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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-03-01 · 7 (3.1934) · p. Seite 293

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
7 (3.1934)
Date
1934-03-01
Page
Seite 293 (sequence 35)
Language
German
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Seite 293 Zukunft als Arzt oder Universitätsprofessor gedächt hat, sieht seine Hoffnung zerstört. Die, die im Vermögen ihrer Eltern oder in ihren guten Beziehungen einen Halt zu haben glaubten, müssen jetzt die Unbeständigkeit dieses „Halts" erkennen. Die Auswahl der Berufe ist klein geworden. Die akademischen Berufe, an die man vor allem dachte, als man sich entschloß das Abitur zu machen, kommen jetzt höchstens für das Ausland und unter Schwierigkeiten in Betracht. Das Studium ist heute nur ein Aufschieben der Entscheidung. Wo werden unsere Studenten später ihren Beruf ausüben können? Aus unserer Klasse von 16 Schülern und Schülerinnen wollen drei Alädchen studieren. Für die andern beschränkt sich die Auswahl auf kaufmännische, handwerkliche, landwirtschaftliche und für Mädchen noch hauswirtschaftliche Berufe. Viele werfen die Frage auf: Haben wir das Abitur gemacht, um jetzt Arbeiter zu werden? — Doch die, die diese Frage mit Erbitterung stellen, haben den Sinn unserer Zeit noch nicht verstanden, die auch Arbeiter verlangt. Arbeiter werden bedeutet freilich nicht, daß wir Proleten werden, die die Verantwortung für ihr Leben nicht tragen wollen. — Die Juden neigen dazu, den Geist zu überschätzen. So haben wir jetzt eine Ueberfüllung aller geistigen Berufe, eine unhaltbare Berufsschichtung. Wir wollen jetzt aber nicht in den entgegengesetzten Fehler verfallen und alle Geistigkeit ablehnen. In geistiger Leistung liegen unsere Werte, darin haben sich die Juden ausgezeichnet, und auch wir wollen ihn als hohen Wert weitertragen. Geist soll unsere Entscheidungen bestimmen und Geist soll unser Leben formen, auch unser Leben als Arbeiter. Wir Abiturienten haben durch unsere intensive geistige Ausbildung die Möglichkeit, die Verantwortung zu erkennen. So ist uns die Pflicht, gegeben ohne Dünkel von unseren Idealen gestellte Aufgaben in Angriff zu nehmen. Die Frage: „Jüdische Abiturienten — was nun?" geht tiefer als eine bloße Beschäftigungs- oder auch Berufsfrage. Unsere Zeit, unsere Lage fordert von uns Umschichtung, ein Umwerten der alten Maßstäbe, eine Erneuerung des ganzen Menschen. Die Berufsfrage lautet, nicht Der Bildungsgang bis zum Abitur wird .im allgemeinen nur dann gewählt, wenn der Betreffende vorhat, sich dem Studium oder einem sonstigen höheren Berufe, der einer solch langen und in vieler Hinsicht doch sehr theoretischen Ausbildung bedarf, zuzuwenden. Das Studium, die Universität ist also der natürliche Weg des Abiturienten. Die Selbstverständlichkeit dieses Weges ist heute überall stark erschüttert. Die Ueberfüllung der akademischeaBerufe zwingt auch einen großen Teil der deutschen Abiturienten, sich einen anderen Weg für ihre Zukunft zu suchen, und nur ein relativ kleiner Teil wird zur Universität zugelassen. Und doch ist unsere Situation als jüdische Abiturienten ganz anders als die der übrigen. Der nicht-jüdische Abiturient wird, wenn er nicht zum Hochschulstudium zugelassen ist, in einem anderen Berufe, den er sich wählt, in Deutschland Wurzel fassen und sich ernähren können. Die jüdischen Abiturienten haben diese Aussicht zum größten Teil nicht, und sie müssen bei ihrer Berufswahl daran denken, daß, einerlei wie diese ausfällt, sie in den meisten Fällen nicht endgültig in Deutschland werden bleiben können. Die Möglichkeit des Studiums fällt auch für sehr Begabte fast vollkommen fort. Es bleiben rein vom Oekonomischen her gesehen für den jüdischen Abiturienten nur zwei Möglichkeiten: Die kaufmännischen Berufe oder eine vollkommene Umstellung zum Handwerk oder Bauerntum. Eine dritte Möglichkeit, im Ausland zu studieren, kommt aus finanziellen Gründen nur für sehr wenige in Frage. Außerdem sind die Berufsaussichten auch dort denkbar schlecht. Der zweite Weg, der Uebergang zur körperlichen Arbeit, ist der schwerere, sowohl von der Arbeit selbst als auch von der gesellschaftlichen Wertung und Stellung her gesehen. Ein Teil der Abiturienten versucht deshalb irgendwelche