Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 6 (2.1934)
- Date
- 1934-02-01
- Page
- Seite 229 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 229 war, der für den Sinn der Offenbarung aufgeschlossen war und sie darum annahm. Und Ausdruck der Gewißheit, daß wenn immer jener Sinn vergessen wird, die Welt außerhalb des Chaos bleibt, solange Israel wenigstens an der Offenbarung festhält und sie nicht preisgibt. Ungeheure Verantwortung, die damit auf Israel gelegt ist! Welcher heroische Entschluß, sie zu tragen! Aber hängt es denn von Israel ab, hing es von ihm ab, ob es den Auftrag übernehmen will, ob es der Sendung gehorchen will? Eine andere Aggadah von der Offenbarung am Sinai scheint dem zu widersprechen: (Sabbath 88a) „Es sagte Raw Awdimi bar Chama bar Chassa: Gott stülpte über Israel den Berg gleich einem Kessel und sprach zu ihm: nehmt ihr die Thora an, gut, weigert ihr euch — dann ist hier sofort euer Grab." Ein merkwürdiges Wort. Zunächst sträubt man sich gegen solch einen Ausspruch. Wo ist der freie Wille? Wo bleibt hier Israels Verdienst um die Ausbreitung des Gotteswortes? Vielleicht ist das im tiefsten der Sinn und die Absicht dieses Midraschs. In Wahrheit, es gibt kein Verdienst Israels, wie irgend eines Volkes, irgend eines Menschen. Allesamt sind wir von Gott Geführte; wohl dem, der um diese Führung weiß und willig und freudig sich ihr anvertraut, nicht erst zu ihr gezwungen werden muß. Mensch oder Volk, ein jedes wird von Gott geführt und dahin geleitet, wohin Gott es setzen will, wo er ihm seine Arbeit zuweist, und es hat keine Wahl, denn in dieser Sendung ruht sein Sein; fügt es sich nicht, verliert es Sinn und Recht seines Seins. Wo aber bleibt die Freiheit des Willens? Unlösbares Rätsel der menschlichen Existenz. Der Rabbi, der jenen Ausspruch tat, überließ das Sinnen darüber den Philosophen. Und er selbst begnügte sich damit, zu sagen, daß Sendung und Aufgabe immer ein Muß ist, daß sie wie ein Zwang zn den Menschen kommen, dem man nicht entrinnen kann, es sei denn, man gebe sein Leben verloren. Wenn der Einzelne in Israel sich dieser Sendung entziehen will, er meint, er könne wollen, und doch bleibt er der Sendung verhaftet und wird in sie hineingezwungen. Gemeinschaft, das ist der letzte Sinn dieses Midraschs, ist nicht, wie ein Jahrhundert dachte, nur vom Willen des Einzelnen abhängig. Gemeinschaft ist ein Zwingendes, das den Einzelnen packt und ihn hineinreißt in Zusammenhänge, die Herr über ihn sind, denen er sich nicht entwinden kann. Gemeinschaft ist nicht eine Sammlung von Atomen, die zueinander streben, sondern ein Vorhandenes, Geschaffenes, Geschicktes, zu dem man gehört, in dem der Grundstock des Lebens ist und ohne das man dem Tod und der Vernichtung anheimgegeben ist. Wie aber soll man denn die Kraft haben, um das Recht der Gemeinschaft zu wissen, wie die Kraft haben, der Sendung sich anzugeloben und die ungeheure Verantwortung zu tragen? Hat denn jeder die Kraft dazu? Sie ist das Gewaltigste, erfordert ein tiefes Wissen um die Untergründe und Hintergründe allen menschlichen Seins, des persönlichen und des gemeinschaftlichen, hat jedermann dazu die Kraft, kann man sie jedem zutrauen? Antwort darauf gibt wiederum ein Midraschwort: „Komm und erkenne, wie Gottes Stimme sich erging. Sie kam zu jedem in Israel nach dem Maße seiner Kraft, zu den Alten nach ihrer Kraft, zu den Jungen nach ihrem Vermögen, zu den Kindern nach ihren Möglichkeiten, zu den Frauen nach der Art ihrer Kräfte, und zu Mose auch entsprechend seiner Kraft." (Schemoth rabbah