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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-02-01 · 6 (2.1934) · p. Seite 251

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
6 (2.1934)
Date
1934-02-01
Page
Seite 251 (sequence 25)
Language
German
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Seite 251 gelegen ist. Hier hat sie Einzigartiges, durch nichts und niemanden zu Ersetzendes zu geben. Von dieser Warte Avollen wir die Berufsausbildung und Berufswahl der jüdischen weiblichen Jugend betrachten. Dabei sei aber besonders betont, daß eine derartige Berufswahl und -bildung den Anspruch, ein geistig-schöpferischer Mensch zu sein, nicht nur nicht ausschließt, sondern bestätigt und vertieft. Es kann keine Rede davon sein, die Frau grundsätzlich von wissenschaftlicher, künstlerischer oder sonstiger geistiger Arbeit zu entfernen und sie auf Hauswirtschaft, Kinderpflege und manuelle Arbeit zu beschränken. Die Gaben sind verschieden verteilt und neben dem Hausmütterchen, der Bäuerin, Gewerbetreibenden usw. steht mit vollem Anspruch auf Geltung die geistig und künstlerisch veranlagte Frau. Aber wir sollen uns bewußt bleiben, daß Geistigkeit keinen Vorzug, sondern nur ein Anderssein bedeutet und innere Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit aller Berufe das selbstverständliche Fundament ist. — Geht die Jugend von solcher Grundeinstellung aus an ihre Lebensgestaltung und Berufswahl, so hat sie sich von vornherein das Köstlichste zu eigen gemacht: die freudige Bejahung des Lebens und der Arbeit. Ja-sagen zum Leben, freudig seine Arbeit tun, alles mit Liebe tun: das ist's! Haben wir das, dann ist zwar nicht immer der äußere Erfolg, aber allemal der Sieg unser. Denn dann und nur dann sind wir Menschen im guten Sinne des Wortes. Wir haben es in diesen Tagen mit freudigem Staunen erleben dürfen, wie mancher, den wir niedriger eingeschätzt hatten, ein anderer, wie er „neu" wurde. Wie z. B. Menschen aus geistigen Benifen sich mit Elan in die palästinensische Arbeit mit ihrer Fülle von hauswirtschaftlicher und landwirtschaftlicher Belastung stürzten und darin ausdauerten. Nicht aus äußerem Zwange nur, sondern aus dem inneren Drang gänzlicher Hingabe, eines gänzlichen Neuwerdens und Neuseins. — Wie fertige Aerztinnen usw. in die Hauswirtschaft, die Erziehungs- und Pflegearbeit an Kindern gingen und nun treu und gut ihres Amtes walten. — Wie Frauen, die bisher Nur-Hausfrauen waren, ein Gewerbe erlernten und übten, um an Stelle des unverschuldet brotlos gewordenen und aussichtslos dastehenden Mannes (Juristen, Verwaltungsbeamte, be- Hauswirfschaffliche Kommission Die große Bedeutung, welche die Frage der hauswirtschaftlichen Ausbildung unserer weiblichen Jugend heute für unsere ganze Gemeinschaft hat, wurde auf der 12. Delegierten versammlung des Jüdischen Frauenbundes am 9.und 10. Januar 1934 in Berlin dadurch besonders betont, daß man ihrer Erörterung dort einen ganzen Tag widmete. Im Mittelpunkt der Diskussion stand das vom J. F. B. schon längst geforderte hauswirtschaftliche Lehrjahr, und anschließend daran die Besprechung der jetzt notwendig gewordenen Sonder-, Kurz- und Palästinakurse. Die Aussprache gliederte sich in die drei Gruppen: . 3. Die jüdischen Haushaltungsschulen 2. Die jüdischen Heime und Ausbildungsstätten 3. Sonderkurse und Ausbildung in Privathaushaltungen. Ueber die vier staatlich konzessionierten jüdischen Haushaltungsschulen in Berlin, Breslau, München und Frankfurt a. M. referierte Frau Stern-Rheydt, deren Ausführungen von den Vertreterinnen der betr. Schulen sehr ausführlich ergänzt wurden. Eine sehr große Rolle spielt bei diesen Schulen heute die Finanzfrage und die Technik der Etat-Bilanzierung durch Schulgeld. Essenausgabe und Sonderkurse wurden eingehend erörtert. (Mit Bedauern sei dabei festgestellt, daß unsere Frankfurter Jüdische Haushaltungsschule als einzige ohne jede regelmäßige Subvention arbeiten muß.) Es handelt sich heute vor allem darum, das bisherige, für künftige Hausfrauen und Hausangestellte berechnete Ausbildungsziel durch Umschichtungs-, Zusatz- und Siedlungsschulung