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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-03-01 · 7 (3.1934) · p. Seite 269

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
7 (3.1934)
Date
1934-03-01
Page
Seite 269 (sequence 11)
Language
German
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Seite 269 V. In seiner maßgeblichen Geltung für die Schule wird das Elternhaus in Rücksicht auf seine innere Richt-mg und ohne Rücksicht auf seinen äußeren Rang gern anerkannt: In Zweifelsfällen jüdischen Gewissens entscheidet, nach seiner Tradition, das Elternhaus. VI. In diesem patriarchalisch-friedlichen und freundschaftlichverständnisvollen Nebeneinander aller Elternhäuser der Schalgemeinschaft und in ihrem Vertrauen zu dem guten Willen und dem Können der Schule ruht eine große, bewußte Kraft und Stärke der inneren Einheit der Anstalt. Die innere Einheit ist so groß, daß die Anstalt die freie, taktvolle Betätigt r.g aller jüdischen Jugend- Bünde innerhalb des staatlich gesetzten und staatlich beaufsichtigten Rahmens ruhig gestatten und mitgestalten kann. VTI. Ebenso stark wie die erste Grundlage innerer Einheit ist die zweite: Seit 130 Jahren, seit seiner Gründung, lebt im Philanthropin und seinen Generationen von Schülern und Schülerinnen die innere Verbundenheit mit der engeren und weiteren Heimat. Sie blieb lehondig. wohin auch Schicksal oder eigener Entschluß die ehemaligen Phllanthropiner in der Welt führen mochte. VIII. Die Verbundenheit mit der Heimat blieb lebendig, nicht nur aus religiöser Verpflichtung, im Sinne prophetischer und rahbiniseher L'ebprlieferung, für die Heimat zu beten und ihr frpiulwillig zu gehorchen. Sie lnbte im Herzen wie in der Bildung aller Philanthropin- Generationen als natürlich gewachsenes Gefühl aufrichtigen Dankes und treuer Anhäncrlichkeit an die deutsche Heimat, ihre Menschen, ihre Landschaft, ihre Sprache, ihre Lieder, ihr Schrifttum, ihre Geschichte, ihre Sitte und ihre hohe Kultur. TX. Auch heute — und morgen^— soll unsere Schülerschaft, als lernende, wissende und könnende Erbin eines Jahrtausende alten, einzigartigen, zu Charakter, Haltung und Vorbild verpflichtenden Stammbaumes und eines in der Schule täglich erlebten religiös-geistigen Gutes, ohne jede Tarnung, aber auch ohne Ueberbetonung. natürlich, frei, stark an. Körper und Seele, der heimatlichen Gegebenheiten in Ehre, Würde und Ruhe sich bewußt bleiben. Die im Unterricht dargebotenen Gegebenheiten Palästinas dürfen ihr jedoch nicht verblassen, etwa als ältere Geschichte und neuere Wirtschaft: Sie müssen, und zwar jeweils in ihrer neuesten Gestaltung, als Realität Avie als. Idealität, ihr ganz bewußt und ganz klar sein. Lerne, wo Klugheit ist, wo Kraft zu finden, wo Einsicht ist, damit Du zugleich erkennest, wo Lebensdauer ist und Lebensglüdt, wo es leuchtende Augen gibt und Frieden! Barudx 3,14 Wahre Armut ist nur die Armut an Wissen. - Hast Du Wissen erworben, so hast Du alles; hast du kein Wissen erworben, was hast Du? Bamidbar rabba c. 19 X. So soll jeder unserer Schüler und jede unserer Schülerinnen sich persönlich verantwortlich fühlen lernen. Sie müssen dereinst mitarbeiten, als Arbeiter der Hand und des Geistes, an der schweren Aufgabe, der deutschen Judenheit einen lebenswürdigen und lebensmöglichen Platz zu gestalten in dem weltpolitisch wieder freien heimatlichen Deutschland, und dem Judentum, im Bewußtsein seiner religiösen Menschheitsaufgaben, eine Möglichkeit zu schaffen, innerhalb des Raumes und des Geistes der Menschheit. Nach wie vor leben wir, die Zukunft zwingend, der dreifachen Liebe, das ist: der dreifachen Pflicht: Heimat, Glaube, Menschheit. Aufbau 1. Vollausgebaute, achtklassige Volksschule mit einer Fremdsprache (je acht Klassen für Knaben und Mädchen). 