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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-04-01 · 8 (4.1934) · p. Seite 309

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
8 (4.1934)
Date
1934-04-01
Page
Seite 309 (sequence 7)
Language
German
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Seite 309 den Vaters. Sie fordert aber auch Freiheit für den fragenden Sohn. Dabei denkt sie an Kinder verschiedener Begäbung und Sinnesart und Willensrichtung. Alle Kinder sollen fragen. Besser selbst die Frage, die aus der Sinnesart eines Roscho kommt, als eine Frage, die heuchlerisch oder trotzig zurückgedrängt wird in die verschlossene Brust. An der Verständigung zwischen den Generationen hängt die Kontinuität unseres jüdischen Lebens und an dieser unser jüdisches Sein. Die Pessachfeier sagt aber auch deutlich genug, daß die den Kindern zu gebende religiöse Belehrung gleicherweise eine theoretische wie praktische sein solL Die gedankenlose Einleitung zu religionsgesetzlichem Tun ist nicht geeignet, das Herz zu erwärmen und den Willen zu festigen. Noch weniger Eindruck werden Worte machen, die nicht veranschaulicht und verlebendigt werden durch die seelenvolle religiöse Tat. Die religiöse Belehrung soll das religiöse Tun begleiten, dieses erklärend und durchleuchtend. Sprich zu deinem Kinde, „wenn die Mazza und das Bitterkraut vor dir liegen." Die liebevolle und verständnisinnige Beschäftigung m i t d e n K i n d e r n ist in heutiger Zeit wichtiger denn früher. Die sonnige Liebe und Güte des Elternhauses sollen die Kinder entschädigen für manches Harte und Lastende, das sie anderswo erfahren. Und ihre geistige und seelische Verwurzelung in der strahlenden Welt des Judentums soll sie vor Haltlosigkeit und Wankelmütigkeit bewahren und ihnen die Fähigkeit geben, das Judentum mit Freude und Stolz zu bejahen und auch unter schwierigen Verhältnissen seine Forderungen ju erfüllen. * Wer zur Zeit der Darbringung des Pessachopfers auf „fernem Wege" war, konnte nach der Bestimmung des Thoragesetzes die versäumte Pflicht der Beteiligung am Pessachopfer einen Monat später — Pessach scheni — nachholen (Num. 9, 9 ff.). Die Ferne des Weges ist nach der talmudischen Halacha nur relativ gemeint. Auf „fernem Wege" war, wer am Rüsttage des Pessachfestes nicht rechteitig im Heiligtum sein konnte. — Gar manche in unserer Mitte blieben selbst an den Festtagen unseren Heiligtümern fern. Sie waren so nahe und doch so fern. In einer Gemeinde mit blühenden jüdischen Einrichtungen und rege pulsierendem jüdischen Leben gingen sie teilnahmslos und unberührt an unseren Synagogen und religiösen Anstalten * vorbei. Möchten doch auch diese, die Zeichen der Zeit verstehend, nach kürzerem oder längerem Fernsein das Pessachfest mit uns feiern und durch die Pessachfeier wieder innig mit dem Judentum verbunden werden! Ueber die Gemeinschaftsfunktionen im deutschen Judentum Von Erwin Baer Das Ringen um das Verhältnis zwischen Gemeinschaft und Einzelpersönlichkeit hat im deutschen Judentum — entsprechend seiner Umwelt — seit dem Ausgang des letzten Jahrhunderts, vor allem aber seit dem Weltkrieg, eine grundsätzlich andere Gestalt angenommen. Bis dahin ging es darum, ob der Einzelne nach den Normen und Formen der Gemeinschaft zu leben oder ob er in eigener Verantwortung die Entscheidung über sein Dasein zu treffen habe. Beide Einstellungen beriefen sich auf Gott, die eine, daß Gottes Gesetz der Gemeinschaft und jedem ihrer Glieder diese Nonnen und Formen auferlegt habe, die andere, daß Gott dem Menschen den Unterschied zwischen Gut und Böse zu erkenn n e n gegeben habe und daß es sittliche Aufgabe der einzelnen Persönlichkeit sei, ihre Lebensformen diesem Grundsatz unterzuordnen. Damit wurde der Kampf um das