auszugestalten. Gewarnt wurde für alle Kategorien vor zu kurzer, d. h oberflächlicher Ausbildung, wie sie in letzter Zeit öfters veramtete Kaufleute in vorgerückten Jahren usw.) das Familienschiff durch die ökonomische Brandung zu steuern. Solche Vorgänge bestätigen nur meine durch Erfahrungen vieler Jahre erhärtete Ueberzeugung, daß der wirklich gebildete Mensch, die wirklich hochstehende Hausfrau auch die wirtschaftlich tüchtigste ist. Gerade weil bei ihr Pflichtbewußtsein, Hingabefähigkeit und so hohe geistige Einsicht vorhanden sind, daß sie auch die unbedeutenden oder unbedeutend anmutenden Küchen- und Hausarbeiten als gleichwertige Glieder einer in sich geschlossenen Arbeitskette erkennt, die zur Voraussetzung des Gelingens hat, daß jedes Kettenglied in einwandfreier, reibungsloser Weise funktioniert. Nach dieser grundsätzlichen Würdigung unserer Frage noch ein kurzes Wort zu ihren Realitäten: Die rein geistige Betätigung, einschließlich des Handelsberufes, ist in Deutschland der jüdischen Jugend beiderlei Geschlechtes weithin verschlossen, in anderen Ländern, darunter auch Palästina, erschwert. Doch wird es immer eine Anzahl Frauen geben, die ihre besondere Begabung auf diesen Weg weist. Diese soll man ruhig gewähren lassen. Sie werden sich durchsetzen und der Allgemeinheit auf dieser, ihrer eigensten Linie, Wertvolles zu geben haben. Man soll sie gewähren lassen, aber auch sie nur mit der Einschränkung, daß sie neben ihrer besonderen geistigen Sphäre auch in der Welt der Hauswirtschaft und sonstigen Betätigung zu Hause seien. Dies also: hauswirtschaftliches Können, natürlich einschließlich Näherei, Flickerei, Waschen, Bügeln und Kochen, stillschweigende Voraussetzung für alle. Daneben spezialisierte Ausbildung, sei es nun Landwirtschaft, Gewerbe (Handwerk) oder Wissenschaft und Kunst. Nur wer als jüdische Frau heute in allen Sätteln gerecht, jeder Lebenslage, jeder Arbeitsforderung gewachsen ist, darf hoffen, im Allgemeinen wie auch auf irgend einem Spezialgebiet sich durchzusetzen und für die Familie und die Allgemeinheit erfolgreich zu arbeiten. Nicht davon zu reden, daß das jüdische Mädchen, sei sie Geistes- oder Handarbeiterin, hauswirtschaftlich so geschult sein muß, um, wenn es nötig ist, als Ehefrau einen Haushalt ohne fremde Hilfe ordnungsmäßig führen zu können. Henriette Fürth des Jüdischen Frauenbundes sucht worden ist. Für die Siedlungsschulung kommt nur Wolfratshausen in Betracht als einzige landwirtschaftliche jüdische Frauenschule. Es wurde betont, wie falsch es sei, die Mädchen bei den künftigen Siedlern immer nur mit den Hausarbeiten zu beschäftigen, während in der Praxis die wirkliche Landarbeit doch zwischen männlichen und weiblichen Arbeitern geteilt wird, und die hierfür nötige Ausbildung geboten werden muß. Solche Fehler in der Ausbildung für Mädchen hängen damit zusammen, daß bei den maßgebenden Stellen zu wenig weiblicher Einfluß vorhanden ist; das Ergebnis dieser Aussprache soll daher als Forderung weitergeleitet werden. Fräulein Bloch-Berlin bemerkte in dem nächsten Referat über „Heime als Lehrmitte 1", daß hierzu noch wenig Material vorliegt. In Betracht kommen nur Erziehungs¬ und Erholungsheime oder Waisenhäuser, da der eigentliche Heim-Zweck keinesfalls durch die Ausbildungstätigkeit geschädigt werden darf. Vorzüge der Heimausbildung liegen in der leichteren Umstellung, in der Vielfältigkeit der Arbeit und in den geringeren Kosten. Mehrere Heimleiterinnen bedauerten, daß von den Jugendbünden häufig auf zu kurzfristige Ausbildung gedrängt wird, wie überhaupt diese Einflußnahme auf die Mädchenausbildung als wenig förderlich empfunden wird. Bei einer bevorstehenden Erziehungskonferenz' des Hechaluz will die Referentin dies zur Sprache bringen. Das lebhafteste Interesse galt bei der Aussprache der Palästinavorbereitung, für die ja in Heimen durch Belehrung in Großküche, Großwäsche und Vorräteverwaltung gut gesorgt sei, wie auch die erforderliche Erziehung zur Primitivität dort leichter erreichbar ist. Intensives Hebräischlernen und Palä-

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