Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 5 (1.1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 214 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 214 nommen, den Zerklüftung^- und Isolierungstendenzen entgegenzuarbeiten. Solche gelegentlichen Tagungen haben eine gewisse Wirkung auf die Bildung eines Gemeinschaftsgefühls unter der jüdischen Jugend^ in England, sie stärken die Erkenntnis, daß das Gesamtinteresse der jüdischen Gemeinschaft über die Sonderinteressen ihrer vielen Teile geht, und betonen die Notwendigkeit des Verständnisses und der gegenseitigen Achtung zwischen Juden verschiedener Richtung. Dennoch bedürfen diese vereinzelten Versuche, eine engere Fühlung herzustellen, der Ergänzung durch größere, beständigere Arbeit auf dieses. Ziel hin. Eine Anzahl von Jugendbünden "widmet sich hauptsächlich sozialer Arbeit unter Juden. Zahlreiche jüdische Knaben- und Mädchenklubs beschaffen Erholungs- und Unterhaltungsmöglichkeiten in freundlicher Umgebung für die Tausende der in den vollgepferchten und unsauberen Gegenden großer englischer Städte lebenden jüdischen Knaben und Mädchen. Viele von diesen Klubs verbinden mit ihrer sozialen Tätigkeit Erziehungsarbeit und alle bemühen sich, das Gefühl der Verpflichtung für Judentum und jüdische Gemeinschaft zu pflegen. Meistens wird die eigentliche Organisation und Ueberwachung solcher Klubs von den jungen Leuten unter der Leitung eines Klubsekretärs von Beruf durchgeführt. Die Jüdische Burschen-Brigade (Jewish Lads Brigade) arbeitet hauptsächlich unter diesem Teil der jüdischen Jugend und sucht das Heranwachsen einer disziplinierten und gesunden jungen jüdischen Generation mit einem ausgeprägten Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft zu sichern. Ein großer Teil der jüdischen Jugend findet noch seine hauptsächlichsten jüdischen Berührungspunkte in den an Synagogen angeschlossenen Jugendvereinen. Fast jede Synagoge hat eine Literaturgeseilschaft, in der junge Menschen zur Diskussion, zum Studium oder zu gesellschaftlichen Vergnügungen zusammen kommen. Diese Gesellschaften veranstalten besonders häufig Aufführungen zu Wohltätigkeitszwecken. Die meisten von ihnen bestellen ganz unabhängig' und isoliert, ohne Anschluß an irgendeine umfassende Organisation. Da ich mich selbst hauptsächlich mit den Jugendorganisationen einer besonderen Synagoge befasse — der Liberal Jewish Synagogue of London —, die der Berliner Reformgemeinde am nächsten steht, mag mir vielleicht gestattet sein, mit drei Beispielen sicher ungewöhn-. lieber und vielleicht ganz neuartiger Versuche zu schließen. Im Herbst 1932 begründeten einige junge Leute dieser Synagoge einen Erwerbslosenklub. Der Klub kümmerte sich nicht um die Religionszugehörigkeit (zufällig waren in dieser Gegend verhältnismäßig wenige Juden arbeitslos) und wurde deshalb ins Leben gerufen, weil die jungen Menschen den Wunsch fühlten, gerade als Juden etwas Konkretes zur Verbesserung der schweren Lage der Erwerbslosen zu unternehmen. Ein Raum des Synagogengebäudes wurde als Gesellschafts- und Lesezimmer eingerichtet, Spiele (Schach, Dame usw.) besorgt und Tageszeitungen sowie Bücher angeschafft. In der Kantine konnten die Leute gegen geringes Entgelt ein Mittagessen bekommen. Als der Klub wuchs und über 200 erwerbslose Mitglieder zählte, wurde mit begeisterter Unterstützung der Leute eine Sportklasse eingerichtet. Man eröffnete eine Schuhmacherei und unterwies die Leute, ihre eigenen Schuhreparaturen auszuführen. Allmählich erfolgte.die Einführung einer Selbstverwaltung. Die Leute wählten ein eigenes Komitee und beteiligten sich an den Geschäften des Klubs unter der Leitung einer bezahlten Kraft. Man begann, sich handwerklich zu betätigen (z. B Matten- und Vorlegerfabrikation) und richtete einen Erste-Hilfe-Kursus ein. Der Wert dieses Klubs wurde von den zuständigen Behörden auf das wärmste anerkannt, und andere, später gegründete Erwerbslosenklubs dieser Gegend nahmen sich ihn zum Vorbild. Im zweiten Falle versuchten diese jungen Menschen, eine unmittelbare Beziehung zwischen Synagoge und Förderung der Kunst herzustellen. Sie veranstalteten eine Ausstellung von Gemälden, Skulpturen und kunstgewerblichen Arbeiten von Mitgliedern unserer Synagoge, unter denen sich eine beträchtliche Anzahl von Künstlern befindet. Die etwa 300 Gegenstände enthaltende Ausstellung war eine Woche lang geöffnet und hatte etwa 600 Besucher. Sie erfreute sich der Aufmerksamkeit vieler Zeitungen und Zeitschriften und verschaffte so einer Anzahl von hoffnungsvollen jungen Künstlern ihre erste öffentliche Anerkennung. Das