Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 6 (2.1934)
- Date
- 1934-02-01
- Page
- Seite 233 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit© 233 werden, für eine von Tag zu Tag wachsende und. §ich entwickelnde hebräische Volkssprache geworden. Vom hebräischen Buch ist auch sprachlich Leben ausgegangen, Leben, das zwar nicht so urwüchsig gestaltet wie die unbeschreibbare, sprachschaffende Kraft eines landgebundenen Volkes, aber immerhin Leben, das vielleicht alte, noch schlummernde Urkräfte wieder wachruft und zur Entfaltung bringt. Eine eigenartige und einzigartige Tatsache, die nicht nur sprachgeschichtlich bedeutungsvoll ist, sondern die auch für das Leben der Juden — über die sprachliche Entwicklung des Hebräischen hinaus — Perspektiven eröffnet. Denn auch das Gesetz, das ehedem den Urkräften des Volkes zu eigen ward und aus ihnen wuchs, wie die Sprache, und das ebenso wie diese in dem Buche und den sechs Ordnungen beschlossen liegt, scheint vielen starr wie die Sprache der Schrift, die dennoch aus sich neues Leben gestaltet. IV. Mit diesen Ausführungen erledigt sich eigentlich die Beantwortung der Frage, ob das Hebräische eine lebende und lebendige Sprache, oder ob sie nicht vielmehr eine zur Literatursprache erstarrte Sprache sei, — eine Frage, die als solche schon wiederum die ganze Eigenart des Hebräischen aufzeigt. Man könnte sich die Antwort leicht machen, auf das heute in Palästina gesprochene Hebräisch hinweisen und auf die Tatsache, daß für einen nicht unerheblichen Teil der Jugend das Hebräische dort nicht nur die Muttersprache, sondern die Sprache ist, die sie allein beherrschen und in der allein sie sich auszudrücken vermögen. Lassen wir aber die Entwicklung des Hebräischen, in den letzten Jahrzehnten ruhig unberücksichtigt! Richtig ist, daß die Umgangssprache der Juden, die sie bei der Beschäftigung, des Alltags und im Verkehr mit ihrer Umgebung gebrauchten, nicht das Hebräische war, seitdem der Quell der sprachschaffenden Kraft für das Hebräische versiegt war; seit Jahrhunderten sprechen die Juden aramäisch, arabisch, deutsch oder irgend eine andere Sprache, je nachdem in welche Kultur und Umgebung sie eingefügt sind. Das Buch aber und die hebräische Sprache des Buches blieb mit ihrer Seele verknüpft, wie nur lebendige Urkraft mit der Seele eines Volkes verknüpft sein kann. Die Ausdrucksform, in der die Sprache sich im Volke lebendig erhielt, ist für das Hebräische — entsprechend der Eigenart und Einzigartigkeit der jüdischen Entwicklung — eine andere als bei anderen Völkern; lebendig aber ist die Sprache auch während der letzten W« Jahrtausende in der Seele des Juden geblieben, so lange und so weit sie mit dem Judentum verknüpft war. Vom Lehrer auf den Schüler nicht auf Entfernung, sondern in lebendiger Ueberlieferung weitergegeben, war das Sich-Versenken in die hebräische Sprache religiöse Pflicht, die nicht von einzelnen freiwillig, sondern von allen erfüllt wurde. Ohne Hebräisch war es unmöglich Jude zu sein, denn das Gesetz und die Innehaltung des Gesetzes verlangten die Kenntnis der Sprache, ebenso das vorgeschriebene Gebet. Das war kein Beten, bei dem nur die feierliche Intonation eines Vorbeters oder Priesters mit angehört oder formelhaft wiederholt wurde, sondern ein eigenes Sprechen, ein Leben von verstandenen Worten, von Worten, mit denen die Leiden von Generationen verknüpft waren, die eigenes Erleben bedeuteten. Die Bilder der Buchstaben und die Klänge der hebräischen Laute, die täglich mehrere Male gesehen und gehört wurden, gruben sich in die Seelen ein und ließen die Erinnerung nicht zur Ruhe kommen. Bis zu den Tagen der Aufklärung war bei allen, von jenen Tagen an für die Mehrzahl der Juden die hebräische Sprache die einzige, deren Schriftzüge sie erlernten, deren Buchstaben sie daher auch verwandten, um die Umgangssprache zu schreiben. Was die großen jüdischen Gesetzeslehrer und Schriftsteller bis zur Aufklärung für die Gesamtheit des Judentums für bedeutend erachteten und der Nachwelt überliefert wissen wollten, schrieben sie hebräisch, schrieben- und dachten es in dieser Sprache. Die Sprache