Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-03-01 · 7 (3.1934) · p. Seite 268

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
7 (3.1934)
Date
1934-03-01
Page
Seite 268 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3094266-3094399-3094406--4010-3098795
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 268 in den letzten fünf Jahren. Sie ist bedenklich und zeigt für die weitere Entwicklung der Gemeinde düstere Perspektiven. Denn selbst abgesehen von den Sondererscheinungen des Jahres 1933 war auch in den vorhergehenden drei Jahren der Verlust durchschnittlich wohl etwa 3 Prozent der Bevölkerung jährlich. In den letzten fünf Jahren ist er zusammen fast ein Fünftel des Bestandes der Gemeinde, in Wirklichkeit liegt er wohl noch darüber. Weitere Schlüsse hieraus zu ziehen ist nicht möglich. Die Zukunft ist ungewiß und niemand weiß, ob der Auflösungsprozeß sich fortsetzt, sich rasch oder langsam vollzieht. Neben dem Druck von außen, der die Jugend immer mehr forttreibt, ist die Ueberalterung der Gemeinde eine Gefahr, die von Jahr zu Jahr wächst. Sich dies vor Augen zu halten, ist die Grundbedingung der gegenwärtigen und künftigen Sozial-, Kultur- und Finanzpolitik. (Ein weiterer Artikel folgt.) Blick auf pädagogisches Neuland Zum 130. Schuljahr des Philanthropins Von Oberstudiendirektor Dr. Otto Driesen Zu unserer Aufsatzreihe über die wichtigsten Institutionen der Frankfurter Israelitischen Gemeinde (vgl. No. 4,5) hat uns der Oirsktor des Philanthropins fo'genden Beitrag zur Verfügung gestellt. Es gibt ewige Gesetze der Erziehung. Und es gibt zeitbedingte Gebote. Die Kunst des praktischen Pädagogen besteht darin, wie gerade den vorher unbekannten fruchtbarsten Augenblick jeder einzelnen Unterrichtsstunde unvorbereitet zu packen, so den Ablauf der Epoche schöpferisch zu nutzen. Es ist das bekannte Bismarcksche Bild: Die Meereswoge herankommen sehen und den Mut haben, sich von ihr tragen zu lassen. Das ist weder Mangel an Gesinnung noch Trägheit, im Gegenteil: Wenn gefestigte Weltanschauung, geschichtliche Erfahrung und das Schwergewicht, einer 130jährigen Ueberlieferung gemeinsam entgegenwirken, mag der Sprung auf eine Welle der Zukunft manchem sogar zu kurz abgeschätzt und deshalb gewagt erscheinen. Doch: das große Schiff unseres 130 Jahre alten Schulwerks ist elastisch genug gehalten worden, um, rein geistig gesehen, auch auf neuen stürmischen Wogen flott zu bleiben. (Das ergibt sich auch für den ferner Stehenden aus dem „Merkblatt 1934" des Philanthropins. das soeben, von mir zum Beginn des 130. Schuljahres herausgegeben wurde und das hier folgend zum Abdruck gebracht wird.) Und wie steuern wir weiter? Wo sehen wir Land, Neuland? Die Jugend will weit hinaus, je gerader und entschiedener, desto willkommener. Nur nicht rückwärts sehen! Handeln! — Es ist eine Welle des jüdischen Bewußtseins, die sie und uns trägt, stärker und bewegter als je zuvor. Stärker und bewegter als das gereifte, ruhige, oft zu ruhige Bewußtsein des Elternhauses, das uns nie gleichgültig war. Diese Jugend, in ihren Bünden wie in unserem eigenen ,.Sportverein Philanthropin" organisiert, drängt ungestüm ins Weite, ins Ungewisse, ins Gewagte, ins Waghalsige, komme, was kommen mag! Die Jugend reißt uns mit, selbst noch Jugend genug, um uns gern mitreißen zu lassen. Aber: Ohne doch die innere Führung zu verlieren! Das jung-jüdische Bewußtsein schreit nach Klarheit. Jede Ueberfüllung des Stoffes wird, mit Recht, abgelehnt. Es geht zunächst um die Grundbegriffe, um das Wesentliche, um die großen inneren