Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 6 (2.1934)
- Date
- 1934-02-01
- Page
- Seite 235 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 235 ernsthaftesten Vorstellungen manchmal die gelassenen Worte entlocken: „Du sprichst aber nicht wie man spricht!" Da stand ich dann entwaffnet vor diesem kleinen Ungeheuer, das mich, unbestechlich und egoistisch, mit seiner dreijährigen Weisheit peinigte; das mir verzogen, verhätschelt und verwöhnt vorkam und das mich in der ersten Zeit oft fast verzweifeln ließ. Ich hatte damals noch nicht erkannt, daß ich mit meiner ganzen Umstellung beim Kind anfangen mußte. Ich war noch nicht auf die Idee gekommen, daß sich Mentalität und Charakter des anderen Volkes auch in dem Kinde spiegeln mußten. Darum konnte ich mit meiner Sprache nichts ausrichten. Ich mußte also die Eltern beobachten — und verstand das Kind. Ich horchte auf die Sprache der Mutter — und stellte mich so langsam auf das Wesentliche ein. Das Wesentliche ist, daß das Kind hier eine weit wichtigere Rolle in der Familie spielt als bei uns. Nach ihm kommt lange nichts. Alle Sorge und alle Mittel werden auf das Wohl und auf die Eigenart seiner kleinen Persönlichkeit verwandt, und ich konnte erleben, daß es deshalb doch lange nicht immer verzogen wird, es wird nur anders erzogen. Inzwischen ist mein kleiner Schützling mein guter Kamerad geworden, „meine Freundin", wie er selbst zu sagen pflegt. Glücklicherweise habe ich mich nicht in das übliche Gouvernanten-Fahrwasser treiben lassen — die Gefahr dazu liegt näher als ich glaubte. Ich bin dem Kinde wirklich eine Freundin geworden, die es entbehrt, wenn ich einen kurzen Nachmittag in der Woche ohne es verbringe. Dann empfängt es mich etwa mit den Worten: „Warum hast Du mich verlassen?" Und wenn ich versichert habe, daß ich dies nie tun würde, beendet es die Unterhaltung etwa mit dem Geständnis, „ich hatte Angst, Du würdest nicht wiederkommen!" Oder wenn mich die Kleine traurig sieht und als Grund eine schlechte Nachricht erfährt, fragt sie treuherzig, „warum willst Du denn immer nur gute Nachrichten?" Da lasse ich mich gerne lachend trösten und bewundere den Philosophen im Kinde. Aehnliche Dinge ereignen sich fast täglich und das ist mir Ausgleich für alle Umschichtungssorgen und alle durchwachten Nächte, für alle Kinderstubenszenen und alle Verantwortung, für die Aufgabe meiner persönlichen Ungebundenheit. Es ist eine wahre Herzensfreude, nachhaltender als das Erleben des schönen Teiles der Welt, in den ich „verschlagen" bin. Hier ist mir ein Blick vergönnt aus der wüsten Umwelt in die Oase einer Kinderseele, in der die Anlagen zu allen Verirrungen noch verhangen sind durch den Schleier der Unwissenheit. F-r-1 S—1. Wüste in Jerusalem, im Dezember 1933. Auf dem Skopus, dem Universitätsberg. Herrliches Bild, — vorn die Stadt mit dem großen Platz der Omar- und Aksa- Mcschee, hinten ein weites Panorama — — . Hinter einem Wäldchen einer der vielen Wadis-Bachläufe, trocken, voll Geröll. Der oberste Teil auszementiert, Terrassen: ein richtiges kleines Amphitheater, im Vordergrund nach antikem Vorbild die feste, steinerne Szene. Aber welch' ein Hintergrund! Unter leuchtendem Himmel das ganze transjordanische Bergland mit seinen zarten Farben, davor der Jordanbruch, sichtbar der Fluß und — eine deutliche blaue Fläche, das Salzmeer. Und dazwischen die braunen Hügel und Hänge des diesseitigen, von Jerusalem in Wellen abfallenden Gebirges. Wenn man so steht und über das Land blickt, bewegt sich der Fuß mit magischer Anziehung, man will, wie man geht und steht, in Straßenkleidern vorwärtsgehen und — — — Vor Jahren — so erzählt man hier — standen bei Beginn des Semesters ein paar neu