Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 6 (2.1934)
- Date
- 1934-02-01
- Page
- Seite 232 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 232 die Worte, die der Sphäre des Gedankens und dem Gefühls- und Seelenleben zugehören, dem Hebräischen entnommen waren. Die folgenden Jahrhunderte der Verfolgungen der Juden und des ihnen aufgezwungenen, zum Teil auch freiwilligen Sich- Abschließens von der Umwelt spiegeln sich wiederum deutlich in der Entwicklung der hebräischen Sprache. Die Vernachlässigung des Studiums der Bibel, die fast ausschließliche Beschäftigung mit der Kasuistik des Gesetzes und des Rituals, die Versenkung in den Sohar und die Werke der praktischen Kabbala lähmten die schöpferischen und bildnerischen Kräfte, machten den Floskeln und Formeln eines abgestorbenen Aramäischen wieder den Zutritt frei, und ließen das von den Quellen der reinen Ursprache abgeschnittene Hebräische verwildern. n. In diesem Zustand befanden sich die Juden und mit ihnen das Hebräische, als das Zeitalter der Aufklärung sie um die Wende des 18. Jahrhunderts zur Anteilnahme aufrief. Moses Mendelssohn war nicht bloß der Wegbereiter, der den Juden die deutsche Kultur und die abendländische Gesittung erschloß, — er bildet auch eine Wende in der Geschichte der hebräischen Sprache. Im Kampf gegen die Formen, die das Judentum in den verflossenen Jahrhunderten angenommen hatte, führte er und der von ihm abhängige Kreis, der sich um die Zeitschrift Ha-Meassef gruppierte, die• Juden zur Bibel, zum einfachen Verständnis ihrer Bücher und zu ihrer reinen hebräischen Sprache zurück. Daß das Streben dieses Kreises, den Juden die abendländische Kultur durch das Medium des Hebräischen zugänglich zu machen, trotzdem mißglückte, hatte zwei Gründe. Das Hebräische, das sie schrieben, und in dem sie die Fragen behandelten, die das damalige Denken bewegten, war zwar ein biblisches Hebräisch, aber nur ein aus biblischen Wendungen und Sätzen künstlich zusammengesetztes, nicht ein umgeformtes, belebtes, dem Denken der Zeit angepaßtes. Deswegen und weil sie die gesamte nachbiblische Entwicklung des Hebräischen grundsätzlich ausschalteten, konnte ihre Sprache nicht ausreichen, um die Vielgestaltigkeit des veränderten Lebens zur Darstellung zu bringen und die Leser zu befriedigen und anzuregen. Ferner wirkte die Fülle und Kraft des Deutschen und der anderen abendländischen Landessprachen, in deren Verständnis die Juden von Tag zu Tag mehr eindrangen, so erdrückend, daß die westlichen Juden sich für den Gebrauch dieser Sprachen nicht nur als Umgangssprache, sondern auch als einziger Schriftsprache entschieden, um allein durch ihre Vermittlung die allgemeine Kultur in sich aufzunehmen. Ebenso wie bei den westlichen Juden das Judentum von nun an nur noch eine verhältnismäßig kleine Provinz ihres geistigen Bezirkes in Anspruch nahm, so hörte auch das Hebräische auf, Ausdruck ihres Gefühlslebens zu sein. Ihre Haltung gegenüber der hebräischen Sprache, die nur noch Sprache des Gottesdienstes war und in der wissenschaftlichen Forschung galt, war bestenfalls eine tolerierende oder konservierende. Einen anderen* Weg ging die Entwicklung im Osten Europas, wo die Landessprache den Juden schwerer zugänglich wurde, und wo sieh ihnen allein durch das Hebräische die Ideen der Aufklärung sowie Denken und Wissen des Abendlandes erschlossen. Ebenso wie bei der Berührung mit dem Islam bewährte sich auch hier wiederum die Schöpferkraft des Hebräischen, das, an die Sprache der Bibel, der Mischna und der mittelalterlichen Schriftsteller und Philosophen anschließend, sich der großen Aufgabe gewachsen zeigte, den gesamten Sprachstoff, der notwendig war, um das die Juden umgebende Leben und das auf sie eindringende Wissen und Denken zur Darstellung zu bringen, in Neubildungen und Umgestaltungen zu schaffen. So wurde das verwilderte Hebräisch des 17. und 18. Jahrhunderts im Rußland des 19. Jahrhunderts wieder zur Kultur- und Schriftsprache, die nicht nur von einigen Gelehrten verstanden wurde, sondern die auch von dem einfachen Manne gelesen und zum Teil auch gesprochen wurde, .weil sie ihm in .volkstümlicher Form das Wissen Europas vermittelte, in Gedichten, Novellen und Romanen sein eigenes Leben deutete, und durch