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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-04-01 · 8 (4.1934) · p. Seite 308

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
8 (4.1934)
Date
1934-04-01
Page
Seite 308 (sequence 6)
Language
German
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Seite 308 Pessach 5694 Von Gemeinderabbiner Dr. JakobHoffmann Das Pessachfest hat eine überragende Bedeutung in der Reihe unserer biblischen Feste. Nicht nur weil es das erste und älteste Fest ist, das die jüdische Gemeinschaft begehen durfte, sondern vor allem deswegen, weil es eingesetzt ist als ewige Erinnerung an unsere Volkswerdung und an die wunderbaren Ereignisse und Erlebnisse, die schützend und bergend unsere Volkswerdung begleiteten. Seine besondere Bedeutung beruht aber darauf, daß es viel mehr ist als Zeugnis und Denkmal. Was es kündet und lehrt, tritt Jahr für Jahr mit der Gegenwärtigkeit und Ursprünglichkeit des eben erst Geschehenen in unser Leben ein. Durch seine Gesetze, Bräuche und Symbole regt es unsere Geistes- und Gemütskräfte stärker an als irgend ein anderes Fest. ~ Hatte doch dieses Fest als es erstmalig gefeiert wurde, die ungeheure schöpferische Kraft, aus einem bis dahin dumpf dahinlebenden Sklavenstamm ein auch innerlich freies Volk zu machen, ein für das Höhere und Ideale aufgeschlossenes Volk, das sich bereit fand, durch die Wüste zu schreiten, dem Sinai und Erez Israel entgegen. Und etwas von dieser urwüchsigen Kraft steckt in jeder Pessachfeier. Selbst verhärtete und verschlossene Gemüter können sich nicht dem Zauber entziehen, den die Sederabende verbreiten. Es geht allen Festgenossen eine Ahnung auf von dem unausgeschöpften Reichtum, der in unserem Judentum und in unserer jüdischen Seele ruht. Und sie gewinnen Kraft, um des Judentums willen zu tragen und zu dulden und den königlichen Traum der messianischen Erlösung zu träumen. Drei Kerngedanken des Pessachfestes sollen hier eine flüchtige Beleuchtung erfahren. I. Das überwältigendste Erlebnis der Pessachnacht in Aegypten war die von jedem empfundene Nähe Gottes.und das Geborgensein in seinem Schutz und Schatten. Unsere Väter und Mütter schauten unverhüllt die wirkende Vorsehung Gottes und hörten gleichsam sein dröhnendes Schreiten im Pharaonenlande. Sie brauchten keinen theoretischen Unterricht über Gottes Sein und Allmacht und über seine vergeltende Gerechtigkeit und schützende Liebe. Die an Leib und Seele Mißhandelten und nach dem Prophetenworte in ihrem Blute Ersterbenden, die mitten im Tod und Verderben zu neuem Leben geweckt und mit der Kraft ausgerüstet wurden, selbstsicher und hoffnungsfroh in die Zukunft hinauszuschreiten, aus der Enge in die Weite, aus der Hörigkeit zur Freiheit des Gottesvolkstums und aus dem Sklavendasein einem großen und heiligen Ziel entgegen, sie waren die lebendigen Zeugen der wachen göttlichen Vorsehung in der Völkergeschichte sowie im Geschicke jeder Menschenseele. Und wir sind dies geblieben auf unserem geschichtlichen Gange durch die Jahrtausende. „Wie in den Tagen, da du herauszogst aus dem Lande Aegypten, will ich es Wunder sehen lassen" (Micha 7, 15). Diese prophetische Verheißung hat sich an uns erfüllt. Waren auch die späteren Wunder unserer Erhaltung mitten im Tod und Verderben nicht so offenbar und sinnfälig wie in Aegypten, so sind sie doch offenbar und sinnfällig genug für jeden, der Geschichte zu lesen und zu deuten versteht. Gott habe einmal, so heißt es in einem bildhaften Midiasch (zu Lev. 29, 2), den Patriarchen Jakob den steigenden und sinkenden Genius der vier in der alten Welt herrschenden Reiche: Babel. Persien-Medien, Hellas und Rom schauen lassen. Und der Patriarch erbebte beim Anblick der in den Abgrund stürzenden Völkergrößen. „Wird auch meinen Nachkommen ein ähnliches Schicksal bereitet werden?" Da tönte ihm die Beruhigung des jeremianischen Wortes entgegen: „Du fürchte dich nicht, mein Knecht Jakob, spricht der Ewige, und zittere nicht, Israel" (30, 10). Wer hatte aber mehr Grund, zu zagen und zu beben? Haben doch schon unsere alten Weisen aus ihrer geschichtlichen Erfahrung heraus den Satz