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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-03-01 · 7 (3.1934) · p. Seite 292

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
7 (3.1934)
Date
1934-03-01
Page
Seite 292 (sequence 34)
Language
German
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt _Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde_ Nr. 7___ MARZ 1934 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schrillleitung der Beilage ülierntn>nit nur die pressgeselzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an die Schriftleilung der Beilage, Fahrga-se 1/i6, zu richtig. Jüdischer Abiturient—was nun? Wir haben einer Reihe von Abiturienten und Abiturientinnen die Frage vorgelegt, welchem Beruf sie. nach Ablegung der Reifeprüfung sich widmen werden. Aus den eingegangenen Antworten auf unsere Rundfrage bringen wir nachstehend einige zur Veröffentlichung. Aus ihnen geht nicht nur deutlich die Schwierigkeit der Berufswahl für die jungen Juden hervor, sondern auch die lebensbejahende mutige Gesinnung, aus der sich die Kriegsjahrgänge anschicken, in veränderter Berufs-und Gesellschajttschicht ihi en Ideen zu Üben. Düse Ideen kreisen um das Judentum: deutsch-jüdische und zionistische Jugend ist gleichtrmassen von dem Wunsch erfüllt, der jüdischen Gemeinschaft zu dienen. Diese Frage nach dem „Was nun?" ist eine der wichtigsten Probleme der jüdischen Abiturienten geworden. Schon die Schüler der Unterprima verließen zum Teil während des letzten Jahres die Schule, weil sie glaubten, nach Einführung des ,.nuinerus clausus" auf den deutschen Universitäten einen akademischen Beruf nicht ergreifen zu können. Wozu war es daher nötig, daß diese jungen Menschen noch über ein Jahr lang in die Schule gehen sollten, um später doch nicht studieren zu können? Anders verhält es sich jedoch mit den jüdischen Oberprimanern. Obgleich auch von ihnen viele vor Abschluß abgegangen sind, blieben doch noch die meisten das letzte Jahr in der Schule. Viele von uns hatten hochfliegende Pläne. Der größte Teil meiner Altersgenossen hatte vor, zu studieren. Diese Idee müssen die jüdischen Abiturienten jetzt fallen lassen. Es ist daher ein tiefgreifender Wandel in der Berufswahl notwendig geAvorden. Was sollen die diesjährigen Abiturienten beginnen? Wer sich in auskömmlichen Vermögensverhältnissen befindet, wird vielleicht auf einer ausländischen Universität studieren. Aber was unternimmt solch ein Student nach Beendigung seiner Studien? In einem fremden Lande Arbeitserlaubnis zu erlangen, ist nahezu aussichtslos. Ein Beruf, der in fast allen Ländern für jedermann gestattet ist, wäre als Vertreter einer Branche zu arbeiten, das aber würde nicht Zweck eines Universitätsstudiums sein. Einer der wenigen, in Deutschland noch aussichtsreichen Berufe ist der des jüdischen Volksschullehrers. Allerdings eignet sich für eine pädagogische Aufgabe auch wieder nur eine beschränkte Anzahl Menschen. Die meisten jungen Juden wenden sich deshalb entweder dem Handwerk und der Landwirtschaft zu, oder sie treten als Lehrlinge und Volontäre in Geschäfte und Fabriken ein. Dies ist einesteils sehr bedauerlich, da manche geistig fähige und wissenschaftlich begabte Menscheu sich in den praktischen Berufen nicht völlig entfalten können. Andernteils ist aber auch zu begrüßen, daß auf diese Weise der Massenzulauf zu den Hochschulen unterbunden wird. Aber welche Hoffnung, welches Streben bleibt uns letzten Endes? Hat ein junger Jude überhaupt Aussicht, eine größere Stellung zu erlangen, wenn er seine Lehr¬ oder Ausbildungszeit absolviert hat? Ja! Er hat Aussicht, in jüdischen Betrieben sich emporzuarbeiten. Allerdings ist es eben außerordentlich schwierig, in jüdischen Geschäften neue Kräfte einzustellen. Außerdem ist es unsicher, welcher Zukunft jüdische * Wieder steht eine Schar Abiturienten vor der entscheidenden Frage der Lebensgestaltung. Diese Frage bedeutete immer für Menschen, die mit ihrem Leben etwas anfangen wollten, eine schwere, ernste Ueberlegung. Sie bezeichnete den Uebergang von der Theorie zur Praxis, vom Schüler, vom Lernenden, Emp- Unternehmungen entgegengehen, und ob es sich deshalb für einen jüdischen jungen Menschen lohnt, in einem solchen Betrieb einen Aufstieg zu beginnen oder ihn zu erhoffen. Das ist eine Frage der Zeit, die man wohl kaum im voraus beantworten kann. Ich halte es aber auch wieder für verkehrt, wenn sich Abiturienten blindlings auf das Handwerk oder das landwirtschaftliche Gewerbe stürzen. In Deutschland hat ein jüdischer Handwerker fast ebensowenig Aussicht wie ein jüdischer Akademiker. Es hat nur einen praktischen Sinn für diejenigen jungen Juden, die nach Palästina wollen. Dort können sie ihre handwerklichen und landwirtschaftlichen Kenntnisse gut verwerten.. Aber unter den vielen jüdischen Abiturienten, die jetzt abgehen, ist es ja nur eine verhältnismäßig geringe Anzahl, die nach Palästina will. Für die übrigen Jugendlichen, die sich unter den vorhin angeführten Berufen keinen erwählen können, und die in Deutschland keinerlei Verdienstmöglichkeiten erhoffen können, bleibt nur das Ausland. Wieviele junge Mädchen gehen jetzt als Haustochter oder Kinderfräulein nach Frankreich, Italien oder England in einen privaten Familienkreis! Wieviele werden nach dem Matur Nähen lernen, um sich im Ausland als Schneiderin niederzulassen! Unter den wenigen Berufen, die in einem jüdischen Leben in Deutschland für jüdische Abiturientinnen noch Möglichkeiten zu bieten scheinen, dürfen außer kunstgewerblichen Tätigkeiten, soweit sie einem einfachen Lebensstandard entsprechen, auch musikalische Berufe gerechnet werden. Hier ist allerdings wichtige Voraussetzung, daß die persönlichen Begabungen ausreichen, um daraus eine Berufstätigkeit zu entwickeln. Ich hoffe, diese Voraussetzungen genügend zu erfüllen, um mich im Gesang ausbilden zu lassen. Für andere künstlerische Ausbildungen gelten ähnliche Voraussetzungen. Für die deutschfühlenden Juden ist es tragisch, daß sie, trotz innerer Verbundenheit zu ihrem Vaterlaad, genötigt sind, ihre Existenz und Lebensbedingung auf fremdem Boden zu gründen und zu suchen. Die kargen Aussichten, die uns in Deutschland geboten sind, genügen nicht, um alle zu befriedigen - -X)der zu entlasten. Ein erschreckend großer Teil meiner Altersgenossen wird arbeitslos sein, ein großer Teil muß im Ausland sein Glück versuchen. Allen Sorgen und Anforderungen des Lebens zum Trotz werden wir, nicht der äußeren Not nachgebend, in unserem Deutschtum nicht wankend werden, gleich ob uns der Beruf in der Heimat läßt oder ins Ausland führt. —th * fangenden, zum Mitträger der Gemeinschaft, zlir Bewährung. Wohl selten ist diese Frage: „Jüdischer Abiturient — was nun?" so bang gestellt worden und so schwer zu beantworten gewesen wie in diesem Jahre. Die Ereignisse der letzten Zeit haben viele Pläne vereitelt. Mancher von uns, der sich seine

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