Verhältnis zwischen Gemeinschaft und Einzelpersönlichkeit von den religiösen Richtungen ausgetragen. Dieser Kampf nahm die Entwicklung, daß die Gemeinschaft dem Einzelnen immer weniger die Formen und Normen diktierte. Die einzigen Machtmittel, die der Gemeinschaft hierfür zur Verfügung standen, öffentliche Meinung und gesellschaftliches Verhalten, hatten auf einen immer kleineren Kreis von Menschen und in immer kleinerem sachlichen Umfang Einfluß. Das bedeutete nicht, daß damit überhaupt der Umfang des Judentums geringer wurde. Nur konnte man ihn immer weniger an Gesetzen, Ueberlieferungen und festen Sitten ablesen, sondern mußte das jüdische Verhalten des Einzelnen addieren, um diesen Umfang zu bestimmen. Jüdische Sonderheit war immer weniger Sache äußeren Geschehens als inneren Bewußtseins geworden. In dieser Lage trat die Wendung ein, von der wir eingangs sprachen. Der Entwicklung der Umwelt folgend, entstand zuerst unter den Juden des europäischen Ostens, später auch Deutschlands, eine nationale Bewegung. Gleich allen anderen Nationalbewegungen forderte sie für die Gemeinschaft „den ganzen Menschen", proklamierte sie: „Wir sind ein Volk". Dieser Ruf traf eine jüdische Jugend, deren Menschen sich als Persönlichkeit nicht mehr stark genug fühlten, selbstständig die Entscheidung zwischen Gut und Böse zu suchen, selbstbewußt ihr Leben der Verwirklichung dessen, was, man als gut erkannt zu haben glaubte, zu widmen, selbstsicher zu hoffen, daß dies ein Stückchen zum Fortschritt der Menschheit beitrage. Nicht mehr sollte Judentum aus diesem Verhalten der Einzelnen ablesbar sein, sondern umgekehrt wieder das Verhalten des Einzelnen durch Unterordnung unter die Normen der Gemeinschaft bestimmt werden; nunmehr aber nicht mehr im Namen Gottes, sondern im Namen des Volkstums. Diesem Volkstum aber antwortete ein anderes Volkstum. Diejenigen unter den Juden Deutschlands, die ihr Wesen durch ihre Verbindung mit deutscher Sprache und deutscher Kultur, deutschem Land und deutschen Menschen bestimmt zu sehen glaubten, antworteten auf den Ruf: „Wir sind ein Volk", mit dem: „Wir gehören zum deutschen Volk". Wie ist es möglich, daß Menschen, die in Lebensformen und Lebensgewohnheiten, in ihrer ganzen Lebensgestaltung eine so einheitliche Gruppe bilden, wie die deutschen Juden, über ihr Wesen so widerspruchsvoll aussagen? Wenden wir uns einmal ab von dem Umstand, daß in derartigen Aussagen subjektive Bekenntnisse enthalten sind und daß sie Willensrichtungen darstellen, die die Zukunft vorwegnehmen, um die Gegenwart daran zu orientieren, sondern suchen wir der Wirklichkeit einige Erkenntnisse abzugewinnen. Zu diesem Zweck hat der Schreiber dieses die Methode gewählt, alle erkennbaren gesellschaftlichen Lebensbedingungen und Lebensäußerungen der deutschen Juden zu sammeln und zu ordnen, Gesetze und soziales Verhalten der Umwelt und der Eigenwelt, Anschauungen und Zielrichtungen, sowie die Maßnahmen und Einrichtungen, die aus ihnen fließen. Diese Methode ergab, daß es keine gesellschaftliche Lebensbedingung und keine Lebensäußerung gibt, die nicht einer oder gleichzeitig mehreren der neun nachstehenden sozialen Zielsetzungen dient, daß aber von diesen Zielsetzungen keine einer anderen mehr unterzuordnen ist. So bestehen neun Gruppen von sozialen Funktionen, nämlich 1. die territoriale: ihre Zielsetzung ist die Regelung der Zulassung und Ausbreitung der Menschen in bestimmten Gebieten; 2. die politische: ihre Zielsetzung ist die Unterhaltung von Einrichtungen der Gesetzgebung, Verwaltung, Rechtsprechung, Vertretung und Verteidigung nach außen, Publizistik; 3. die wirtschaftliche: ihre Zielsetzung ist die Regelung des Erwerbs, Besitzes und Verwendens von Gütern;

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