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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-02-01 · 6 (2.1934) · p. Seite 228

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
6 (2.1934)
Date
1934-02-01
Page
Seite 228 (sequence 2)
Language
German
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Seite 228 Schanze schlägt, stählen sich die Geister und Herzen nachfolgender Geschlechter. Es gab eine größere Gefahr für die Judenheit Persiens als Hamans Mordbefehl — es war der allmähliche unrühmliche Untergang durch eigene Schuld. Es war jenes Untergehen, das ein Aufgehen ist in die Welt des gesicherten Besitzes und der sorglosen Behaglichkeit, der bürgerlichen Geborgenheit und des satten Glückes. Aus dieser Gefahr, die um so gefährlicher als sie kaum merkbar ist, hat die Juden der Mann gerettet, der sie verderben wollte, gewiß nicht nach seinem Willen gerettet, aber nach dem Willen eines Höheren, dem auch ein mächtiger Perserkönig und sein Günstling sich beugen mußten. Der Name Gottes wird im Esterbuch nirgends ausdrücklich genannt, ja bisweilen absichtlich vermieden, aber überall spüren wir das göttliche Walten. Es hat den Plan Hamans nicht erst vereitelt, da es die Bedrohten vom Tode rettete, sondern — was seine Weisheit als Göttlich bezeugt — da es ihn statt zum Unglück für sie zum Heile werden ließ. Wieder und wieder ist es so unserem Volke begegnet. Schon die Brüder, die Joseph nach Aegypten' verkauften, um seine stolzen Träume zunichte zu;nachen, müssen, da sie beschämt vor dem Herrn Aegyptens stehn, aus seinem Munde die Wahrheit erfahren: „Ihr zwar gedachtet mir Böses zu tun, Gott aber hat es zum Guten gedacht." Und jener Nachfolger auf Pharaos Thron, der den Joseph nicht kannte, und dessen späte Enkel zu unterdrücken kein Mittel scheute, hat wider Willen — durch seine eigene Tochter — die Rettung des Retters bewirkt, der sein Volk aus dem Hause der Sklaven herausführen sollte. Freilich, es war ein „hartnäckiges Volk", wie die Thora selber wiederholt es nennt. Wenn der erste und größte seiner Propheten darüber klagt, daß es „ausschlägt, sobald es feist wird", so muß noch einer der Größten späterer Zeit, muß Jeremia Gott sprechen lassen: „Ich sandte euch alle meine Knechte, die Propheten, früh an jedem Morgen habe ich sie gesandt, ihr aber hörtet nicht und neigtet nicht einmal euer Ohr. Sie sprachen: Kehret um, ein jeder von seinem bösen Wege . . . geht nicht fremden Göttern nach, ihnen zu dienen und euch vor ihnen zu bücken ... ihr aber hörtet nicht auf mich." Es mußte erst die Zuchtrute Gottes auf seinem Rücken spüren, bald hieß sie Aegypten, bald Philister, Assyrien oder Babylonien, Jawan oder Rom, ehe es umkehrte — was 48 Propheten und 7 Prophetinnen nicht zuwege gebracht, das brachte eine Stunde zuwege, die Stunde, da Ahasveros dem Haman seinen Ring übergab, um den Untergang der Juden zu besiegeln. Pur im, das Fest übersprudelnder Freude, Avir deutschen Juden begehen es diesmal in ernster Sammlung. Die Zeiten sorglosen Dahinlebens sind für uns schon lange vorüber. Schwere Sorge um unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder bedrückt uns. Es geht nicht bloß um Geld und Gut, es geht um unsere nackte Existenz. Das alte Tudenschicksal steht so wieder vor unserer Gemeinschaft. Aber was ist denn dieses Schicksal? Ist es nur das, was wir ohnmächtig duldend über uns ergehen lassen müssen, oder ist es nicht auch (und noch viel mehr) das, was wir tätig tapfer daraus t'ür uns gestalten? Ist die Gefahr für unsern Bestand, die uns von außen droht, größer als die innere, in der wir seit vier oder fünf Generationen, seit dem Beginn unserer bürgerlichen, geistigen und religiösen „Emanzipation" gestanden haben? Wir haben unsere besondere Bestimmung, Gottes Volk zu sein, vergessen, verwischt und verleugnet und haben, wie alle Welt, den Götzen des Tages geopfert. Alle Reden der Propheten, die wir jeden Sabbat und Feiertag in unseren Gotteshäusern hätten hören können, alle Mahnungen und Warnungen der Sehenden unseres Geschlechtes haben nichts