eine nicht unbedeutende Presse das, was in der Welt vorging, bekanntgab. Daß aber das Hebräische im Osten Europas nicht nur vorübergehend umgestaltet wurde, sondern daß es zur lebendigen Kulturspiache wurde, verdankt es allein der Tatsache, daß sich seit den Tagen von Perez Smolensky die Idee der nationalen Regeneration des Judentums mit der verlebendigten hebräischen Sprache vereinigte und sie, als Organ benutzend, mit weitem Leben und neuen, ewigen Zielen erfüllte. Von dem so gestalteten Hebräischen bis zu der Entfaltung, die es in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten in Palästina genommen hat, war nur noch ein verhältnismäßig kleiner Weg. Hier wurde und ist es die Sprache des öffentlichen Lebens und Unterrichts, die Umgangssprache der Juden, die sich dem Lande einzufügen gewillt sind, und die Muttersprache der dort geborenen oder heranwachsenden neuen Generation. IH. Damit ist ein Stand der Lebendigkeit und Lebensfülle des Hebräischen erreicht, wie er wohl seit den Zeiten der Mischna nicht existiert hat, — allerdings mit einem nicht gering anzusetzenden Unterschied. Bis ungefähr zum Jahre 200 der christlichen Zeitrechnung war unter den Juden, vornehmlich unter den damals in geschlossener Siedlung wohnenden Juden Palästinas, noch die unbeschreibbare, mit jedem Volke in seinem Lande verwachsene, schaffende Urkraft wirksam, die das ganze Leben, Werden und Denken des Volkes in sich fassend, auch die Sprache, die Laute und die Formen der Sprache geheimnisvoll in sich birgt, Gekanntes und bisher Ungekanntes nach außen in die Erscheinung führt, altes Gut umformt und neues sich anpaßt. Diese Kraft der Sprache des Volkes, die sich in den Mundarten offenbart, und immer von neuem aus sich heraus schaffend die Formenwelt und den Wortschatz der Sprache bereichert und ergänzt, ist für die Juden und für das Hebräische ungefähr seit dem Jahre 200 versiegt. Was vom Hebräischen geblieben ist, ist die bis zu eben jenen Tagen entstandene Schriftsprache, die vornehmlich in den Büchern der Bibel und den sechs Ordnungen der Mischna niedergelegt ist. Seitdem sind mehr als VA Jahrtausende vergangen. Schriftsprachen haben zwar ein längeres Beharren als das flüchtig gesprochene Wort, aber auch sie erneuen und verjüngen sich allenthalben aus der Sprache des Volkes, wo der Sprachquell nicht versiegt. Dieser Zufluß wurde der hebräischen Schriftsprache seit damals nicht mehr zuteil. Ebenso wie die Bücher der Bibel und die sechs Ordnungen des Gesetzes das Leben des Juden und der Gesamtheit für alle Folgezeit regelten und normierten, so blieben sie auch der einzige Born, aus dem sich das Hebräische, das sich neuem Leben und veränderten Entwicklungen anpassen wollte, ergänzen mußte. Das Volk des Buches verdienen die Juden daher nicht bloß genannt zu werden, weil sie die Träger der im Buche niedergelegten Lehre sind, sondern weil sie wohl das einzige Volk sind, in dem nicht die in ihm schlummernden Kräfte die Sprache jeweils neu ergänzten, sondern in dem das Buchdiese Kräfte ersetzte. Während bei den anderen Völkern nur der die Sprache zu meistern und in ihr zu schaffen versteht, der die Mundart des Volkes und die Sprechart des einfachen Mannes belauscht und studiert, konnte und kann nur der ein dem Leben angepaßtes und das Leben deutendes Hebräisch schreiben, der das Buch studiert und es in sich aufgenommen hat, so daß es wieder aus ihm denkt und spricht. Das Hebräische der verschiedenen Zeitalter und der verschiedenen Autoren ist daher verschieden je nach dem Grade, wie real und unmittelbar das Verhältnis des Einzelnen und der Generation zur Bibel und zum älteren hebräischen Schrifttum war. Nur dann hat das Buch schöpferisch auf die hebräische Sprache gewirkt und sie umformend und neu erfüllend verlebendigt, wenn es selbst nicht bloß gelesen, zitiert und studiert wurde, sondern im Gedächtnis wirklich gegenwärtig und wirksam war. Die Situation des Hebräischen, ist dadurch eine von allen Sprachen verschiedene, gewiß einmalige. Während sich allenthalben aus der Sprache des Volkes eine Schriftsprache, ablöst und sieb auch bei den Juden ehedem einmal abgelöst hat, . ist die in Bibel und Mischna niedergelegte hebräische Schriftsprache für die Folgezeit der Ausgangspunkt für ein Neu-