ausgesprochen: So oft ein Weh durch die Welt geht, sind es die Nachkommen Jakobs, die es zu allererst fühlen. Wir sind der Seismograph der Weltgeschichte. Wir verzeichnen zuerst die politischen und sozialen Erschütterungen. Wir werden zuerst in Mitleidenschaft gezogen, wenn geschichtliche Umwälzungen, von schmerzlichen Zuckungen begleitet, nach Gestaltung ringen. Wir haben aber auch in unserem Geschichtsverlauf hundertfältig bewiesen, daß wir — eine einzigartige Erscheinung — mit der wunderbaren Kraft der Erneuerung und s e e 1 i - schenWiedergeburt begnadet sind. Auf jede Erstarrung folgte bei uns neues Leben, auf jede Verkümmerung neue Blüte, auf jedes Dunkel neues Licht und auf jede Gesunkenheit neue Erhebung. Und diese Kraft wuchs uns aus der ersten Pessachnacht. „Eine Nacht der Bewachung war das dem Ewigen, sie aus dem Land Aegypten zu führen. Diese Nacht bleibt dem Ewigen, eine Bewachung ist sie allen Kindern Israels für ihre Geschlechter" (Ex. 12, 42). n. Die erste Pessachnacht kennzeichnet gleich unser Verflochtensein mit dem religiösen Ideal, das willensmäßig und schicksalhaft unseren geschichtlichen Weg bestimmte. Die Erlösungsfeier gestaltete sich uns zu einem religiösen Erleben: Die Freiheit manifestierte sich uns in der Gebundenheit an Gott und sein Gesetz. Unsere Volkswerdung führte gleich mitten in die Religion hinein. Wir wurden gleichsam — die religiös gebotenen Vorbereitungen der Pessachfeier hatten bereits am 10. Nissan begonnen — in die Religion hineingeboren. Und Religion war uns nicht gedankliche Abstraktion, nicht Gefühlsschwärmerei, nicht nationale Ekstase und nicht mystische Verzückung. Religion war uns von allem Anfang an religiöses Tun, religiöses Gesetz. Jüdische Religiosität ist nur fruchtbar, wenn sie hinleitet zur Mizwa, zum Gesetz, das das Leben formt und alle seine Bereiche mit religiösem und ethischem Inhalt erfüllt. Die ersten religiösen Gebote waren an das Haus geknüpft. Das Pessachopfer sollte vorbereitet werden für das Haus oder wie es in der zweiten Formulierung heißt: für die Familien. Unter freudiger Anteilnahme aller im Hause versammelten Familiengenossen mußte die Pessachfeier begangen werden. „. . . Ihr aber geht nicht hinaus, keiner aus der Tür seines - Hauses, bis an den Morgen" (Ex. 12, 22). Dies gab dem jüdischen Hause die religiöse Weihe und Heiligung und dem Judentum den Felsengrund, auf dem es sicher ruht von Mizrajim her bis auf den heutigen Tag. Wie in den Tagen vor uns, und insbesondere den leidvollen Tagen vor uns, können auch wir nur von unseren Häusern her religiöse Erstarkung und seelische Erneuerung und dadurch innere Festigkeit und Würde gewinnen. Von Häusern her, in denen das Familienleben in urwüchsiger Liebe und Tiefe und Reinheit und Heiligkeit blüht, und in denen Thorawissen und jüdisches Leben Pflege und Entfaltung finden. „Ihr aber geht nicht hinaus, keiner aus der Tür seines Hauses.bis an den Morgen." Woran wir willensmäßig hätten festhalten sollen, wird jetzt schicksalhaft zur Forderung: Wir müssen bei uns bleiben. Unsere Familienwohnungen müssen uns alles sein. Und sie können uns alles sein. Ihre Segnungen bieten tausendfältigen Ersatz für die öden Zerstreuungen und seelenlosen Vergnügungen, die wir, zuweilen unter Preisgabe der eigenen Würde, anderswo suchten. Das Pessachfest hält uns einen Lehrgang darüber, was die vom Judentum durchseelten Häuser an echter Heiterkeit und edlen Gemütswerten bieten können. Dieser Lehrgang sind die Sederabende. HL Die Sederabende wurden aber erst zu Sederabenden durch die fragenden Söhne und die antwortenden Väter. Ist es nicht tief bezeichnend, daß die Thora gleich in der Stunde unserer Volkswerdung die Pflicht der religiösen Belehrung und " Unterweisung den Eltern in die Seele rief? Und ist es nicht noch bezeichnender, daß sie die fragenden Söhne und die antwortenden Väter in den Mittelpunkt der ersten religiös-nationalen Feier stellte? Eltern und Kinder sollen sich offen aussprechen über die wichtigsten und heiligsten Dinge des Lebens. Die TIiöra setzt sich ein für die Autorität des antworten-

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