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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-04-01 · 8 (4.1934) · p. Seite 313

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
8 (4.1934)
Date
1934-04-01
Page
Seite 313 (sequence 11)
Language
German
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Seite 313 Bemerkenswert ist die Art, wie die Schale in ihrer Funktion gewertet ist, die doppelte Art und Richtung ihrer Wertung. Sehr rasch verständlich ist es, wenn die Weisen als die Bewahrer der köstlichen Frucht der Thora gewertet werden; das bewegt sich in dem allgemein üblichen Gedankengang. Auffälliger, aber tief schürfend und den Tatsachen Rechnung tragend, ist die Wertung der Ungelehrten, der Arne Haarez als Bewahrer der Thora. Sie erscheint zuerst , als ein Widerspruch zu den bekannten Sätzen der Sprüche der Väter, daß „der Ungelehrte nicht fromm sein kann." Nimmt man aber das Leben und die Geschichte wie sie sind, so muß man sagen, daß die Treue und die Beharrung gerade der Ungelehrten, die einfache naive Frömmigkeit, das zähe Festhalten an Ueberliefertem aus der Einfalt des Herzens eine ebenso stark konservierende Macht sind wie die Arbeit der Geistigen und Gelehrten. Der Am Haarez ist keine Erscheinung, auf die man mit Spott und Verachtung zu schauen berechtigt wäre, er ist auch legitimes Glied der Gesamtheit und Mitträger am Erbe in seiner Art. Die Anknüpfung an die Abwaschbarkeit der Frucht, um die Abwaschbarkeit der Sünde zu begründen, ist leicht verständlich; wir wollen uns ihrer freuen, weil ja die Lehre von der Sündenvergebung und der steten Möglichkeit zur Umkehr und zum Neuaufbau des sittlichen Lebens Voraussetzung aller' jüdischen Frömmigkeit in ihrer Eigenart ist. Nicht ohne eine gewisse Spitze ist der Hinweis darauf, daß es leicht und ohne Gefahr ist, in Israel Führung zu bewähren. Im großen Zusammenhang dieser Deutung wird auf Moscheh, Jeschajahu und Elijahu hingewiesen. Moscheh hatte gesagt: „höret ihr Widerspenstigen", darum durfte er nicht ins Land einziehen. Elijahu hatte gesagt: „denn die Kinder Israel haben Deinen Bund verlassen", darum mußte er sich selbst durch Elischa ersetzen. Jeschajahu hatte gesagt: „inmitten eines Volkes mäkliger Lippen bin ich seßhaft", und schon wurde seine Lippe mit glühender Kohle gebrannt Sie alle haben mit ihrer Rede recht gehabt, und doch wurden sie gestraft für sie. Mahnung für jeden Führer, sänftiglich auch mit einem widerstrebenden und tadelnswerten Israel umzugehen. Von einem ausgesprochenen Humor getragen ist die Aufzählung der verschiedenen Typen, und wie sie sich zu den an sie gestellten Forderungen verhalten. Mit einem inneren Behagen, einem leichten Schmunzeln mag es jeder nachfühlen, der gelegentlich, oder gar des öfteren an Menschen herantreten muß, um ihren Gebewillen anzufachen. Daß bei allem Humor auch der Ernst nicht zu kurz kommt, dazu der Hinweis, daß „wo das Tor nicht offen ist für die Mizwah, es offen sein wird für den Arzt." Der Arzt muß nicht immer ein wohlwollender Arzt sein, in solchen Fällen ist auch der harte Dränger von außen her ein Arzt. Bedarf es, noch dazu heute, einer besonderen Erklärung für jene Bemerkung, daß man sein Judesein nicht verleugnen kann? Es wäre nur zu wünschen, daß man auch wirklich jeden Juden daran erkennt, daß er sein Leben führt als einer, der unter Gottes Segen steht. Aus einer Zeit, in der man sich über jeden Zuwachs aus der Welt außerhalb Israels herzlich freute, Mission trieb und jeden Aufnahme Begehrenden mit offenem Arm begrüßte, stammt die Deutung von dem Israel, das jeden zu ihm Kommenden zu fassen und zu tragen vermag. Erinnerung an Zeiten der Weite und des Vertrauens zu sich selbst. Von einer