Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 5 (1.1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 211 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 211 — vom Jüdischen Frauenbund schon lange vertreten — vielleicht heute Verständnis finden wird: die Forderung, jedem jüdischen Mädchen, ganz gleich welchem Beruf es sich später zuwenden wird und kann, ein Ii auswirtschaftliches Lehrjahr zu ermöglichen. Ein Lehrjahr, das nicht nur die notwendigen technischen Fertigkeiten zu vermitteln hat, sondern das erzieherisch die geistigen und religiösen Kräfte lebendig zu machen weiß, die den Pflichtenkreis der jüdischen Frau kennzeichnen. Und noch ein Letztes. In die Reihen des Jüdischen Frauenbundes treten heute viele Frauen, die bisher dem Judentum fernstanden und auch zunächst nur die Frauen gemeinschaft nicht den jüdischen Zusammenhalt suchen. Hier wird es sich erproben, ob die Idee, die dem Jüdischen Frauenbund seine Prägung und seine Bestimmung gab, auch heute noch wirksam ist. „Die Verbindung der Kulturforderungen des Judentums mit der Frauenbewegung" war der erste Programmpunkt des Jüdischen Frauenbundes vor -30 Jahren. Die Not unserer Gemeinschaft bedarf der schützenden, pflegenden, lenkenden Hand der Frau und Mutter; die Zukunft unserer Gemeinschaft wird davon abhängen, ob diese Frauen und Mütter durch lebend i«g es Judentum der Jugend Richtung, den Suchenden, einen Halt, dem Leben einen Sinn zu geben vermochten. Hannah Karminski Seelentausch Zur Begabung der Jüdin für die Schauspielkunst Als im April und Mai dieses Jahres die Zeitungen fast täglich Namen von Künstlern veröffentlichten, die als Juden von deutschen Bühnen entlassen wurden, hörte man mit Erstaunen, wie viele und wie bedeutende Schauspielerinnen zu uns gehörten. Von den Sternen erster Größe, der Bergner und der Maesary, von Irene Triesch und der Orska, wußte man das allenfalls. Aber die Reihe der Begabungen ist länger, ist erstaunlich groß. Und wer je den hellsten von ihnen allen gesehen hat — die Rowina, der die deutsche Kritik den Beinamen der „Göttlichen" gab, den einst die Duse führte, der sucht nach den tiefen Zusammenhängen zwischen jüdischem Wesen und jüdischer Begabung für die Kunst, Menschen darzustellen. Arnold Zweig hat in seinem Buch „Juden auf der deutschen Bühne" Entscheidendes in großen Strichen gegeben. Wer über die jüdische Frau als den Sonderfall etwas sagen will, kann in den großen Umriß nur hineinstricheln. Auch die jüdische Frau leistet ihre Menschendarstellung zunächst aus dem Schicksalhaften des Judeseins. Auch sie muß, wie der jüdische Mann, ihre Begabung als Verbundenheit und Gebundenheit an das begründen, was den „Mittelmeermenschen" dazu auserliest: die natürliche Kraft der Gestik und Mimik, das tönende, schwingende Pathos selbst der alltäglichen Rede, die Gelöstheit des Körpers bis zur tänzerischen Ausdruckskraft, das Freisein von Hemmungen in allen Aeußerungen, so daß der Schrei, das Weinen, das Jauchzen, Lachen, Schelten, Fluchen und überströmende Liebeslaute nicht von einer in anderen Breiten anerzogenen Scham unterdrückt werden. Das alles befähigt zur Schauspielkunst, aber es macht sie nicht aus. Ihr Wesen ist der Seelentausch. Der Menschendarsteller leiht seinen Leib und seine Ausdruckskräfte jeden Abend einer anderen Seele, die er nicht geschaffen hat, die ihm vom Dichter aufgezwungen wird; der verliehene Leib ändert sich unter den dynamischen Gewalten, die ihn fremd erfüllen. Der Schauspieler verzichtet mit jeder Rolle auf sein eigenes Ich. Er darf nicht mehr sein, der er ist — und geht damit den Weg ins Urleid des jüdischen Menschen überhaupt. Shakespeare, der selbst ein Schauspieler und ein Ausgesonderter unter den unbekümmert Lebenden war hat dieser Tragik Worte gegeben; er hat aus ihr heraus den Shylock geschaffen. Anderssein müssen als die andern und das als den Sinn des eigenen Daseins, als eine Sendung begreifen — das macht den großen Schauspieler aus, und dies Wissen bringt der jüdische Mensch dieser Form der künstlerischen Gestaltung mit. Die jüdische Frau aber, und gerade die jüdische Frau des letzten Jahrhunderts, in dem der Frau neue Seins- und Arbeitswege erkämpft wurden, hat die Leidenschaft für die Sache des „Andern", dieses spontaneSich - Einsetzen