Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 7 (3.1934)
- Date
- 1934-03-01
- Page
- Seite 270 (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 270 können, was, wie ich vorhin schon sagte, seiner Parteiauffassung entspricht. Judentum ist Sittlichkeit, ist Reinheit der Seele, ist Wille zum Leben, Judentum ist Wahrhaftigkeit, ist Bescheidenheit und Dankbarkeit, Judentum ist Gerechtigkeit, Judentum ist Nächstenliebe, Judentum kennt die Pflichten gegenüber der Familie, Judentum verlangt die. Förderung des Gemeinwohls, Judentum kennt die Pflichten gegenüber dem Tier, Judentum ist sozial. Das Judentum hat den sozialen Sabbat eingeführt und sein Ziel ist der ewige Friede. Simon Dubnow sagt in seiner jüdischen Geschichte: „In dem sogenannten Mosaismus ist das religiös-sittliche System mit dem staatlich-sozialen auf das innigste verwachsen. Die Grunddogmen des Glaubens werden als leitende Prinzipien für das praktische Leben aufgestellt. So ergibt z. B. die erhabene Vorstellung von einem einzigen Gott, auf das soziale Leben übertragen, das Prinzip der Gleichheit aller Menschen vor dieser einzigen allerhöchsten Macht, ein Prinzip, auf welchem sich die ganze biblische Gesetzgebung aufbaut, die Gebote der Nächstenliebe, die Vorbildlichkeit der Armenunterstützung, die humane Behandlung der Ausländer, das Mitleid der Barmenden mit allen Lebenden." Die biblische Gesetzgebung bietet vielleicht das einzige Beispiel einer Staats- und Gesellschaftsordnung, welcher nicht nur die Abstraktionen des Verstandes, sondern auch die Erfordernisse des Verstandes, sondern auch die Erfordernisse des Gefühls und die edelsten Regungen der menschlichen Seele zugrunde liegen. Neben dem Prinzip des formalen Rechts und Gesetzes kehrt es den Grundsatz der Gerechtigkeit und Humanität hervor und verkörpert ihn in einer ganzen Reihe von Vorschriften. Gesellschaftliche Achtung, nicht eine bevorzugte Stellung verschafften im jüdischen Volk lediglich die Gelehrsamkeit, das Wissen. Aber es wurde von der frühesten Zeit an dafür gesorgt, daß das Wissen allen Volksschichten gleich zugänglich war. Es gibt nach der Auffassung des Judentums nur einen Adel, den der Gesinnung und deren Betätigung im Leben. Niemals begegnen wir im jüdischen Schrifttum dem Begriff von Ebenbürtigkeit im Gegensatz zu gesellschaftlicher Niedrigkeit. Es gab keine „Mißheirat" in Israel. Jedes unbescholtene jüdische Mädchen konnte die ebenbürtige Frau des Königs oder des hohen Priesters werden. Deutsche Eiden- und Wechsel-Bank vorm. L. A. Hahn — gegründet 1821 — Akt. Ges. seit 1872 FRANKFURT A. M. KAISERSTRASSE 30 DEPOSITENKASSEN: Konstabier Wache AUerheiligenstr. 89 Offenbach a.M. Frankfurtersir. 54 Bockenheim Leipzigerstr. 50 Osthafen Hanauerldstr. 125 Höchst a. M. Dalbergslr. 3 Im Judentum hat sich immer der Gedanke eingebürgert, daß nicht die Stelle den Menschen ehrt, sondern der Mensch die Stelle. In diesem Sinne war immer die Führung in den Gemeinden eingerichtet. Jeder Mann aus der Gemeinde, der sich durch sein Können und durch seine Charaktereigenschaften dazu eignete, konnte zu den höchsten Gemeindewürden berufen werden, was auch zu jeder Zeit geschah. Die Lehre des Judentums und seine sittlichen Forderungen sollen im Leben erfüllt werden. Die ausübende Religion oder das praktische Judentum soll sich vor allem sittlich im Handeln betätigen. Nichts ist so geringfügig, daß es nicht durch den Stempel der Religion veredelt, daß daraus nicht eine Beziehung zu Gott gewonnen werden könnte. Das ist die Grundanschauung, welche das praktische Judentum durchzieht. Religion und Leben werden damit aufs innigste verbunden, die Religion, welche bewiesen werden soll durch das Leben, das Leben, welches erfüllt werden soll durch die Religion. Ebenso verlangt unser Judentum Bescheidenheit. In den Sprüchen der Väter heißt es so schön: „Kommt Hochmut, so kommt Schmach, aber bei den Bescheidenen ist Weisheit", und ferner: „Des Menschen Hochmut ermutigt ihn, aber der Demütige erwirbt Ehre." Arbeit ist nach der Bibel die dem Menschengeschlecht von Anfang an durch Gott gestellte Aufgabe. Im Judentum ist die Wertschätzung der Handarbeit und die Verwerfung des Müßigganges die gleiche. Deutlicher als die vielen Aussprüche des Schrifttums zeugt dafür die Tatsache, daß viele führende Männer im Judentum vom Ackerbau und der Handarbeit lebten, im Römerreiche waren die jüdischen Handwerker in erheblicher Zahl vertreten. Inj Polen trifft man auch heute zahlreiche jüdische Handwerker. Das Judentum tritt mit dem Gedanken auf, daß jeder Mensch berufen sei zur Arbeit. Das Judentum ist schon in früher Zeit mit dem Verbot des Zinsnehmens hervorgetreten. Hierin steht es in schroffem Gegensatz zum altbabylonischen Recht, heißt es doch im 2. Buch Moses: „Wenn du einem aus meinem Volke Geld leihest, dem Armen neben dir, so sei gegen' ihn nicht wie ein Schuldherr, lege ihm nicht Zins auf", und im 3. Buch Moses wird dieses Zinsverbot auch gegenüber dem landlosen Fremden und dem nichtjüdischen Einwohner von Palästina ausdrücklich bestätigt. Die Thora verbietet unterschiedslos das Zinsnehmen von jedem jüdischen oder nicht jüdischen Bewohner des Landes. Ein Judentum, das alle diese Vorschriften seinen Bekennern vor Augen führt, mußte selbstverständlich als eine seiner schönsten Aufgaben, die Aufgabe der Nächstenliebe, anerkennen. „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du." Die Nächstenliebe, die versucht, zu lindern, zu mildern, zu unterstützen, beizustehen, zu trösten und zu helfen, mit einem Wort, dem andern ein menschliches Leben im Dienst der Gesamtheit zu ermöglichen, fast die ganze Skala der Beziehungen,' in dem Menschen zu Menschen stehen können. Und jetzt komme ich zu einem Kapitel, das im Judentum immer als das Höchste geachtet wurde. Die öffentliche Wohlfahrt. Im Geiste des beherrschenden Grundsatzes: „Stütze und stärke den wankenden Bruder" lag es, durch rechtzeitiges Eingreifen gänzlichen Verfall vorzubeugen, Darlehen dem Almosen vorzuziehen, größere Mittel zur Selbständigmachung herzugeben.. Ueberflüssig zu betonen, daß sorgsame Ueberlegung mit am Werke sein mußte, damit Wohltat sich nicht selbst aufhebe. Vielleicht nicht überflüssig zu sagen, daß das Herz dominieren sollte. Die Notwendigkeit des täglichen Lebens, die Grade der Bedürftigkeit, die Seelenver-