dritte Beispiel ist ein Versuch der Jugend, einen angemessenen Ausdruck ihres religiösen Glaubens zu finden. Eine Gruppe dieser jungen Juden veranstaltete für sich eine Reihe von besonderen Gottesdiensten. Dieser strebte vor allem nach unmittelbarer gedanklicher und gefühlsmäßiger Erfassung des religiösen Aspektes eines für den jeweiligen Gottesdienst ausgewählten Gegenstandes. Einzelne Gottesdienste waren beispielsweise um Themen wie: .,Die Idee der Andacht", „Ueber das Jude-Sein", „Ueber die Erreichung von Idealen", „Ueber die Probleme des Uebels" angelegt, und dazu passende Stellen jüdischer wie nicht-jüdischer Dichtung und Prosa wurden nach einer etwa fünf Minuten langen erklärenden Einleitung gelesen. Die jüdischen Autoren entnommenen Stellen wollten besonders die Entwicklung des jüdischen Gedankens mit Bezug auf das jeweilige Thema durch die ganze jüdische Geschichte zeigen und nicht allein den gegenwärtigen jüdischen Glauben, sondern auch eine mögliche weitere Entwicklung aufweisen. Die Stellen aus nichtjüdischen Autoren sollten den Beitrag der Juden zu dem Gedankengut der Welt betonen und zeigen, wie das Judentum durch die Aufnahme von mit seinen Grundvorstellungen verträglichen, wenn auch ihrem Ursprung nach nichtjüdischen Ideen noch bereichert werde könnte. Das Judentum wurde daher in diesen Gottesdiensten mit dem Denken und Leben der uns umgebenden und so tief beeinflussenden Welt in Beziehung gesetzt. Die Musik dieser Gottesdienste (teils Vokal-, teils Streichquartett) war mehr nach ihrem besonderen musikalischen Wert als nach traditionellen Beziehungspunkten ausgewählt. Daher kam neben der wegen ihrer Assoziationen wertvollen traditionellen jüdischen Synagogenmusik auch erhebende weltliche Musik zu ihrem Recht. Der Schlußgottesdienst des ersten Jahres mit dem Thema: „Religion und Natur" wurde unter freiem Himmel in einem privaten Garten abgehalten. Es ist natürlich in einem kurzen Aufsatz unmöglich, die verschiedenartigen Tätigkeiten einer gesamten jüdischen Jugend angemessen wiederzugeben. Ich habe lediglich versucht, einige der wichtigsten Merkmale der jüdischen Jugendorganisationen Englands herauszugreifen und eigenartige Züge ihrer Arbeit mit Beispielen zu belegen. Die jüdische Jugend in Bulgarien Spricht man von der jüdischen Jugend Bulgariens, spricht man überhaupt vom Judentum in diesem Lande, so ist es erforderlich, auf die Kämpfe der Bulgaren gegen die geistige Beherrschung durch die Griechen und die politische Beherrschung durch die Türken hinzuweisen. Das fünfhundertjährige türkische Joch hat das Nationalbewußtsein der Bulgaren ebensowenig zu zerstören vermocht, wie die dauernden Versuche der Griechen, das geistige Antlitz der Bulgaren zu bestimmen. Ein Teil der im Jahre 1492 aus Spanien vertriebenen Juden ist sofort oder nach vorübergehender Niederlassung in den südeuropäischen Ländern (z. B. Italien) nach Bulgarien gewandert und hat dort Aufnahme gefunden. Diese Juden haben den bulgarischen Freiheitskampf miterlebt. Neben dem konservativen Geist des Judentums hat das lebendige Beispiel des Widerstandes der Bulgaren auch den Widerstand der Juden gegen die Auflösung und Zerstörung ihrer nationalen Eigenart (Assimilation) verstärkt. Bis zum heutigen Tage hat der bulgarische Jude seine Sitten und Gebräuche in denen er in Spanien lebte, bewahrt. Bis zum heutigen Tage spricht der bulgarische Jude eine von dem klassischen Spanisch sich nur wenig unterscheidende Mundart (spaniolisch). Es ist daher kein Wunder, daß ein solcher Typus sich der durch den Zionismus hervorgerufenen nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes sehr zugänglich gezeigt hat. Mit Sicherheit kann man sagen, daß der weitaus größte Teil der bulgarischen Juden nationaljüdisch eingestellt ist. Dies zeigt sich zum Beispiel in der Schulfrage. Neben den allgemeinen bulgarischen Schulen gibt es jüdische Schulen — nur Volksschulen oder Volksschulen und Progymnasien— in denen neben den allgemeinen Fächern hebräische Sprache, jüdische Geschichte und Palästinakunde gelehrt wird. Die Unterrichtssprache ist bei den allgemeinen Fächern bulgarisch und bei den jüdischen hebräisch. Fast ausnahmslos schicken die Eltern — die jüdischen Familien wohnen in der Regel in der gleichen Stadtgegend — ihre Kinder in die jüdische Schule. Obwohl sie treue und gute Bulgaren sind, wollen sie doch ihren Kindern eine jüdisch-nationale Erziehung geben: Die jüdischen Lehrer fühlen sich aus eigener Ueberzeugung und zugleich dem Wunsche der Eltern Rechnung tragend verpflichtet, hebräische Sprache und Kultur unter der Jugend zu verbreiten. Sie sind