Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 7 (3.1934)
- Date
- 1934-03-01
- Page
- Seite 294 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3094266-3094399-3094406--4036-3098821- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 294 dürfen wir nicht losgelöst und abgesondert von unserem jüdischen Zusammenhang und unserem Judenschicksal wählen. Daher ist es für uns jüdische Abiturienten, soweit wir wirklich mit unserem Leben etwas Sinnvolles beginnen wollen, unmöglich, ins Ausland zu gehen und dort den Typ des unverwurzelten jüdischen Weltbürgers zu vermehren. Wir haben bis * Wohl noch nie hat jüdischen Abiturienten die Berufswahl so große Sorgen gemacht, wie in diesem Jahre. Das hat seinen Grund, darin, daß heute für uns junge Juden die akademischen Berufe durch die eingetretenen Verhältnisse in Deutschland fast aussichtslos geworden sind. Vielen aber, die sich dennoch dazu entschlossen hatten, ein Studium zu ergreifen, hat das neue Hochschulzulassungsgesetz den Weg zur Universität gänzlich versperrt. Gar manchem von uns Abiturienten werden dadurch Pläne, auf die man schon seit Jahren hinarbeitete, kurz vor dem Ziele zunichte gemacht. Es bleibt uns also nichts übrig, als uns nichtaka de mischen Berufen zuzuwenden. Dabei kämen vor allem handwerkliche oder kunstgewerbliche Berufe in Betracht. Aber dabei ist es nötig, daß verschiedene innere Hemmungen überwunden werden, die bei dem einzelnen, ganz seiner Veranlagung und Umgebung gemäß, stärker oder schwächer in Erscheinung treten. Vor allen Dingen wird sich mancher Abiturient die Frage vorlegen: „Wozu habe ich eigentlich all diese Opfer an Geld und wertvollen Jahren gebracht, wenn ich schließlich doch nicht studieren kann?" Dieser Einwand ist durchaus berechtigt; denn jeder vernünftige Mensch muß zugeben, daß die Ausbildung eines Abiturienten in keinem Verhältnis zu der für die Erlernung eines Handwerks erforderlichen Volksschulbildung steht. Außerdem kommt noch der Nachteil des höheren Alters hinzu: während ein Abiturient im Durchschnitt 19—20 Jähre alt ist, kann der Volksschüler schon mit 14 Jahren seine Lehrzeit beginnen und somit viel früher an die Gründung einer Existenz denken. Die größte Schwierigkeit dürfte es jedoch dem Abiturienten bereiten, sich überhaupt auf einen handwerklichen Beruf geistig umzustellen. Vor allem muß er sich von dem schon tief eingedrungenen Vorurteil befreien, als ob Endlich ist das lang ersehnte Ziel erreicht. Der Abiturient verläßt mit dem „Zeugnis der Reife" die Schule und tritt ins Leben, um sich einen Beruf zu suchen, auf dem er seine Zukunft aufbauen will. Wie sieht dieser Beruf und wie sieht die Zukunft für den jüdischen Abiturienten heute aus? Es ist mir nicht möglich, einen Gesamtüberblick über diese Aussichten zu geben. Ich will versuchen durch Beispiele, wie sie in meiner nächsten Umgebung zu finden sind, einen ganz kleinen Ausschnitt aus den Plänen verschiedener Abiturienten zu geben. Immer ist ein Trennungsstrich zu ziehen zwischen solchen, deren Ziel Palästina oder das Ausland ist, und denjenigen, die hier bleiben wollen. Ein Abiturient will nach Palästina. Er hat keine praktischen Berufskenntnisse, dadurch also in Erez keinerlei Aussichten. Als ungelernter Arbeiter auszuwandern, entspricht nicht seiner Vorstellung von den Forderungen des Zionismus, dessen Anhänger er ist. Er muß also hier in Deutschland lernen und versucht, eine Lehrstelle als Handwerker zu finden. Das fällt ihm nicht nur schwer, weil er Jude ist, sondern es fällt ihm besonders schwer, weil er ausländischer Jude ist. Dazu kommt, als eine der größten Schwierigkeiten, daß nicht genug jüdische Handwerker vorhanden sind. Der Abiturient hat aber Glück: er wendet sich einem Handwerk zu, in dem er in einer von der jüdischen Gemeinde eingerichteten Schulungswerkstätte sich ausbilden lassen kann. So hat er die Gewähr, seine Lehrzeit gründlich und erfolgreich