Zusammenhänge durch die weitesten Gedanken-, Welt- und Zeiträume. Dadurch wird die Aufgabe des Lehrers schwerer als früher. Er muß immer wieder nachprüfen, was er bietet, und wie er es bietet. Die alten weltanschaulichen Formeln und Formen erscheinen der Jugend rissig. Die Jugend formuliert neu und verwegen und heischt Entscheidung Wenn sie Klarheit und Wissen sieht und fühlt, lernt sie willig, williger als früher, auch schwere Dinge, und viel. Das jung-jüdische Bewußtsein liebt die Wärme. Jeder Neuankömmling, jeder, der aus den Wogen der Sturmflut, noch bebend, an Deck steigt wird warm begrüßt und warm gehalten, bis er sich zu Hause fühlt. Das geht sehr schnell. Die Neuankömmlinge sind unsere eifrigsten Pioniere. Das jung-jüdische Bewußtsein sucht nach neuer Haltung, nach neuer Gemeinschaft und nach gebundener Form. Wir werden ihm Haltung, Gemeinschaft und Form geben, so gut wir können. Das jung-jüdische Bewußtsein ringt nach Hingabe, nach Opfer, will sich unterordnen. Aus diesen jung-jüdischen Menschen deutscher Kultur ist leicht das Letzte herauszuholen: Freude zur Arbeit,^Fähigkeit zur Disziplin, Energie, zu wollen, Geduld, durchzuhalten. Unterordnung, sich belehren zu lassen, und ein Vertrauen, das nur der in seiner ganzen hinreißenden Wucht empfinden kann, der es täglich und stündlich erlebt. Und nun das Höchste: Das Gefühl für die E i n h e i t. Mag der einzelne Jugendliche sich weltanschaulich entschieden haben, oder entscheiden wollen, wofür er will, die Schule ist für ihn Lebens-Einheit. Hier ist die Einheits-Front, die sich jede Minute auch äußerlich sichtbar formiert, sobald das Kommando ertönt: „Still gestanden!". Jedes Auge blitzt Einheit und jüdisches Selbstbewußtsein, sobald eine jüdische Parole fällt, wie „Makkabäer", Ahnenstolz, jüdisch-religiöse Menschheitsaufgaben, oder 3000 Jahre Kultur. Tradition, „lernen" oder jüdischer Heroismus, von Hiob bis Herzl. Diese jüdischen Jungen und Mädels deutscher Kultur werden sich nicht ducken. Sie werden gehorchen, wo immer sie zu gehorchen haben, loyal und ehrlich, aber sie weiden, auch der Schule gegenüber, nie ihre Ueberzeugung verleugnen. Sie werden, wenn sie gefragt werden, offen und klar, bescheiden, aber bestimmt, antworten und zu ihrer Ueberzeugung stehen. Bekennen ist ihnen allles. Darum, was pädagogisches Neuland auch im Einzelnen an stofflich und methodisch Neuem wachsen lassen muß — und das wird mancherlei bisher im Schatten Gestandenes sein — die jung-jüdische Bewegung Deutschlands, wohin sie ihre Jung-Mannen und -Mädels in Heimat oder Welt wirft, naturverbunden und anspruchslos, ein starkes Geschlecht rufen. Stark im Arm, stark im Kopf und stark im Herzen. Ueber dem ganzen weiten Horizont aber des pädagogischen Neulands funkeln die altbewährten Worte: „Auch dieses wird zum Guten!" Aus dem 'Merkblatt des Philanthropins Geistige Grundlagen L Das Philanthropin gibt durch Führen und Verstehen seinen Schülern die Kraft, in Pflicht, Arbeit und Leistung von Leib und Seele sich die Freude am Dasein in der Gemeinschaft zu erhalten, die Grundlage jedes würdigen Lebens. IL Das Philanthropin erzieht seine Schüler und Schülerinnen zu bewußten und selbstbewußten Juden deutscher Kultur. HI. Das Philanthropin wird, ohne jeden Gewissenszwang, als Schule innerer Einheit erlebt. Seine Einheit beruht auf zwei Grundlagen: IV. Jedes Elternhaus wird von Lehrern und Schülern als unantastbar überlieferte, ehrwürdige Gemeinschaft in selbstverständlicher Ehrerbietung als vorbehaltlos gleichberechtigt empfunden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.