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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-02-01 · 6 (2.1934) · p. Seite 234

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
6 (2.1934)
Date
1934-02-01
Page
Seite 234 (sequence 8)
Language
German
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.Seite 234 Briefe nach Hause Ich habe umgeschichtet Cannes, im Januar 1934. Das Umschichten ist eine fast alltägliche Sache geworden und ein oft geschilderter Vorgang. „Umschichten" ist bereits ein Begriff, den wir junge Juden in unser Leben einbeziehen ■wie den Aufgang des Tages und seine Dämmerung. Doch immer neu und bei jedem anders ist das Erlebnis der Umschichtung. Es kommt nach der Handlung als deren Konsequenz. Es ist abhängig von der Persönlichkeit des Erlebenden und von den Umständen seines bisherigen und des sich neu gestaltenden Lebens. Wir Mädchen haben die größeren Möglichkeiten; denn im Notfall nimmt uns immer irgendwo ein Haushalt auf. Bei mir z. B. erfüllte sich das in jüngster Zeit zum Schlagwort gewordene „Zurück ins Haus!". Ich habe den Laden verlassen, die Schreibmaschine und den Verkaufstisch und bin in fremdem Land und Haus „Gouvernante" geworden, auf deutsch: Kindermädchen. Außer der Notwendigkeit, die ich dazu fühlte, spielten noch andere Gründe mit: nicht zuletzt ein wenig Abenteuerlust.1 Die Lust des Reisens, aber auch der Wunsch nach Distanzierung und die Hoffnung, aus ihr Klarheit zu schöpfen. Der Empfang in der fremden Familie war ebenso höflich wie kühl, der Empfang einer Erzieherin, die keine Erzieherin ist; das heißt, von der man wußte, daß sie bisher alles eher als erzieherisch sich betätigt, daß sie Kinderpflege nicht gelernt hatte. Ein Mädchen, dessen Land man nicht kennt und von dessen Fähigkeiten und Bildung man keine Ahnung hat. Ich spürte diese Wand von Vorbehalten sehr deutlich, und sie machte mich unsicher und unglücklich bis ich ihre Berechtigung einsah. Bis ich mir klargemacht hatte, daß man die Fremde und Unbewährte erst erproben wollte. Es war mir von Anfang an selbstverständlich, a 11 e s zu arbeiten und jetzt empfand ich es als erleichternd, daß ich in strenger Organisation gelernt hatte, mich einem Heer von Angestellten einzufügen. So fiel es mir verhältnismäßig leicht, mich rasch der freundlich-energischen Führung der Hausfrau unterzuordnen; aber auch nur dadurch war es mir möglich, meine Arbeit rasch zu überblicken, sie nach kürzester Zeit praktisch einzuteilen und mühelos zu erledigen. — In den ersten Tagen sprang ich für das fehlende Hausmädchen ein, nicht zuletzt auch deshalb, weil ich sah, daß mein zukünftiger Zögling ein schwier zu erringendes kleines Mädchen war. Indem ich mich in dieser Zeit mehr mit Bürste, Putzlumpen, Eimer und Fensterleder als mit ihm beschäftigte, gab ich ihm Zeit, sich langsam an mein Vorhandensein zu gewöhnen. Dieselbe Möglichkeit gab ich damit — gänzlich unbewußt — dem Hauspersonal, das nicht versäumte, .mich mit unsicheren Seitenblicken zu mustern, und auch der Hausfrau, die Zweifel an mir gehabt haben mochte. Da weder das Hauspersonal noch die „Patrons" gewöhnt sind, jemanden außerhalb seines Arbeitskreises angreifen zu sehen, wenn es an einer Stelle fehlt, fiel ich — ohne übertriebene Arbeitsamkeit — angenehm und zugleich unangenehm auf: die Hausfrau sah sich von einem Teil ihrer Zweifel befreit, während das ' Personal fürchtete, sich meiner Arbeitsweise angleichen zu müssen. Hier