V, 9) Wir haben hier den Ausdruck des gläubigen Vertrauens, daß Gott niemand über seine Kraft zumutet, niemand mehr Last der Verantwortung um die Welt auflädt, als er tragen kann, daß niemand von der Sendung erdrückt wird. Die ewige Wahrheit ist hier kundgetan, daß zwar "niemand die Fülle des Ganzen zu ergründen vermag, niemand alle Seiten der göttlichen Mitteilung zu erfassen imstande ist, daß es aber jedermann gegeben und jedermann möglich ist, einen Teil des Ganzen zu ergründen, daß jedermann das erfassen kann, was gerade zu ihm spricht, und daß etwas zu jedermann dringt. Und niemand trägt das Ganze der, sonst untragbaren, Verantwortung, jeder Was nottut Wir werden aus Kreisen unserer Gemeindemitglieder auf die nachstehend auszugsweise wiedergegebene Entschließung des 12. Delegiertentages des Jüdischen Frauenbundes hingewiesen, die uns außerordentlich beachtenswert erscheint. „Es sind ans verschiedenen Orten Mitteilungen an uns ergangen, dass jüdische Organisationen und Vereine Festlichkeiten veranstaltet haben und auch öffentliches Erscheinen beobachtet wird, wie es in starkem Gegensatz zu dem Sinne unserer Zeit und der Schwere unseres jüdischen Erlebens steht. Die in der 12. Delegierten-Versammlung des Jüdischen Frauenbundes in Berlin versammelten Frauen wollen hierdurch in grossem Emst zum Ausdruck bringen, dass sich weite Kreise durch solches Verhalten verletzt fühlen. Wirtschaftlicher Vorteil irgend einer jüdischen Stelle ist keine Entschuldigung für die Förderung von Unternehmungen, die aus Gründen der Selbstachtung besser unterblieben. Wir bitten auch die jüdische Jugend und vor allem ihre Führer, für ihre Fröhlichkeit massvolle und verinnerlichte Formen zu suchen". trägt nur seinen Teil, den Teil, den er aus seiner Fassungskraft versteht. Und dieses Teilchen, das zu einem dringt, um das er sich müht, ist für ihn dem Ganzen gleich; es ist, als ob er damit Träger des Ganzen geworden wäre, so wie am Sinai auch jeder nur den Teil erfaßte, der ihm gemäß war, und doch damit Träger des Ganzen wurde. Wo aber hört man die Stimme des sich offenbarenden Gottes? Von woher ertönt sie? Wo muß man sein, um sie am deutlichsten zu vernehmen? Wiederum antwortet darauf ein Midrasch. (Schemoth rabbah V, 9) „Als der Heilige, gelobt sei er, am Sinai die Thora gab, tat er mit seiner Stimme Israel Wunder über Wunder kund. Wie das? Der Heilige, gelobt sei er, sprach, und die Stimme fuhr aus und fuhr durch die ganze Welt, und Israel hörte die Stimme von überall her. Sie kam zu ihm von Süden her, alles lief dorthin, um die Stimme aufzunehmen, da sprang sie um, und es war, als käme sie von Norden. Alles lief dorthin, da war die Stimme im Osten. Man lief nach Osten, und wieder veränderte die Stimme ihre Richtung und kam nun von Westen. Man drängte sich zum Westen, da sprang die Stimme um, und sie erklang vom Himmel her. Alles schaute zum Himmel auf, wieder erfuhr die Stimme eine andere Richtung, und nun kam sie von der Erde her. Da sprachen die Israeliten einer zum andern: die Weisheit, von woher findet man sie? und wo ist der Ort der Einsicht (Hiob 2812)?" Kann man es plastischer, kindlicher und zugleich tiefer aussprechen, daß Gottes Stimme von überall her zu uns tönt, daß der Mensch nicht hierhin und dorthin zu laufen braucht, sie besser zu hören, daß sie ihn an jeglichem Ort anspricht? Die ganze Welt der Schauplatz der Offenbarung, kein Fleckchen, das nicht von ihr durchhallt ist, überall ertönt vernehmlich ihr Laut, zu jedermann vermag er zu dringen, „voll ist die ganze Erde Seiner Erscheinung".