unheimlichen Aktualität ist der Hinweis darauf, daß jeder Schlag, der irgendwo gegen einen Juden als Juden geführt wird, von allen Juden empfunden wird und gespürt werden muß als ein Schlag, mit dem alle getroffen werden Pollen. Und mit der letzten Deutung, die die Sünde des Einzelnen zum Schaden der Gesamtheit werden läßt, wird an die unermeßliche Verantwortung erinnert, die jeder unter uns hat, daß sein Tun als beispielhaft für alle gewertet wird. Das aber ist aller Erziehung Schluß und Krone, die Verantwortung des Einzelnen für die Gesamtheit ins Bewußtsein zu heben, so das Gewissen zu schärfen. Ein Bruchteil eines Bibelsatzes — und welche Fülle der Deutung, welche Lebensnähe! Schafft Arbeit und Brot! Am 21. März begann unter der Führung des Reichskanzlers der Kampf um die Gewinnung von Arbeitsplätzen mit dem weit gesteckten Ziel, so vielen Menschen wie möglich in Deutschland Arbeit und Brot zu schaffen. Die Reichsregierung in diesem Kampfe zu unterstützen, ist die Pflicht eines Jeden. Alle Energien müssen gesteigert werden, um Jedem, der heute noch ohne Arbeit ist, schon in der nächsten Zukunft produktive Tätigkeit zu sichern. Die Arbeitslosigkeit, eine Erscheinung der Nachkriegszeit, darf nicht als eine vom Schicksal auferlegte Fügung hingenommen werden. Menschliche Einsicht muß nach Mitteln suchen, die Arbeit wieder zum segenspendenden Faktor zu gestalten. Wenn in diesem Augenblicke, in dem der Frühling seinen Einzug hält, unter der Führung der Reichsregierung alle Kräfte mobil gemacht werden, Arbeit und Brot zu schaffen, dürfen auch wir Juden nicht zurückstehen. Wir haben es immer als unsere Aufgabe angesehen, wo uns die Möglichkeit hierzu vergönnt war, an der gedeihlichen wirtschaftlichen ökonomischen Entwicklung Deutschlands mitzuarbeiten. Wenn von der obersten Stelle der Ruf in das Land geht, Arbeit zu schaffen, dann empfinden wir diesen Ruf auch an uns gerichtet und uns verpflichtet, so vielen Menschen, wie es irgend geht, produktive Arbeit zu schaffen. Die Reichsregierung hat mit aller Deutlichkeit erklärt, daß der Wirtschaft keine anderen Bindungen auferlegt sein sollen, als die, die aus den Gesetzen der Wirtschaft selbst kommen. Der freien Initiative des Unternehmers sollen keine Schranken gesetzt werden, es seien denn diejenigen, die aus der allgemeinen staatlichen Auffassung fließen. In der Wirtschaft gilt nach dem Willen der Reichsregierung auch kein Arierparagraph. Auch jüdische Arbeitslose warten in großer Zahl auf Einschaltung in den Wirtschaftsprozeß. Keine Vorschrift behindert die Berücksichtigung jüdischer Arbeitnehmer bei Einstellungen in der Wirtschaft. Die Aktivierung jedes Arbeitslosen bedeutet eine Entlastung der Allgemeinheit. Jeder Arbeitgeber prüfe gewissenhaft die Lage seines Betriebes und, wo irgend möglich, muß ein neuer Arbeitsplatz geschaffen werden, gleichgültig, ob es sich um einen großen, mittleren oder kleineren Betrieb handelt. Wer noch in seinem Betriebe einen freien Platz schaffen kann, hat die Verpflichtung, ihn unverzüglich zu besetzen. Der jüdische Arbeitsnachweis verfügt über eine große Zahl ausgebildeter Bewerber aller Arbeitskategorien und Berufe. Der jüdische Arbeitgeber sollte die Verpflichtung in sich fühlen, bei der Besetzung freier Stellen auch den jüdischen Arbeitsnachweis zur Vermittlung heranzuziehen und ihm Ger legenheit zu geben, auch seine Bewerber zu präsentieren. In dem Kampfe um Arbeit und Brot soll auch die Judenheit mit ihren bescheidenen Mitteln und an ihrem bescheidenen Platze mitwirken. Sie kann es tun, wenn jeder sich der Verantwortung bewußt ist, die auf ihm lastet. (Ans einem Aufruf der Jüdischen Gemeinde in Beziin.)

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