Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 7 (3.1934)
- Date
- 1934-03-01
- Page
- Seite 295 (sequence 37)
- Language
- German
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Seite 295. kung. Er glaubt, daß ihm dort d i e Chance geboten sei, ohne zu bedenken, wie schwer es für einen Ausländer ist, im fremden Land einen Lebensunterhalt zu finden. Ohne optimistisch sein zu wollen, glaube ich, daß der Abiturient Möglichkeiten hat, hier in Deutschland zu lernen, wenn er gewillt ist, einen Beruf zu ergreifen; dies um so mehr, als die jüdischen Stellenvermittlungen den Abiturienten anderen Schulentlassenen bei Vergebung gewisser Lehrstellen vorziehen. Wenn jedoch Abiturienten glauben, daß die lange Schullaufbahn umsonst gewesen sei, dann befinden sie sich in einem verhängnisvollen Irrtum. Sie sollten daran denken, daß das Abitur seinen Wert, besonders seinen Bildungswert für den Menschen nicht verliert, und daß wir Juden alle hoffen, doch einmal bessere Zeiten zu sehen. So möchte ich auf die Frage „Jüdischer Abiturient — was nun?" als erste Antwort geben: „Den Mut nicht verlieren und nicht unterkriegen lassen!" —c — Lob der neuen Zeit Trotz allem, was heute über uns Juden hereingebrochen ist, dürfen, ja müssen wir sagen: Wohl selten konnten wir während der letzten Jahrhunderte mit so viel Zuversicht in die Zukunft schauen1. Wieder einmal stehen wir jenseits des Jordan und können schon einen Blick in das gelobte Land werfen. Aus unserer Geschichte wissen wir, daß diesem und den folgenden Geschlechtern schwere Kämpfe und große Opfer warten, und daß wir «selbst nicht mehr zur Ruhe kommen werden. Aber wir haben auch heute mehr als je die Gewißheit, daß Aegypten hinter uns liegt. Noch erscheint vielen die Fülle der täglichen neuen Schläge, Sorgen und Fragen als überwältigend und verwirrend. Wir stecken in einem Wust von Problemen politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, religiöser und kultureller Art, für die es — seieri wir ehrlich — keine wirklich erkennbare „einzige Lösung" gibt. Die gegenwärtige jüdische Lage zeigt merkwürdige Aehnlichkeiten mit zwei der schönsten und fruchtbarsten Abschnitte der deutschen Geistesgeschichte: der Zeit des Humanismus und der Reformation und der Bewegung des Sturm und Drang. Ein Wissen um jene Ereignisse kann uns zeigen, mit wie viel Recht wir voll Hoffnungsfreude an den Aufbau einer neuen jüdischen Zukunft gehen dürfen. Wie zur Zeit des Humanismus und der Reformation erleben wir heute eine Art Versinken einer geschichtlichen Epoche. Lange schon glaubten wir, Anzeichen für dieses elementare Geschehen bemerken zu können. Jetzt aber wird es Ernst. Wir fühlten, wie die Menschen des 15. Jahrhunderts, daß das Alte uns nicht mehr voll angemessen war. daß unser Wille zum Leb^n sich auf der Suche nach besseren Formen befand. Nun werden die Fesseln der alten Zeit zerrissen, und wir beginnen, uns eine neue einzurichten. Stets ist es in der Natur ein beglückender Vorgang, wenn eine Schale gesprengt wird und die eben noch mühsam eingeengten Kräfte sich freie Bahn schaffen. Nicht anders verhält es sich heute. Es ist, als ob wir uns wieder frei bewegen und aufatmen könnten. Doch weder geben sich die alten Mächte so leicht geschlagen, noch ist gleich im Anfang Raum für das neue Leben vorhanden. Derartige Umwälzungen können sich nicht ohne schwere Kämpfe vollziehen. Das 16. Jahrhundert vermag uns eine Vorstellung davon zu geben, welchen Zeiten wir entgegen gehen. Wohl selten hat die Geschichte ein streitbar.eres Geschlecht gesehen. Man braucht durchaus nicht im Krieg den Vater aller Dinge zu erblicken, um zu erkennen, daß echter Kampf in sehr vielem bereichernd und fruchtbar sein kann, daß er es aber im Zeitalter eines Luther und Hutten bestimmt gewesen ist. Wir jungen Juden befinden uns heute in einer ganz ähnlichen Lage. Wohin wir