Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 8 (4.1934)
- Date
- 1934-04-01
- Page
- Seite 307 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3094266-3094399-3094407--4054-3098840- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde Das Gemeindeblatt erscheint monatlich und wird den Gemeindemitgliedern unentgeltlich zugestellt. Preis der Einzelnummer 40 Pfg. — Jahresbezug (einschließlich Bestellgeld) RM. 6.—. Schriftleitung: Fahrgasse 146; Femsprecher: Sammel-Nummer H. 2T544. — Postscheckkonto: Frankfurt a. M. Nr 33521. _ Anzeigenverwaltung: Annoncen-Expedition M. Isaac & Co., Ravensteinstraße 11, I., Fernsprecher 44868 und 44888. — Anzeigen nach Tarif. — Anzeigenschluß für die nächste Nummer: 27. April. — Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblattes nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Erlaubnis der Schriftleitung gestattet. 12. Jahrgang Frankfurt a. M., April 1934 Nr. 8 Messias-Erwartung (Aus einer Haggada*) ^^g^. eayK»n5tci räHssan Der Lehre vom messianischen Reich haben wir bei der Weihe des Kelches für |- den Propheten Elijahu gedacht. Um \ den Anbruch des Gottesreiches auf \ Erden beten wir im Olenu und Kaddisch. 1 Jene messianische Zeit, in der alle Völ- ' ker der Erde im Lichte Gottes wandeln f werden, in der aller Wahn verscheucht, alle Gewalttat gebrochen, alle Kriegswaffen in Friedensgeräle umgewandelt f sein werden, ist aber nicht nur eine t fromme Erwartung, ein heisses Gebet zu i „Gott", sondern eine Forderung an die „Menschen", an das ganze Haus Israel, und jeden, der sich mit dem Namen Gottes nennt. Eine Forderung nicht nur für eine ferne Zukunft, sondern für jede Gegenwart. Wann wird der Messias kommen, fragte man einen alten Lehrer? Heute, antwortete er, wenn ihr auf seine Stimme horchet (wenn ihr ihn herbeiführt). Das Messiasreich wartet, dass es von uns, in dieser Welt, in unseren Tagen, aufgerichtet werde durch unsere eigne Tat, durch die Gerechtigkeit und die Liebe, mit der wir unser Leben wahrhaft, vollkommen und heilig machen. Höret eine alte jüdische Erzählung: Irgendwo steht eine Schmiede, hell flackert das Feuer in der Esse, in weisser Glut dehnt sich das Eisen auf dem Amboss, sausend fährt der Hammer hernieder, zischend sprühen die Funken, und fragt man den Schmied, was er da : .^y?^ 1 t*C37* fcöWT^TOS^TT Sccwn 7ttO!7l7\2raÖ naytSTwn tf-ÜTT^ Minnt Lerner Pergamentblatt zur Haggada (1934) schmiedet, er spricht:. „Ich schmiede das Eisen für das Ross des Messias, dass alles fertig und bereit sei, wenn er herniedersteigt in Herrlichkeit." Irgendwo steht ein Webstuhl, geschäftig fliegt das Schifflein hin und her, und unter den Händen des Meisters entsteht ein Gewebe von köstlicher Seide. Und fragt man ihn, was er da webt, er spricht: „Ich webe das Kleid für den Messias, dass alles fertig und bereit sei, wenn er herniedersteigt in Herrlichkeit." Aber im Himmel droben sind sieben Engel, still wie ein Traum, leis wie ein Gedanke, geschäftig am Werk. Alles Hohe, alles Grosse, jedes Mitleid mit dem Armen, jede Regung des Erbarmens, alles sammeln sie und tragen es herbei. Und fragt man die Engel, was sie da tun, sie sprechen: „All das sammeln wir und tragen es zu Häuf und weben daraus die Seele des Messias. Aber ach, alle die mit uns am Werk sind, das Kommen des Messias zu bereiten, sind längst fertig mit ihrem Werk, nur wir sehen noch kein Zeichen der Vollendung, noch ist nicht genug des Reinen und Edlen, noch zuviel des Unrechts und der Gewalttat, der Tränen und der Seufzer auf der Erde." Wir schaffen die Seele des Messias. Das ist der Sinn dieser Geschichte. Unseren vierten Becher weihen wir dem Gedanken, dass wir an der messianischen Zeit mit zu arbeiten haben, wie es unsere geschichtliche Bestimmung ist. *)Die vor einigen Jahren im Selbstverlag des Heraasgebers Dr. Siegfried Gaggenheim erschienene Haggada hat inzwischen anter dem Namen „Offenbacher Haggada" überall Anerkennung and freudige Aufnahme in jüdischen und bibliophilen Kreisen gefunden. In Gemeinschaft mit Rudolf Koch und Fri z Kredel ist hier ein Werk entstanden, das für den künstlerischen Geschmack und die lebenerfüllte religiöse Gesinnung des Herausgebers gleidicrmassen Zeugnis ablegt. Wir bringen einen charakteristischen Abschnitt im Wortlaut zum Abdruck.