für das als Recht Erkannte, das sie als Schauspielerin variiert in das Andere-Werden. Das Urleid brennt in ihrem Blut, die verlorene Heimat läßt sie suchen und sich in die Seele der andern einfühlen — braucht Hingabe, bis zur Selbstaufgabe. Wir können diese „Begabung" als Schicksal rings um uns herum lesen — in der jüdischen Schauspielerin hat sie sich zu einer Besonderheit verdichtet, deren Wurzeln aber in uns allen, in der seelisch-geistigen Lage des Juden in Deutschland überhaupt lagen. Solche Dinge „weiß" man nicht. Sie fliegen uns an, wenn die Bergner als „Heilige Johanna" den lügnerischen Widerruf zerreißt, wenn die Orska sich in einer Rolle bis ins wilde Schluchzen, in lebendige Menschentränen hineinspielte, wenn die Triesch eine Ibsenfrau aus den dunkelsten Seelentiefen herauf erlitt. Da war es: dieses Dienen-Müssen, dieses Leben ,4m Bilde", als ein Gleichnis der geschaffenen Kreatur, des Menschen in bitterer Wahl zwischen Gut und Böse, dieses Weitergeben des eigenen Angerufenseins. Es war — gewiß! — auch der brennende Wunsch nach dem „Ueberlegensein", das Auskosten der großen Lust, stärker, schöner, klüger zu sein als Tausende, es war ein Sieg, über dem immer die alte Trauer schattete — denn es ist niemals leicht, mehr zu sein als die andern, weil man es dann in Sukunft immer sein muß und jedes Versagen als Schuld erscheint. Ein Bild ist mir für die Größe und innere Not des-\jüdischen Menschen und im Sonderfall der jüdischen Gestalterin geblieben: wer hat die Rowina gesehen, wie sie im letzten Akt des „Dybuk" gegen den magischen Kreis ankämpft, den der Rabbi um sie geschlungen hat? Dieses Ringen um eine Freiheit, die verderblich ist, diese Auflehnung gegen den gütigen, grausamen Zwang erschien mir immer sinnfällig als die Bindung des Juden und noch mehr des jüdischen Künstlers in seinen Dienst. Er spürt die Grenze, er möchte sie zerreißen — aber wenn er es vermag, ist es Selbstvernichtung. Dr. Martha Wertheimer Noch einmal: Das jüdische Kind und Zu dem Artikel in der Dezembernummer gehen uns nachstehende beachtenswerte Ausführungen zu. Seit mehreren Jahren leite ich den Bastelkurs einer hiesigen Privatschule und habe dadurch einen gewissen Ueberblick über die manuellen Fähigkeiten der jüdischen Kinder. Durch den Artikel „Das jüdische Kind und die Erziehung zur Geschicklichkeit" in der vorigen Nummer finde ich mich veranlaßt, einiges Ergänzende aus meiner Erfahrung hierzu zu bemerken. In diesem Artikel spricht die Verfasserin nur von dem vorschulpflichtigen Kinde und von seiner Beschäftigung im Hause oder Kindergarten. Sie hat besonders bei jüdischen Kindern den Mangel an Geschicklichkeit beobachtet und erklärt dies mit der jahrhundertelangen zwangsweisen Fernhaltung der Juden von jeder handwerklichen Arbeit. Eine intensivere praktische Betätigung des Kindes soli den Fehler beheben. Meine Beobachtungen beziehen sich auf das schulpflichtige Aller. Ich stellte Vergleiche an in verschiedenen Frankfurter Schulen über die manuelle Fähigkeit jüdischer Kinder. Es ergab sich, daß überall da, wo im Elternhaus Verständnis für die Schönheit der Form vorhanden war, wo Wert auf Aesthetik seine Erziehung zur Geschicklichkeit gelegt wurde, auch von den Kindern, selbst ohne manuelles Talent, Achtbares geleistet wurde. Es scheint mir daher der von der Verfasserin angeführte Grund nicht ausschlaggebend zu sein. Eine Erziehung zur Geschicklichkeit kann also nicht nur in der häufigeren praktischen Betätigung liegen, sondern sie muß ausgehen von einer systematischen Erziehung zum Verständnis für die Schönheit der Form. Handwerkliche Betätigung und Sinn für Schönheit stehen miteinander in Wechselbeziehung. Die Ausbildung der einen Seite bedeutet eine Förderung der anderen. Wird ein Gebiet vernachlässigt, so muß sich auf dem anderen ein Rückschritt vollziehen. Als Beispiel hierfür möchte ich die deutsche Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts heranziehen, in dem mit dem Aufhören handwerklichen Könnens auch die Kunst und das Kunstverständnis geringer wurden. Dies gilt in besonderem Maße für die Baukunst. Die vielbesprochene Umschichtung des jüdischen Menschen zu handwerklicher Tätigkeit muß daher zwei Ziele haben, und zwar 1. die Erziehung zu handwerklichem Können durch eine ziel-