angekommene Studenten auf dem Skopus hinter der Universität, sahen ins Land und schätzen die Entfernung zum Toten Meer. Alles liegt ja hier so dicht beieinander, das ganze Land ist übersichtlich. Zwei beschlossen, einfach hinüberzugehen, — vielleicht eine halbe Stunde Weg. Si'i schritten über den braunen flachen Abhang; — nach einer Weile senkte sich der Kücken plötzlich — eine Schlucht? Sie gingen weiter, die Schlucht war ein ziemlich breites Tal; der Weg bis zum Jordan mochte doch zwei Stunden werden, aber sie hatten ja Zeit. Als sie über das Tal auf die Höhe kamen, lag ihr Ziel greifbar, plastisch vor ihnen, hinter ihnen im dunstigen Licht die Universität, die Stadt hinterm Skopus verborgen. Sie gingen rüstig weiter, wieder ein Tal, wieder ein Rücken, die Jordansenke bald verdeckt, bald zum Greifen nah. Sie hatten Durst, gingen weiter, durch ausgetrocknete Wasserläufe, nirgends Menschen. Einer dachte einen Moment an Umkehren, aber es war ja sinnlos, den langen Weg, den sie doch in absteigender Richtung gemacht hatten, aufwärts zu wiederholen; das Tal konnte ja nicht mehr weit sein, schlimmstenfalls blieben sie in Jericho zu Nacht. Unterdessen erzählten ihre Freunde von der Wanderung. Gegen Abend erfuhr zufällig ein älterer Student davon, lief Palästina sofort zur Polizei. Ja, für heute sei es jetzt zu spät, vorm nächste» Morgen könne man keine Flugzeuge senden. — „Flugzeuge?" — Die jungen Fremde der Wanderer begriffen nicht recht, wurden nur unruhig. Am nächsten Tag stieg ein Flieger hoch und flog langsam über die Wüste Juda. Er stieg in jede Falte der Hügel, flog das Land systematisch ab — endlich nach Stunden sah er Menschen winken. Er suchte eine Landungsstelle, in dem steilen, steinigen, oft stufenförmig abbrechenden mit Löchern und Höhlen durchsetzten Land nichts Selbstverständliches. Derweil riefen die Jungen mit heiseren, ausgedörrten Kehlen, warteten, horchten, — war das Ganze eine Fieberfantasie gewesen, ein Wunschtraum — Fata morgana? Die Flieger suchten sich ihren Weg, über Hügel, um Vorsprünge herum, durch Quertäler, — im Flusrzeug waren es Minuten, jetzt. Stunden. Endlich, am Nachmittag fanden sie die Gesuchten: den einen fast erschöpft, den andern tot.-- Ich selber kenne diese magische Gewalt, die einen da vorwärts zieht. Ich ging vor längerer Zeit auf den Oelberg, von wo ein besonders schöner Blick ins Jordantal ist. Neben einem kleinen Berg vorbei sah ich — damals zum ersten Mal, und scharf wie ein geographisches Relief — die Berge des Ostjordanlandes, unten ein Stück des tiefen Talgrabens. Ich ging vorwärts, wollte um den zweiten Berg herumgehen, als sich eine dritte, ganz kleine Kuppe dazwischenschob. Nun war ich — vielleicht glücklicherweise — diesen Tag gestürzt und wollte meinem Bein, das zwar nicht schmerzte, aber arg zerschunden war, keinesfalls mehr als zwei Stunden Wegs zumuten, um Kraft für den Rückweg zu haben, dessen Länge ich von früheren Wanderungen durch und um die Stadt schon kannte. Ich verzichtete und bog ab. Vielleicht hätte ich nach 10 Minuten einen neuen, noch schöneren Blick gehabt, — vielleicht hätte ich auch weiter und weiter, von Hügel zu Hügel laufen können; das Land liegt so klar und übersichtlich da, und hinter jeder Kuppe liegt ein unsichtbares Tal, das die Wegrichtung ein bißchen verändert. Es lockt und zieht unheimlich vorwärts, und wenn man nicht den festen Willen hat, einmal Schluß zu machen, kann man . weiter und immer weiter gehen und in den zahllosen Bergen und Schluchten dieses schmalen Landstrichs — im Autobus 1—2 Stunden — versinken und spurlos untergehen. Dr. E. L. Qöttlfadl '^Ä^'^rstei Ä DAMENHOTE'DAMENMODEN — —J KAISERSTRvS (Laden) cferfgffenteprec^rfeinfachgesdimackvoll o-billfq.