2. Vollausgebautes Reformrealgymnasium, öffentliche höhere Lehranstalt (ab Untersekunda: Koedukation). Abschluß: Abitur. 3. Vollausgebautes Lyzeum (Mädchen), öffentliche höhere Lehranstalt. Abschluß: mittlere Reife. Bildungsgang Reformrealgymnasium und Lyzeum Fremdsprachen, Englisch und Französisch. Auf Wunsch für anders vorgebildete Schüler und Schülerinnen: Uebergangskurse. Es wird auf geschichtlich-psychologische Auslandskunde sowie auf praktische Beherrschung der lebenden Fremdsprachen besonderer Wert gelegt (Sprachplatten). Dritte Fremdsprache des Reformrealgymnasiums: Latein (ab Untersekunda). Judentum in dieser Zeit Von Moritz Rosenthal AnlnRHrh eines Gemeindeabends in der Berliner Jüdischen Gemeinde hielt das Mitglied des Genieindevorstandes, Herr Moritz Rosenthal, eine Ansprache, der wir die folgenden Stellen entnehmen : In dieser Zeit ist es üblich geworden, das Judentum sich so zurechtzulegen, wie es in die Parteieinstellung des einen oder des anderen hineinpaßt. Der eine spricht von Juden am Rande, wenn sie seine Einstellung, daß das Judentum eine Nationalität wie viele andere sei, ablehnen. Der andere nennt diejenigen entjudet, die das Ritualgesetz als für sich bindend anerkennen. Judentum ist von den frühesten Zeiten bis auf die Jetztzeit sehr oft Gegenstand der Forschung gewesen. Viele Schriften und Abhandlungen haben sich mit dem Inhalt des Judentums oder mit einzelnen Zweigen seines Inhalts auseinandergesetzt. In den Lehren des Judentums, die vom Verband der deutschen Juden herausgegeben sind, sagt Dr. Leo Baeck im Vorwort u. a. folgendes: „In der fast unübersehbaren Literatur aus dem Inhalt des Judentums ist bisher durchgehend die berichtende Methode angewendet worden. Die Ergebnisse der Forschung sind da inhaltlich zusammengefaßt und mit bloßen Hinweisen auf die Quellen belegt. Wenn auch damit dem Leser die Möglichkeit geboten wird, selbst nachzuprüfen, so besteht doch deswegen eine derartige Darstellung darin, daß sie über das Judentum berichten und nicht dessen Lehren in ihrer eigenen Sprache sprechen lassen. Bei aller Sachlichkeit, deren sich die Forscher befleißigt haben mögen, konnte es nicht ausbleiben, daß sie die Dinge von ihrem Gesichtspunkte aus sahen und bewerteten." Ich möchte, wenn ich über Judentum in dieser Zeit schreibe, daher nicht das Judentum so darstellen, wie ich es von meinem Gesichtspunkte aus sehe, sondern ich will, wie es Herr Dr. Baeck in seinem Vorwort sagt, die Lehren des Judentums in ihren Grundsätzen, in ihrer eigenen Sprache sprechen lassen. Selbstverständlich ist es nicht möglich, in einer kurzen Darstellung alles, was das Judentum lehrt und wie es dies lehrt, zu behandeln. Ich will die wichtigsten Lehren des Judentums wieder Revue passieren lassen,' um zu zeigen, daß es ein Judentum für diese Zeit oder für irgend eine besondere Zeit nicht gibt. Das Judentum ist immer dasselbe in jeder Zeit für alle Zeiten. Nur die Juden, d. h. der jüdische Mensch glaubt, aus den Lehren des Judentums immer nur das entnehmen zu

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