durchzuführen. Das ist für ihn die Hauptsache; denn so erreicht er ein Mittel zu seinem Zweck, zu seinem Ziel: Palästina. jetzt Geist und Bildungswerte und Kultur in uns aufgenommen. Wenn wir den Weg des jüdischen Bauern und Arbeiters wählen, haben wir eine große Hoffnung: Daß Geist und Arbeit sich in Erez Israel vereinigen werden, daß wir zu einer von jüdischem Geist und jüdischem Leben erfüllten palästinensischen Arbeiter- und Bauernschaft gehören werden. E. M. ein Handwerk etwas Minderwertiges sei. Allerdings wird manch einer seine gewohnten Ansprüche an Lebensführung zurückschrauben müssen. In diesem Punkte haben wir jungen Menschen, die wir in der Kleinstadt aufgewachsen sind, ein erhebliches Plus gegenüber der Großstadtjugend; denn die Großstadt bringt ganz von selbst einen höheren Lebensstandard mit sich, den zu senken, vielen schwer fallen wird. Wer jedoch glaubt, diese Hemmungen ohne weiteres überwinden zu können, soll ohne Zögern sofort zugreifen, denn ein Handwerk, das man von Grund auf versteht, wird immer noch seinen Mann ernähren. Am geeignetsten für die Leute, welche etwas künstlerische Veranlagung haben, halte ich solche Berufe, die auf handwerklicher Grundlage fußend, später eine künstlerische Betätigung gestatten. Ich denke da etwa an folgendes Beispiel: Man macht eine Buchbinderlehre durch, die für einen Abiturienten gewöhnlich nur 2 Jahre dauern wird. Wer nun glaubt, dazu fähig zu sein, kann diesen Beruf durch Anfertigen von Einbandzeichnungen und -entwürfen zu einem künstlerischen erweitern. Aber dringend möchte ich in diesem, wie in allen ähnlichen Fällen empfehlen, die Lehrzeit nicht durch eine Volontärzeit ersetzen zu wollen; denn man lernt nicht nur das Fach nicht so gründlich, da die Volontärzeit meist kürzer als die Lehrzeit ist, sondern es würde einem Volontär später schwer fallen, sich als Buchbinder selbständig zu machen, während man nach ordnungsmäßig abgelegter Gesellenprüfung leichter Beschäftigung und Verdienstmöglichkeit finden kann. — Auf ähnlichem Wege wäre es auch möglich, sich über das Drechslerhandwerk zum Innenarchitekten auszubilden. Zu solchen Berufen gehört gewiß etwas Mut; aber wer nicht nur mit der Hand, sondern auch mit dem Kopf arbeitet, wird immer weiterkommen. M. H. in K. Da ist einer, der Sportlehrer werden möchte. „Geht nicht!" werden viele denken. Aber dem ist nicht so. Der numerus clausus läßt einen 'bestimmten Prozentsatz Juden zum Studium zu, und ich möchte bestimmt sagen, daß dieser Prozentsatz bei den Sportstudenten bei weitem nicht erreicht ist. Auch hier besteht die Wahrscheinlichkeit, daß der Plan des Abiturienten sich erfüllt. Aber das sind erst zwei. Was machen die vielen anderen Abiturienten? Nun gibt es da noch den gerade in letzter Zeit manchmal verpönten Kaufmannsstand, in dem auch heute noch ein Teil der Abiturienten bevorzugte Aufnahme findet. Daß junge Männer nach zwölfjähriger Schullaufbahn noch zwei oder drei Jahre in eine kaufmännische Lehre gehen, liegt nicht nur daran, daß heute jeder froh ist, wenn er überhaupt nur eine Stelle, gleich welcher Art hat, es wird auch, vornehmlich von Exportgeschäften verlangt, daß die Lehrlinge das Abitur gemacht haben. Das Exportgeschäft hat vor allem für die neusprachlichen Kenntnisse des Abiturienten Verwendung; mir ist sogar ein Fall bekannt, in dem der neu einzustellende Lehrling vertraglich verpflichtet wurde, seine Sprachkenntnisse auszubauen. Die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, liegen offen zu Tage. Wie steht es eigentlich mit dem akademischen Studium? Gibt es keinen jüdischen Abiturienten mehr, der studieren will? Ja, es wollen viele; aber das Risiko eines Studiums in Deutschland ist zu groß, wenn man die Auspichten, die nach beendigtem Studium geboten werden, in Betracht zieht. Um im Ausland zu studieren, fehlen den meisten die Mittel. Trotzdem ist das Ausland für den Abiturienten oft von magnetischer Wir-