Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 6 (2.1934)
- Date
- 1934-02-01
- Page
- Seite 231 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3094266-3094399-3094405--3968-3098752- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 231 Misch na, die das Loben des einzelnen Juden von der Wiege bis zum Grabe, und vom Morgen bis zum Abend zu regeln und festzulegen bestrebt war, in einer dem Alltag entnommenen Sprache, zum Teil sogar mit Anführung der von den Lehrern wirklich gesprochenen Worte, überliefert. Daher finden wir in der Mischna unendlich viel hebräisches Sprachgut, das in der Bibel gar nicht oder in anderer, teils engerer, teils weiterer Bedeutung vorkommt, finden vor allem viele grammatische Formen beim Nomen und Verbum, die im Laufe der letzten Jahrhunderte im Munde des Volkes in lebendiger Formung aus eigenem oder durch Anlehnung an aramäische Bildungen entstanden waren, so wie Fügungen von Sätzen, die über den einfachen Stil des biblischen Hebräisch hinaus die flüssigere Form der Alltagsrede wiedergeben. Mit dem Abschluß der Mischna. also ungefähr mit dem Jahr 200, hat aber das Hebräische als Umgangssprache, als Sprache des Volkes, als lebendig wirkende und sich aus sich selbst heraus stets erneuernde Sprache zu existieren aufgehört. Nach der Zerstörung des Tempels durch Titus im Jahre 70 waren die Lehrhäuser die Stätten geworden, in denen das Volk sich sammelte, und in denen neben der aramäischen Umgangssprache das Hebräische gepflegt und gestaltet wurde. Nachdem aber Hadrian den Nerv des Judentums bedroht und die Lehrhäuser verboten hatte, die Juden sich daraufhin zerstreuten und auswanderten, und die Lehre nur in einzelnen Stätten Galiläas von den Schülern Rabbi Akibas, beinahe im geheimen, gepflegt werden konnte, versiegte auch in den hebräisch Sprechenden die schaffende Kraft. Wir wissen zwar, daß z. B. die Magd des Jehuda Ha-Nassi um 200 noch die hebräische Sprache beherrschte, daß sogar noch hundert Jahre später Rabbi Jonathan von der hebräischen Sprache im Gegensatz zu anderen von den Juden gebrauchten Sprachen feststellte, daß sie zur „Rede" bestimmt sei, daß der im 5. Jahrhundert in Tiberias lebende jüdische Lehrer des Kirchenvaters Hieronymus die hebräische Sprache meisterte, insgemein hatte aber das Hebräische aufgehört, die Sprache des Volkes und des Alltags zu sein, und war zur „Sprache der Weisen" und zur „Heiligen Sprache" geworden. In den nächsten zwei Jahrhunderten, vom 5. bis 7. Jahrhundert, in dem Zeitalter der talmudischen und nachtalmudischen Diskussion des Gesetzes, die im wesentlichen in Babylonien in aramäischer Sprache geführt wurde, verschärfte sich noch die Krise für das Hebräische. Von einer befruchtenden Einwirkung des seinerseits auch schon alternden Aramäischen auf das Hebräische ist nichts zu spüren, und so wurde das Hebräische lediglich die Sprache des Gebets, des formulierten Gesetzes und höchstens im schriftlichen Verkehr verwendet; ja die Zahl der von Beruf nicht damit befaßten Juden, die das Hebräische der Bibel zu lesen und zu verstehen vermochten, wurde von Generation zu Generation kleiner. Diese bedrohliche Erscheinung, die zu einer Loslösung der hebräischen Sprache von dem jüdischen Volke als ihrem Träger und damit zu ihrer Abtötung hätte führen können, erklärt sich aus der Eigenart des Hebräischen, daß in ihm ebenso wie in den meisten Schriften der anderen semitischen Sprachen ursprünglich immer nur die Konsonanten, nicht aber die Vokale geschrieben werden, es vielmehr von dem Leser verlangt wird, den jeweils notwendigen Vokalismus hinzuzudenken. Um dazu imstande zu sein, muß man aber die Sprache beherrschen. Fehlt diese lebendige Kenntnis, dann kann nur noch von einer gelehrten Entzifferung, nicht aber mehr von einem fließenden Lesen gesprochen werden. Und in der Tat bestand im 7. Jahrhundert die Gefahr, daß nur noch die Gesetzeslehrer und Kenner der heiligen Schriften das Bibelwort zu lesen vermochten, daß aber das Volk und die Laien dazu nicht mehr imstande waren. Durch mühevolle Sammlung und Bearbeitung alles dessen, was Jahrhunderte hindurch in den jüdischen Lehrhäusern über die Anordnung und das Lesen der Bibel überliefert worden war, gelang es mehreren Generationen jüdischer Sprachforscher, die Gefahr, daß das Hebräische vom Leben abgeschnürt wurde, zu bannen. Noch bis auf den heutigen Tag fußt fast unsere gesamte Kenntnis von