Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 6 (2.1934)
- Date
- 1934-02-01
- Page
- Seite 230 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 230 Entwicklung und Eigenart der hebräischen Sprache Von Professor Dr. Gotthold Weil L So wie man aus dem Stil des einzelnen Menschen, aus der Art, wie er die Worte wählt und zu Sätzen fügt, auf sein Wesen schließen zu können glaubt, ebenso hat man versucht, aus den Sprachen den Charakter der Völker zu -erkennen. Lassen wir dahingestellt, ob so weitgehende Folgerungen gezogen werden können; das aber steht fest, daß in der Sprache die Geschichte der Völker sich wiederspiegelt, daß aus der Art, wie in den einzelnen Sprachen Eigenes und Fremdes, Stammmäßig-Ursprüngliches mit dem von außen Herangekommenen sich zu einer Einheit gemischt hat und immer von neuem mischt, das Werden und Wachsen und alle Veränderungen im geistigen Habitus der Völker von dem Kundigen abgelesen werden können. Das gilt auch für das Hebräische als der Sprache des jüdischen Volkes und der Ausdrucksfonn des Judentums; denn auch das Schicksal des jüdischen Volkes, die Eigenart und Einmaligkeit des Judentums als geschichtliches und geistiges Phänomen haben sich in die hebräische Sprache im Laufe der Jahrtausende tief eingeprägt. Eben deshalb aber, weil sich die Geschichte des Volkes und der von ihm getragenen Idee zu jeder Zeit in das Hebräische eingegraben hat, hat auch das Hebräische im Gegensatz zu allen anderen Sprachen eine einmalige, nicht nach den üblichen Analogien sprachlichen Werdens zu erklärende Entwicklung genommen. Gegen solche Behauptung wird von manchen, vielleicht von vielen deutschen Juden der Einwand erhoben werden, daß sie sich ihrer Zugehörigkeit zum Judentum wohl bewußt seien und sie freudig bekennen, daß sie aber von dem Hebräischen gar nichts oder so gut wie gar nichts verständen und daher auch nicht anerkennen könnten, daß eine tief innerliche Wechselwirkung zwischen dem Judentum und dem Hebräischen auch noch heute vorhanden sei. Dieser scheinbar richtige Einwand bringt schon in einer das Resultat der Betrachtung in mancher Hinsicht vorwegnehmenden Weise die ganz besondere Eigenart und Anomalie des Hebräischen zum Ausdruck. Während jedes Glied eines Volkes sonst, ohne zu wählen, zwangsläufig mit der Sprache «eines Volkes verbunden ist, ist der Jude mit dem Hebräischen nur soweit verknüpft, wie er mit dem Judentum und dessen geistigen Gütern verknüpft ist oder sich verknüpft fühlt. Der Jude wird in das Hebräische nicht von Natur aus hineingeboren, seine Beziehung zum Hebräischen ist vielmehr eine freiwillige, von ihm gewählte und je nach seinem Willen mehr oder weniger vertiefte. So ist es heute, und so ist es schon seit mehr als V/k Jahrtausenden, seitdem das Hebräische als Sprache — zusammen mit dem Judentum, dessen Ausdruck es ist — aufgehört hat, nach Art der anderen Sprachen und Völker ein Leben zu führen, in dem Geist und Körper einander in normaler Wechselwirkung ergänzen. Ein geregeltes und organisches Wachstum war der hebräischen Sprache nur am Anfang ihrer uns bekannten Entwicklung vergönnt, in der Urzeit Tagen, da sie die Bene" Jisrael von ihrer Volkwerdung am Sinai ins Land Kanaan begleitete, dort in den großen Tagen eines SauL David und Salomo mit dem Volke wuchs, dann den Zwist zwischen Nord und Süd und endlich die Unterwerfung und Gefangenführung nach Babylonien miterfuhr. Die Sprache der 24 Bücher der Bibel ist in diesem natürlichen, aus den Urkräften des Volkes entstandenen und gewachsenen Hebräisch geschrieben. Was uns in ihr erhalten ist, sind zumeist gesetzliche, historische, prophetische und poetische Werke, d. h. Literaturdenkmäler in hoher, dem Alltag etwas entrückter Sprache. Sicherlich ist es das Größte, was der Genius des jüdischen Volkes hervorgebracht hat, aber eben doch nur ein Ausschnitt des Lebens der damaligen Zeit. Die Sprache des Alltags mit ihrem gröberen Wortschatz und ihrer härteren Fügung ist uns nicht überliefert. Die Mannigfaltigkeit der derberen Sprache des hebräischen Bauern, die Mundarten an den entrückteren Stellen, besonders