blicken, Probleme, Kämpfe, Widerstände, Hindernisse. In Deutschland, in Palästina, in der übrigen Welt — noch selten haben wir so viele Feinde auf einmal gehabt. Außen wie innen — alles umstrittener denn je. Der Ernst und die Leidenschaftlichkeit dieses Ringens erfordern die Hingabe des ganzen Menschen. Es ist schlechterdings unmöglich, nicht in die Arena gerissen zu werden. Eine unerhörte Steigerung unseres Lebensgefühls hat eingesetzt. Alles gerät in Fluß. Ungeahnte Kräfte und Fähigkeiten werden entdeckt. Mit der Größe der Aufgaben wächst der Mut, sie zu bewältigen. Die potentiellen Energien verwandeln sich in kinetische. Was früher schlummerte, ist jetzt erwacht. All das ist eine Folge des Kampfes, der viele verschlingt, mehr noch verschlingen wird, aus dem heraus aber auch das Neue, Bessere hervorbrechen muß. Wie dem Menschen des Humanismus und der Reformation warten auch der heutigen jüdischen Jugend und allen, die sich ihr zugehörig fühlen, eine ungewöhnliche Fülle von Aufgaben. Wie damals gilt es auch für uns jezt, eine Neu-Zeit aufzubauen. Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Religion, Kultur — alle Lebensgebiete harren bei uns Juden einer grundlegenden Neuordnung. Die Zeit zum Bauen ist gekommen. Sie wird lange dauern, viel Mühe kosten, und vielleicht können sich nicht alle Hoffnungen erfüllen. Aber schon die Teilnahme an diesen Bemühunsren, jedes wirkliche Eingreifen und Mitgestalten gibt uns einen Vorsprung gegenüber vergangenen Geschlechtern. In unserer Zeit liegt etwas von dem Glück, dem Augenblick Dauer verleihen zu können. J Mit einem Wort: bei der Ueberwindung des Mittelalters handelte es sich um Befreiung. Wir sollten erkennen, daß auch für uns Juden heute die Zeit der Befreiung gekommen ist. Dabei darf man sich nicht an Aeußerlichkeiten stören. Zu der Parallele mit der deutschen Freiheitsbewegung der beginnenden Neuzeit gesellen sich einige Gemeinsamkeiten mit den Erlebnissen der Sturm- und Drang-Epoche des späten 18. Jahrhunderts. Damals war die aufgeklärte Menschheit zum erstenmal an dem Wert ihrer Zivilisation und in dem Glauben an einen dauernden Fortschritt irre geworden. Sie empfand, daß ihre Entfernung von dem „Urzustand" das Glück des Lebens nicht gesteigert, sondern geschmälert hatte. Das einfache primitive, naive Dasein des Bauern und Handwerkers erschien plötzlich dem Menschen des überempfindsamen Pietismus und überkonventionellen Rokoko als das reinste Tdeal gesunden Lebens. Der Ruf „Zurück zur Natur!" bedeutete eine' geistige Umschichtung. Indessen konnte es nur bei dem Streben bleiben. Wer einmal sentimentalisch ist, also sich selbst in einem gewissen Abstand zur Natur gesehen hat, kann unmöglich wieder vollkommen naiv und unbewußt werden, — er kann es nur erstreben. Doch gerade in dem Vorgang einer bewußten Umwandlung liegt etwas einzigartig Schönes und Bereicherndes. Dieses verjüngende Erlebnis der Sturm und Drangzeit erfahren wir heutigen Juden noch viel nachhaltiger. Gewiß hat es einer Kraft von außen bedurft, um diese Umwälzung in großem Ausmaß herbeizuführen. Aber wer tiefer blickt, wird nicht verkennen, daß eine solche Entwicklung schon lange vor dem äußeren Zwang eingesetzt hat und von sehr vielen durchaus in ihrer eigentlichen Bedeutung erfaßt wird. Aus drei Gründen erleben wir diesen Umschwung viel tiefer als das ausgehende 18. Jahrhundert. Durch den Fortschritt der Naturwissenschaft und Technik hat sich seither die Spannung zwischen „Natur" und „Kultur" noch erheblich verschärft. Für den Menschen der Sturm und Drangzeit erschöpfte sich die Rückkehr zur Natur wesentlich in einer rein geistigen Umstellung, während sie für uns junge Juden eine handgreifliche Tatsache der Berufswahl und damit verbunden der gesamten Lebensführung bedeutet. Die Bewegung des Sturm und Drang offenbarte eine, andere Tendenz, die man das Streben vom Endlichen ins Unendliche