Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 5 (1.1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 213 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Nr. 5 JANUAR i93A Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an dpn Schriftleiter der Beilage Georg Guthmann. Bettinastr. 41 zu richten JÜDISCHE JUGEND IN ANDEREN LÄNDERN Die jüdische Jugend in der Welt ist Trägerin der jüdischen Zukunft. Ihre Ziele und Wege, ihr Wollen und Fühlen zu erkennen, ist für den jungen Juden, der seine Gemeinschaft liebt, ein geistiges und seelisches Bedürfnis^ Dieser Erkenntnis dient die heutige Beilage. Sie vermittelt kein vollständiges Bild über die gesamte jüdische Jugend. Sie greift zunächst 3 Länder heraus: England als Beispiel Jür den Westen. Bulgarien als Beispiel für den spaniolischen Osten. Palästina als Symbol neuen jüdischen Lebens auf alter Erde. Andere jüdiSdie Zentren (Polen, Amerika usw.) sollen in einem der nächsten Hefte in gleichem Sinn behandelt werden- Die Schriftleitung Die jüdische Jugendbewegung in England Von L e s 1 i e I. E d g a r, M. A. (Rabbinatsassistent der Liberal Jewish Synagogue, London) Es gibt in England keinen einzelnen überragenden Verband, der den Anspruch erheben könnte, die Mehrzahl der organisierten jüdischen Jugend zu umfassen oder die Ansichten der gesamten jüdischen Jugend Englands zu vertreten. Während man in England unzählige Organisationen hat, durch die jüdische Jugend ein Betätigungsfeld finden, jüdischen Interessen nachgehen und Meinungen über jüdische Dinge ausdrücken kann, sind diese zahlreichen Organisationen keiner umfassenden Körperschaft untergeordnet. Eine Zusammenarbeit besteht nur zwischen Vereinigungen, die die gleichen Ziele verfolgen und die denselben Sonderinteressen dienen. So werden beispielsweise die vielen jungzionistischen Vereine im ganzen Lande durch eine einzige Jungzionistische Organisation zusammengefaßt. Diese zentrale Körperschaft ordnet die Arbeit der Ortsgruppen, stellt durch Tagungen die vorherrschenden Meinungen der jungen Zionisten fest und sorgt für die Aufstellung von ausgeglichenen Plänen zum Studium der zionistischen Lehre und zur Förderung der zionistischen Sache: — Ein ähnliches Zusammenwirken besteht zwischen den „Jung Israel"-Vereinen mit dem Ziel, junge jüdische Menschen zur Beschäftigung mit dem Judentum in seiner orthodoxen Form, zur Aufrechterhaltung orthodoxen Lebens und zu allgemein gesellschaftlicher und geistiger Arbeit zu bringen. — Der Jüdische Universitätsverband ist ein anderes Beispiel solcher Vereinigungen. Er ordnet die Arbeit der jüdischen Studentenverbindungen und sorgt durch seine „Jährliche Sommerschule" für eine gemeinsame Plattform. Diese Schule wird jedes Jahr in einem anderen Erholungsort abgehalten, wobei jüdische Studenten zusammenkommen, um Vorträge bedeutender Persönlichkeiten über Gegenstände jüdischen Interesses zu hören und einen Ueberblick über die Arbeit der einzelnen Verbindungen zu gewinnen. Natürlich muß, da die Lebensbedingungen bei den Universitäten mit und ohne Internatserziehung erheblich voneinander abweichen, jeder einzelnen Verbindung ein großes Maß von Unabhängigkeit zugestanden werden. An den Universitäten ohne Internatserziehung wie London oder Manchester, wo bereits eine große jüdische Bevölkerung vorhanden Und daher für allgemein jüdische Einrichtungen hinreichend gesorgt ist, hat man besondere jüdische Studentenverbindungen, die ihre Tätigkeit normalerweise auf Studiengruppen, Aussprachen und gesellschaftliche Veranstaltungen beschränken. Darüber hinaus haben die Verbindungen an den größeren Universitäten mit Internatserziehung, wie Oxford und Cambridge, auch die Verantwortung für den Bestand einer Synagoge und die Ermöglichung von regelmäßigem Gottesdienst übernommen. Es gäbe noch weitere Beispiele solcher für England meist üblichen zusammenfassenden jüdischen Jugendarbeit, bei der eine Anzahl von Vereinen dieselben Ziele hat und den gleichen Bedürfnissen Rechnung trägt. Der Vorzug solcher Zusammenarbeit besteht in dem Gefühl jeder angeschlossenen Gruppe, ein bestimmtes, klar umrissenes Ziel zu haben. Ferner können die Mitglieder eines Verbandes auf Grund ihrer gemeinsamen Interessen mit einem größeren Maß von Entgegenkommen bei gemeinsamen Beratungen und organisatorischer Arbeit rechnen. Der Nachteil dieser Form von Jugendarbeit ist darin zu erblicken, daß sie eine gewisse Enge des Horizontes und Beschränktheit in den Interessen begünstigt. Die so organisierten jungen Menschen neigen dazu, in dem einen besonderen, von ihrem Verein gepflegten Ideen- und Interessenkreis haften zu bleiben. Sie treffen zu selten mit anderen zusammen, deren Einstellung zu jüdischen Dingen durch ganz andere Wertmaßstäbe bestimmt ist, und die daher ganz andere Gedanken über wünschenswerte Inhalte jüdischen Gemeinschaftslebens haben. Ein junger Jude, der begeistertes Mitglied eines jungzionistischen Vereins ist, wird oft eines Zusammentreffens und einer Aussprache mit anderen jungen Juden ermangeln, die entschieden Anti-Zionisten sind. Der junge Jude, der ein unbedingter Anhänger der Orthodoxie ist, wird selten Gelegenheit zur Diskussion mit einem jungen Juden haben, der in gleicher Weise von der Notwendigkeit einer fortschrittlichen Auslegung unserer Religion überzeugt ist. Sogar an den Universitäten ist diese Neigung zur Engstirnigkeit zu beobachten. Während sich nämlich die jüdische Studentenverbindung mit keiner Bewegung das jüdischen Lebens identifiziert und jüdische Studenten jeder Schattierung zu erfassen sucht, bleibt doch praktisch eine Tendenz zur Scheidung zwischen Zionisten und Nicht-Zionisten. Die meisten Universitäten besitzen neben ihren allgemeinen jüdischen Studentenverbindungen zionistische Verbindungen, und die zionistischen Studenten sind oft nur in den zionistischen Verbindungen aktiv, wobei ihnen eine wirkliche Berührung mit jungen Juden, die Gegner des Zionismus sind, ermangelt. Auch auf eine andere Weise tragen die Verbindungen bisweilen noch zu der Zerklüftung der jüdischen Jugend, bei. Viele Mitglieder der Verbindungen betrachten sich nämlich als eine besondere Kaste und halten sich von Vereinen, in denen sie mit nichtakademischer Jugend zusammentreffen und arbeiten könnten, abseits. Es gibt in England verhältnismäßig wenig jüdische Vereine, in denen sich junge jüdische Menschen jeder Art, jeder Meinung und jeden Interesses zu ernster Unterhaltung treffen, und in denen sie durch den Zusammenstoß der Ansichten zum Verständnis und zur Wertschätzung der voneinander abweichenden Elemente im geistigen und praktischen Leben der Gemeinschaft gelangen. Im Februar dieses Jahres wurde durch eine von der Jüdischen Frauenvereinigung zur Diskussion von allgemeinen Jugendproblemen einberufene eintägige Jugendtagung, zu der Vertreter jeder Richtung eingeladen waren, ein Versuch unter-