des nördlichen Palästina, können wir aus einigen Andeutungen und wissenschaftlichen Schlüssen ahnen, unmittelbar ist uns darüber so gut wie nichts überliefert. Dazu kommt, daß das, was dieser eine Band der Bibel in sich schließt, gleich ob man ihn mit den Augen des Kritikers oder mit denen des Ueberlieferungsgläubigen betrachtet, die Literatur eines Jahrtausends ist. Wenn es erlaubt ist, an einem banalen Gleichnis unsere verhältnismäßig geringe Kenntnis von der althebräischen Sprache zu verdeutlichen, so ist es ungefähr so, als ,wenn uns von der gesamten deutschen Sprache vieler Jahrhunderte, der lebendigen Sprache des Volkes und der der Schriftsteller, des Bauern und des Städters, der Niederen und der Hohen nur literarisch fixierte Auszüge aus den Arbeiten der erlesensten Geister erhalten wären, die alles in allem nur den Umfang eines oder zweier Hefte einer bedeutenderen Monatsschrift füllten. Wie schwer, ja wie unmöglich wäre es, aus diesem äußerlich beschränkten literarischen Niederschlag eine Vorstellung und Kenntnis von der ungeheuren Fülle dessen, was sich in der lebendigen deutschen Sprache birgt, zu erhalten. Nicht nur, weil die Bibel die Norm für das Leben der Juden durch die Jahrhunderte geworden ist, ist es gerechtfertigt, die Juden das Volk des Buches zu nennen, sondern auch deswegen, weil sie darauf angewiesen waren, auf dieser verhältnismäßig schmalen Grundlage des nur buchmäßig überlieferten Hebräischen ihre Sprache weiter auszubauen. Mit dem babylonischen Exil und dem damals einsetzenden Verstricktsein der Juden in die Sprachen und Völker beginnt auch die eigenartige Entwicklung des Hebräischen. Schon als die Juden aus dem Exil mit Erlaubnis der unterdessen zur Herrschaft gelangten Perser zurückkehrten und Esra und Nehemia um 450 der vorchristlichen Zeitrechnung ihnen das Gemeinwesen von außen und innen bauten, war es mit der Alleinherrschaft des Hebräischen zu Ende; in der Zwischenzeit hatte sich das Aramäische in noch stärkerem Maße als zuvor in Palästina und unter den Juden verbreitet. Die Aramäer waren ursprünglich wie die Juden von Süden her eingewandert, hatten einige selbständige Staaten nördlich von Palästina gegründet, waren dann aber, ebenso wie die Juden, in politische Abhängigkeit geraten; ihre Sprache aber trat einen Siegeszug über den ganzen Vorderen Orient an und wurde für ungefähr ein Jahrtausend die internationale Verkehrssprache, die Sprache der Politiker und Gebildeten von Aegypten bis Persien- Auch die Juden, besonders die in den Städten wohnenden und die schriftstellerisch tätigen, wurden von der aramäischen Sprachwelle scharf erfaßt. Die nach Elephantine in Oberägypten ausgewanderten Juden schrieben schon im 5. Jahrhundert ein flüssiges Aramäisch, und das ungefähr im 2. Jahrhundert entstandene Buch Daniel beweist, daß die Juden jener Zeiten zum mindesten zweisprachig waren und daß das Hebräische nur noch neben dem Aramäischen die Sprache des Volkes war. Die Sprache des Volkes war es aber geblieben, auch noch in der Zeit, als die in der Bibel vereinigten Bücher hohen Stils zu einer Einheit zusammengefaßt und als kanonisiert anerkannt waren. Das hebräische Wort für Dinge und Begriffe, auch soweit es nicht in der Bibel schriftlich fixiert war, schlummerte damals noch im Volke und war der unerschöpfliche Ausdruck des das Land und seine Menschen durchflutenden Lebens. Die in der Zeit von ungefähr 200 vor bis 200 nach der christlichen Zeitrechnung entstandenen Apokryphen waren zum Teil in reinstem Hebräisch geschrieben, die erklärenden Midraschim zur Bibel, die als Volksliteratur angesehen werden können, sind gleichfalls hebräisch verfaßt; vor allen Dingen aber ist die um 200 nach unserer Zeitrechnung kodifizierte Mischna in einem Hebräisch geschrieben, das deutlich zeigt, daß zu jener Zeit das Hebräische nicht etwa bloß noch als Schriftsprache und als Sprache der Gesetzesgelehrten lebendig war, sondern noch aus dem vollen Leben des Volkes seine Nahrung zog. Im Gegensatz zu den meisten Büchern der Bibel, die in hoher, wohlgesetzter Sprache literarisch fixiert sind, ist die