Beziehungen, die er zum Ausland hat, auszunützen, um dort in einen kaufmännischen Beruf hineinzukommen, oder tritt in Deutschland kaufmännische Lehrstellen, soweit sie noch da sind, an, in der Hotfnung, später mehr: „Wie bringe ich meine Persönlichkeit zur höchsten Entfaltung?" oder „Wo ist mein Leben am gesichertsten":1" Wir mußten durch die Ereignisse der letzten Zeit erkennen, daß ea ein Gesichertsein, wie es diese Frage meint, gar nicht gibt. Durch ein einziges Gesetz, an einem Tag, kann dieser ganze Halt, sofern er nur im Vermögen oder in Beziehungen beruht, zusammenstürzen. Unser Halt muß in uns selbst, in unserem Können liegen. Es ist unsere Sehnsucht, ganze, verwurzelte Menschen zu werden. Wenn uns jetzt auch manche Zweifel an unserem bisherigen Menschenideal kommen, so ist das doch das Ziel geblieben, dem wir nachstreben wollen. Wir wissen: um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir erst zu uns selbst zurückfinden, müssen wir erst unsere Lage, unsere Gegebenheiten erkennen. Wir müssen wissen, wohin wir gehören, und w o unser Arbeitsfeld liegt. Für viele von uns ist es selbstverständlich, daß ihre Gemeinschaft das deutsche Volk ist, zu dem sie sich zugehörig fühlen und für das sie in ihrem Beruf und in ihrem Leben die Verantwortung mittragen wollen. Viele andere finden im jüdischen Volke ihre Gemeinschaft. Hier liegt das Feld ihrer Bewahrung und viele Aufgaben erwarten sie. Die jüdische Gemeinschaft braucht Kräfte, Palästina fordert Arbeiter, dort harreu Aufgaben der Lösung; im eigenen Land, als Arbeiter auf eigenem Boden, hoffen wir ganze Menschen zu werden. Nicht alle werden nach Palästina auswandern. Das deutsche Judentum wird weiter bestehen. So warten auch hier schwere Aufgaben bereiter Menschen. Auch sie weiden ihre Aufgaben im Zusammenhang mit dem neuentstehenden Leben in Palästina in Angriff nehmen. Der Weg, derer, die ins Heilige Land gehen, wird schwer sein. Sie werden nicht mit Jubel und Gesang nach Palästina ziehen. Ernst und der schweren Aufgabe bewußt wollen sie sich für die Alijah vorbereiten. Vielleicht wird es noch nicht gelingen, den Zwiespalt, die Spuren der Galuth zu überwinden: so wollen sie dort den Weg für die kommende Generation bereiten helfen. — a —t in Deutschland oder im Ausland eine einigermaßen gesicherte Existenz zu erlangen. Ein anderer Teil (durchaus nicht immer der größere) versucht den Weg zum Handwerk und zur Landwirtschaft zu gehen. Es ist schon oft gesagt worden, daß Umschichtung ohne ein konkretes Ziel, ohne ein Land, wo man die Möglichkeit hat, als Arbeiter und Bauer sein Brot zu verdienen, vollkommen sinnlos ist. Es ist deshalb auch so, daß die Menschen, die zur Arbeit übergehen wollen, fast alle Erez Israel als Ziel vor sich haben. Es wäre aber vollkommen verkehrt, wenn wir bei der Wahl unseres Berufes lediglich wirtschaftliche Gesichtspunkte den Ausschlag geben lassen. Für einen Menschen, dem es darauf ankommt, sein Leben sinnvoll und verantwortlich zu leben, ist es unumgänglich, den Geschehnissen der Zeit eine Antwort zu geben. Für den einzelnen ist es vielleicht manchmal möglich, im Ausland irgendwo einen Unterschlupf zu finden; einem lebendigen, jungen und innerlich bewegten Menschen kann das aber nicht die Antwort auf das schwere und aufrüttelnde Geschehen unserer Zeit sein. Wir jüdischen Abiturienten in Deutschland waren doch alle sehr stark mit deutschem Geist und deutscher Kultur verbunden, und nun erlebten wir in der nationalen Revolution so eindeutig und klar das Judenschicksal, ein Schicksal, das wir nur von der Geschichte her kannten und wovon wir nie geglaubt hatten, daß es wirklich auch uns liier in Deutschland treffen könnte. Wir sahen uns mit elementarer Gewalt aus dem deutschen Volke ausgeschlossen, und viele von uns spürten auch von sich aus, daß sie in ihrem innersten Sein wirklich dem jüdischen Volke gehörten. Für diese gibt es nur einen Weg, wenn sie aus der tragischen und uneingeordneten Situation herausfinden wollen: volles und rückhaltloses Sichhineinstellen in das jüdische Volk, nicht nur durch Bekenntnis, sondern mit der ganzen Person. Für uns junge Menschen heißt dieser volle Einsatz Clialuziuth. Die Berufsfrage ist eine Entscheidungsfrage unseres Lebens. Hier

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