juden tu ms her bestimmt wird, wird die Frage nach dem Standort der jüdischen Kunst innerhalb der Kunstgeschichte überhaupt :— werde sie nun positiv oder negativ beantwortet — aufgeworfen werden müssen, um die Grenzen jüdischer Möglichkeit zu verstehen und die Eigenart jüdischen Geistes- und Seelenlebens zu erfassen. Da das Museum natürlicherweise nur einen Teil der in den vergangenen Epochen produzierten Werke, manchmal sogar nur einen sehr geringen Teil in Originalen präsentieren kann, ist eine weitere Aufgabe gegeben in der Anlage einer möglichst umfassenden Sammlung von Reproduktionen nach Denkmälern, Kunst- und Kulturerzeugnissen der Juden in aller Welt. Diese Vorbildersammlung ist zum Zweck der leichteren Benutzbarkeit nach wissenschaftlichen Ordnungspunkten gegliedert. Hier kommen selbst die Schenkungen alter Kunstzeitschriften u. ä. zu unerhofften Ehren, weil aus ihnen die auf Jüdisches bezüglichen Reproduktionen gesammelt und eingeordnet werden. Durch die Abwanderung der Juden aus den kleineren Gemeinden und die dadurch hervorgerufene Auflösung mancher Gemeinden erwächst dem jüdischen Museum eine alte Aufgabe mit neuer, dringlicher Intensität. Den „Synagogehschatz" solcher Gemeinden zu verwahren, ihn vor Verschleuderung oder Einschmelzung zu schützen, durch fachliche Pflege und Wiederherstellung zu erhalten, ist eine überall mit Nachdruck geforderte Arbeit des jüdischen Konservators. Seine besondere Eigenart verdankt das Museum jüdischer Altertümer in Frankfurt der engen lokalen Verbindung mit dem Rothschild -Museum, das sich unmittelbar mit den historischen Zimmern des ehemaligen Rothschildschen Bankhauses an die Ausstellungsräume anschließt. Lokale Prägung und internationaler Name werden den Sammlungen vom Rothschild-Museum her verliehen. Der Großzügigkeit der Rothschildschen Familie hat auch die Kult Sammlung Wichtiges zu danken. Die in den Aufgaben begründete Einheit des Museums jüdischer Altertümer und des Rothschild-Museums ist mehr als eine räumliche; sie ist eine wesenhafte und findet ihren sichtbaren Ausdruck in der gemeinsamen Verwaltung beider Abteilungen durch die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler und die Israelitische Gemeinde. Aus der Verbindung von Rothschild-Museum und Museum jüdischer Altertümer ergibt sich ein weiterer Erfahrungswert: So sehr das Museum jüdischer Altertümer seine Interessen auf Erzeugnisse jüdischer Hand und Gegenstände jüdischen Bedarfs lenkt, wo immer sie auch entstanden sein mögen, so gut im Museum auch der Unterschied zwischen dem deutsch-jüdischen und dem italienisch-jüdischen oder polnisch-jüdischen Kreis erkannt werden muß, so wenig kann es Aufgabe des Museums jüdischer Altertümer sein, ein Zentralmuseum zu werden. Man sucht in Frankfurt Frankofurtensien und Rothschildiana und erwartet, daß etwa das Berliner Museum aus seinem Umkreis *) In unserer Aufsatzreihe über Institutionen der Frankfurter Israelitischen Gemeinde (vergl. Nr. 4* 5, 7) bringen wir hier'ißinen weiteren Beitrag. 1

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