gefruchtet. Es bedurfte erst eines harten Judengesetzes, um uns aus Traum, Taumel und Trug zu besserer Einsicht zu führen. Schon schließen wir uns über alle Unterschiede der Parteien und Richtungen hinweg, wieder enger zu einer Gemeinschaft zusammen, schon drängen sich Lernbegierige zu unsern Lehrhäusern, schon füllen sich an Sabbaten unsere Synagogen wieder mit Betern, schon fragen Eltern wieder, wie sie in einem jahrtausendealten religiösen Erbe ihren Kindern Halt, Stolz und Freude an ihrem Judentum auf ihren Weg, sei's durch die Heimat, sei's durch die Fremde, mitgeben können. Wieviel berechtigte Trauer und Klage sich auch in diese schwer erkaufte Wandlung mischt, die Wandlung selbst schon ist die Wendung unseres Schicksals zum Guten. So erfahren wir an diesem Purim, dem Fest der Lose, das zwiefache Los, das in der Gefahr als Retterin vor größerer Gefahr liegt, und erleben tiefer noch als ehedem, was von den geretteten Ahnen in Persien erzählt wird: „Den Juden ward Licht und Freude und Ehra." Das Schriftwort Die Offenbarung Von Max Dienemann Alles jüdische Leben zirkelt um die Offenbarung. Ihren Sinn zu ergründen, ihr Wort einzubauen in das Leben, dem Wort Gestaltung zu geben in Tat und Erfüllung, das ist durch alle Geschlechter jüdischen Seins die Arbeit der Führer und die Arbeit und Kraft der Massen, die um ihre Sendung wissen woiien und in ihrem Sondersein Ziel und Inhalt zu finden sich mühen. Immer wieder aber lockt der Vorgang der Offenbarung selbst die Phantasie, so stark auch das Denken vom Inhalt der Offenbarung angezogen wird. Man weiß im tiefsten, daß dieser Vorgang sich mit den den Sinnen angepaßten Mitteln der Sprache nicht darstellen, geschweige denn erschöpfen läßt, daß das Wort hier ohnmächtig bleibt, ja, daß es eigentlich gar nicht statthaft ist, die Offenbarung Gottes mit den Mitteln menschlicher Ausdrucksweise sich begreiflich zu machen; und doch lockt und lockt es, sich auszumalen, wie Gott sich offenbart hat, w i e er Israel erwählt, wie und was er zu ihm sprach, ehe die große Verkündigung anhub. Die Aggadah ist voll von solchen Versuchen,, das Unbegreifliche in Begreifliches zu wandeln, das Unaussprechbare auszusprechen. Wenn man ihre Stimmen liest, muß man wissen, daß es den Sprechern selbst bewußt war, wie wenig wörtlich man das Wort nehmen darf, daß sie selbst das Wort nur prägten, um seinem Sinn Ausdruck zu verleihen, daß es ihnen darauf ankam, aus diesem Sinn Verständnis für die Einzigartigkeit und das Zwingende der Offenbarung am Sinai zu wecken. „Es sagte Rabbi Simon ben Lakisch: eine Vertragsbedingung bedang der Heilige, gelobt sei er, sich mit seinem Schöpfungswerk aus, er sprach zu ihm: wenn Israel die Thora annehmen \vird; dann wirst auch du Bestand haben; wenn nicht, so stürze ich die Welt ins Chaos zurück." (Sabbath 88a) In der naiven Sprache des Midrasch wird hier ein Gedanke von gewaltiger Wucht in das Denken des Lesers oder Hörers eingepflanzt, der Gedanke von der unauflöslichen Verbindung der Welt in ihrem Natur haften, in ihrem Geschaffensein, ihrer Geschöpflichkeit mit der vom Menschen her zu lösenden Aufgabe der Verwirklichung einer sittlichen Welt. Mehr noch als nur Verbindung, die Abhängigkeit des Naturhaften vom Sittlichen, die Zweitrangigkeit des Biologischen gegenüber der Erstrangigkeit des Geistigen und Sittlichen kommt hier zu klassischem Ausdruck. Um mit Worten heutiger theologischer Diskussion zu reden, die Schöpfungsordnungen werden nicht als letztes Wort der göttlichen Schöpfung hingestellt, als absolut in ihrem Wert; sie werden dem sittlichen Gedanken, der sittlichen Zielsetzung der Thora unterstellt. Die Welt ist geschaffen um der Verwirklichung der über das Biologische hinausgehenden sittlichen Aufgaben willen, und sie hat nur um derentwillen und von ihnen her ein Daseinsrecht. Israel selbst fällt in diesem Aggadahwort die Rolle eines ersten Empfängers zu, mehr aber auch nicht. Feststellung der geschichtlichen Tatsache, daß Israel in der Welt jener Tage der Einzige

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