merkte ich die typische Einstellung der Bewohner dieser südlichen Zone, die in der Arbeit keine Befriedigung, sondern eine unwillkommene Lebensnotwendigkeit sehen. Es blieben denn auch die Versuche nicht aus, mich auszunutzen. Man fing an, Arbeiten liegen zu lassen, da man wußte, ich würde sie sehen und stillschweigend erledigen. Als ich das System erkannte, begann ich mit Vorsicht und Höflichkeit an „vergessene' Arbeiten zu erinnern, bis ich merkte, daß meine Mitarbeiterinnen sich über mich nicht mehr im Unklaren befanden. Dies alles spielte sich in den ersten 14 Tagen ab, in denen ich mir recht hilflos vorkam. Mit der ganzen von zu Hause mitgebrachten Sicherheit, mit allen Kenntnissen und allen gewohnten Gebräuchen wußte ich zunächst nichts anzufangen, aus Angst, irgendwo Anstoß zu erregen. Das einzige, was ich positiv verwerten konnte, war mein Einfühlungsvermögen und ein gewisses Fingerspitzengefühl. Ich lernte die Taktfrage als eine der schwierigsten erkennen, denn man kann mit dem, was bei uns nicht taktlos erscheint, hier leicht Anstoß erregen. Ich hatte mir, kühl berechnend, um mir die Umgewöhnung zu erleichtern, vorgenommen, nicht zurück zu denken, keine Vergleiche anzustellen mit dem, was ich gewohnt war und verlassen hatte, und mich vorbehaltlos zunächst dem hinzugeben, was neu und anders sein würde. Als ich einmal, ganz gesprächsweise, äußerte: „bei uns ist das so . . .", bemerkte ich sofort, wie recht ich mit meinem Vorsatz hatte. Man soll erst dann Vergleiche äußern, wenn man in den Kreis, in den man sich begeben hat, bereits hineingewachsen ist oder wenn man gefragt wird. Oder aber, wenn man mit Sicherheit weiß, daß man nicht durch Fehler in der fremden Sprache Mißverständnisse hervorruft. In jedem andern Fall schadet man sich und allen mehr, als man ahnt. Wer von uns, ob wir nun umschichten wollten oder mußten, spürte nicht die Härte dieser Forderung. Wer nicht das Heimweh und die Sehnsucht nach der deutschen Sprache, die uns selbst die graziöseste, klangvollste, spritzigste der romanischen Sprachen nicht ersetzen kann. Darin beruht wohl auch das einzige, uns allen gemeinsame Umschichterlebnis: im Heimweh. Weil ich von diesen leicht sentimentalen Gefühlen nicht frei bin, freue ich mich, die Heimat loben zu hören, was nicht selten geschieht. Ich fühle mich für die Erhaltung des lobenden Rufes gerade deshalb verantwortlich, weil ich hier nicht als die Jüdin, sondern als die Deutsche gelte. — Für die Problematik und Verwirrung, in die ich mich gestoßen fühle, finde ich in meiner Tätigkeit einen Ausgleich: das Kind. Um dieses kleine Mädchen habe ich werben müssen, wie ein Liebhaber um eine launenhafte Frau. Nur war meine Werbung noch dramatischer. Nicht allein, daß in dem Kleinmädchencharakter schon recht „frauliche" Kaprizen spuken, hier spielte das Hindernis der fremden Sprache noch mit. Das Kind merkte ganz genau, daß jemand anders sprach, als es zu hören gewohnt war. Die Geschichten mußten ihm plötzlich falsch vorkommen (weil sie in ungeschickten Worten erzählt waren) und, wenn es nicht nervös wurde, konnten ihm meine DeDische Ellecien- und Wechsel-Bank vorm. L. A. Hahn — gegründet 1821 — Akt.' Ges. seit 1872 FRANKFURT A. M. KAISERSTRASSE 30 DEPOSITENKASSEN: Konstabier Wache Osthafen Allerheiligenstr. 89 Hanauerldslr. 125 Bockenheim Leipzigerstr. 50 Offenbach a.M. Höchst a. M. Frankfurlerstr. 54 Dalbergstr. 3

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