der hebräischen Sprache der Bibel auf dieser ungeheuren Arbeit der Masoreten, d. h. der „Kenner der Ueberlieferung", die für jedes Wort der gesamten Bibel durch die Hinzufügung kleiner Vokal- und Akzentzeichen nicht nur gewissermaßen eine phonetische Transskription des gesamten Konsonantentextes, sondern dadurch auch die Grundlage der grammatischen Erkenntnis der Sprache geliefert haben. Ein Irrtum wäre es jedoch anzunehmen, daß die von den Masoreten überlieferte Aussprache sich mit der der Verfasser der biblischen Bücher decke, daß etwa Jesaja die Worte seiner Reden mit gleich klingenden Vokalen ausgesprochen und die Psalmisten ihre Lieder mit demselben Akzent gesungen hätten. Die Zeichen der Masoreten geben vielmehr nur den Stand der Ueberlieferung ihrer Zeit, also ungefähr den hebräischen Vokalismus wieder, wie er im 7. nachchristlichen Jahrhundert im Gottesdienst verwendet wurde. Diese Rettung des hebräischen Bibeltextes, und damit de» Hebräischen überhaupt, durch die ebenso exakte wie geniale Arbeit der Masoreten ging zeitlich ähnlichen, auch auf die Bibel zurückführenden Bestrebungen voran, die im Gefolge der großen politischen Veränderungen standen, die die Eroberungszüge des jungen Islam und der Araber dem gesamten Vorderen Orient vom 7. Jahrhundert ab brachten. Das Aramäische, das bis dahin in den Ländern, in denen die Hauptmasse der Juden wohnte, Umgangssprache gewesen war, verschwand und wurde durch das Arabische ersetzt. Das von dem jungen Islam besonders gepflegte Studium der arabischen Sprache und das Sich-Versenken in die heiligen Suren des Koran regte bei den Juden ähnliche Studien an, die sich bei ihnen auf das Hebräische und auf die Bibel richteten. Der ungefähr um das Jahr 900 lebende Gelehrte Saadja steht am Anfang einer langen Reihe von Gene~ rationen, die den Bau und Stil der hebräischen Sprache zu erforschen und die Bücher der Bibel zu erklären begannen, und durch das. Zurückgehen auf die letzten Gründe das Judentum und die erstarrte hebräische Sprache auffrischten, reinigten und belebten. Die Lyrik der großen spanisch-jüdischen Sänger, die in den Gottesdienst und damit in das Leben der Juden Eingang gefunden hat, wäre ohne die Arbeit dieser großen Spracherneuerer nicht möglich gewesen. Vielleicht noch reicherer Segen kam dem in den vergangenen Jahrhunderten unentwickelt zurückgebliebenen Hebräischen durch die gewaltigen Anregungen, die die islamischen Wissenschaften insbesondere aber die weltanschauliche Auseinandersetzung brachte, die der Islam mit den großen Denkern der Griechen und des Hellenismus vornahm. Die Juden, die an diesen geistigen Kämpfen in vorderster Reihe teilnahmen, machten ihren Glaubensgenossen die Ergebnisse in einer unübersehbaren Fülle hebräischer Uebersetzungen und originaler Werke in hebräischer Sprache zugänglich. Die Rückkehr zu dem reinen Hebräisch der Bibel und der Mischna, durch dessen Pflege das formelhafte und starre, aramäisch durchsetzte Sprachgut der späteren Gesetzesdiskussion nach und nach in Vergessenheit geriet, die Berührung mit dem Arabischen als einer verwandten semitischer« Sprache, die aus unversiegbarem Quell sich immer neu verjüngte, und nicht zuletzt die Notwendigkeit, die verbreiterte und vertiefte Gedankenwelt in einem verständlichen Hebräisch darstellen zu müssen, führte zu einer Umformung und Neuformung und damit zu einer ungeheuren Bereicherung des hebräischen Wortschatzes, sowie zu einem eindringlichen, klaren und einfachen Stil, als dessen vornehmsten Repräsentanten man Maimonides mit seinem Mischne Tora ansehen darf. Der P-h'nfluß dieser Entwicklung auf die Juden der r o - manisch-ge'rmanischen Länder blieb nicht aus. An schöpferischer und bildnerischer Kraft standen die führenden. Köpfe unter den Juden Frankreichs und Deutschlands im 11. und 12. Jahrhundert ihren Brüdern in den islamischen Ländern wohl nach, dafür drang aber die Sprache ihrer Kommentare zu Bibel und Talmud und die der Responsen, die die Dinge des Lebens behandelten, in höherem Maße in die Kreise des Alltags ein. Der einfache Jude handhabte hier das Hebräische besser als sein Bruder in den islamischen Ländern, wo im wesentlichen nur das Arabische verstanden wurde. Das beweist die anonyme Volksliteratur, die in den germanisch-romanischen Ländern in hebräischer Sprache entstand, und die Tatsache, daß in der Umgangssprache der Juden, dem Jüdisch-deutschen, seit jeher