bleibt daher in steter organischer Verbindung mit dem Volk, so wie bei allen anderen Völkern — nur in anderer Form —, und stirbt ebensowenig wie das Volk. Daher wechseln auch die Formen und Stile des Hebräischen zusammen mit der Entwicklung und Haltung des Judentums. Kehrt dieses zu seinen Quellen zurück und verjüngt sich an den Büchern der Bibel, kann es in freier Auseinandersetzung mit den Anschauungen der Umwelt und mit den die Zeit gestaltenden geistigen Kräften sich dehnen und weiten, weitet und dehnt sich mit ihm — wie in der islamisch-spanischen Periode und im 19. Jahrhundert in Rußland — das Hebräische; leben die Juden träge im Einerlei des Alltags dahin, nur die Erfordernisse des Gesetzes bedenkend, sonst aber sich dumpf abschließend, dann erschlafft auch die Ausdrucksform des Hebräischen und wird von sprachlichem Gestrüpp überwuchert. Solange die Bande des Judentums halten, lebt das Hebräische, auch ohne alle Attribute einer normal sich entwickelnden Sprache, so wie. das jüdische Volk und das Judentum leben, ohne alle Attribute eines Volkes zu besitzen. Denn nicht nur das in allen Teilen gesunde und normal ablaufende Leben ist Leben, sondern auch das ist Leben, was von den Regeln der wissenschaftlichen Definition abweicht und von den Theoretikern als Anomalie bezeichnet wird. Eine Gefahr für das Hebräische bestand und besteht nur dann und dort, wo die seelische Verknüpfung des Einzelnen mit der Gesamtheit und mit den Kräften, die das Judentum gestaltet haben, aufgegeben öder gelockert wird, d. h. wenn das Judentum negiert oder nur pietätvoll in einem distanzierten Gottesdienst und in gelehrter Forschung gepflegt wird. Dann allerdings liegt es nahe, das so verkümmerte Hebräisch dem Lateinischen als der Sprache der Priester und des Gottesdienstes oder der Sprache der Humanisten zu vergleichen. Die Anteilnahme am Hebräischen ist ebenso wie das Stehen zum Judentum ein Akt des Sich-Bekennens und des Wollens; die Anteilnahme am Hebräischen ist allerdings nicht leicht gemacht, denn es bedarf der Vertiefung in die Sprache und in die Literatur. Die eigenartige Entwicklung des Hebräischen bringt es mit sich, daß es nicht so leicht wie andere Sprachen erlernt werden kann, wenn anders man nicht bloß die Fertigkeit erwerben will, Worte für den alltäglichen Gebrauch aneinanderzufügen. Von dem Hebräischen der Bibel und der Mischna ausgehend hat sich, wie gezeigt wurde, in einer Literatur, die mehr als VA Jahrtausende stets lebendig geblieben ist, eine reiche, kaum übersehbare Masse von Bildungen und Worten herausgeformt. Alle anderen Sprachen gestalten in täglich lebendigem Flusse all das, was aus ihnen Hießt und ihnen von außen zufließt, lautlich und formal um und verarbeiten es, so daß Reste früherer Perioden nur insoweit der Nachwelt überliefert werden, als sie in der Literatur ihren Niederschlag finden, im übrigen aber die gesprochene Sprache immer nur in den Bildungen des Augenblicks existiert. Anders im Hebräischen. Nur bis höchstens zum Jahre 200 hat das Hebräische als eine im täglichen Gesprochenwerden sich gestaltende Sprache gelebt, von dann ab aber nur an dem Buche der Bibel sich formend und nur in Büchern ihren Niederschlag findend. So fehlt ihm die nur beim Sprechen entstehende innere Durchrüttelung des gesamten Stoffes zu einer organischen Masse, das Einswerden der durch Jahrhunderte getrennten Sprachschichten zu einer immer nur den Augenblick festhaltenden einheitlichen Sprachmasse. Die ungeheure Fülle des in den Jahrhunderten Hinzugefügten und Entstandenen ist sichtbar in die hebräische Sprache hineingelagert, sodaß Altes und Neues nebeneinander stehen, biblischer Sprachstoff unvermittelt neben Bildungen des Maimonides und neben Neubildungen von heute. Im Hebräischen hat es der Sprachforscher daher leichter, die verschiedenen sprachlichen Entwicklungsstufen zu erkennen und zu sichten. Die Vergangenheit ist in ihm Gegenwart, die Ueberlieferung in ihm existent und wirkend — auch darin die Entwicklung des Judentums spiegelnd. (Nach einem Vortrag im jüdischen Lehrhaus) Tmmawkd® Schlaganfalh —*ssSÄ3sSE£» s*B£Ss^2rU*^ Zu haben ai ümn Apotneken