Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 5 (1.1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 210 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Feldbergstrass e 31 Jüdische Frauengestalten n. Glückel von Hameln Zu allen Zeiten im wechselvollen Schicksal des Judentums hat es Flauen gegeben, die durch Geist und Opfersinn über ihre Zeitgenossen emporragten. Im Altertum und im Mittelalter begegnen wir ihnen, zur Zeit der Romantik, und in der Gegenwart erscheinen sie mit ihrem Anteil an deutscher Kultur und deutscher Bildung-. Vielleicht ist es besonders wertvoll, sich ihrer heute zu erinnern, sich an ihrem Vorbilde zu stärken und eingedenk zu sein, welch' schwere Zeiten und Bedrängnisse sie mutig überstanden. Aus einer Epoche harten Existenzkampfes der Judenheit im 17. Jahrhundert steigt das Bild der Glückel von Hameln empor, deren Aufzeichnungen einen höchst aufschlußreichen Einblick in die inneren Lebensverhältnisse der deutschen Juden von Hamburg um die Wende des 17. Jahrhunderts gewähren. Diese in der jüdisch-deutschen Umgangssprache der Zeit verfaßten Memoiren schildern nicht nur die Beschränkungen und Erschwerungen, unter welchen die Juden damals für ihr wirtschaftliches Fortkommen zu kämpfen hatten, sie zeigen uns auch die Klugheit und tiefe Frömmigkeit einer Frau, die durch gute und schlechte Zeiten die tapfere Gefährtin ihres Mannes und treue Mutter ihrer Kinder war. Es ist das erste Werk einer jüdischen Frau aus jener Zeit, das bleibenden Wert für die Zeitgeschichte hat und die hohe Kulturstufe zeigt, auf der seine Verfasserin stand. Die Aufzeichnungen umfaßten 187 Seiten in sieben kleinen Büchelchen, und wurden von Glückeis Sohn, Chaim Hamel, Wort für Wort abgeschrieben, um sie späteren Generationen zu erhalten. Eine Bearbeitung des Textes in neuerer Zeit stammt von Dr. David Kaufmann und eine Uebertragung dieser Ausgabe in deutsche Schriftsprache erschien im Jahre 1910 als Privatdruck von Bertha Pappenheim. Glückel von Hameln beginnt das zweite Buch ihrer Memoiren mit den Worten: „Meine lieben Kinder, ich schreib Euch dieses, damit, wenn heute oder morgen Euere lieben Kinder und Enkel kommen, und sie ihre Familie nicht kennen, ich dieses in Kürze aufgestellt habe, damit Ihr wißt, von was Sinnspruch Die Welt wird nur durch den Atem der Schulkinder erhalten. Aus dem Talmud. für Leuten Ihr her seid." Diese Worte, vor mehr als zwei Jahrhunderten geschrieben, dürften vielleicht gerade in unseren Tagen einen tiefen Widerhall bei Enkeln und Urenkeln früherer Generationen wrecken. Kulturhistorisch von Bedeutung ist nachstehende Schilderung: „Ich bin in Hamburg geboren im Jahre 5407, d. i. 1647, aber ich bin keine drei Jahre alt gewesen als alle Israeliten haben eine Vertreibung aus Hamburg gehabt, und alle mußten nach Altona ziehen, welches dem König von Dänemark gehört, und gottlob guten Schutz haben. In Altona haben etliche Juden gewohnt, ungefähr 25 Haushaltungen, und dort haben wir unsere Synagoge und unseren Friedhof gehabt; also haben wir gewohnt'in Altona eine Zeitlang und endlich in Hamburg bewirkt, daß man den Juden in Altona hat Pässe gegeben, daß sie haben mögen in die Stadt gehen und Geschäfte treiben. Ein jeder Paß hat gegolten auf vier Wochen, denselben hat man von dem regierenden Bürgermeister von Hamburg bekommen und hat gekostet einen Dukaten. Und wenn der Paß ist ausgewesen, hat man wieder einen neuen müssen lösen, aber aus den vier Wochen sind oft acht Wochen geworden." Und wenn Glückel an anderer Stelle sehreibt: „Wer hungrig ist gegangen in meines Vater's haus, ist satt wieder heraus gegangen", drückt sie in einfachen Worten hohes soziales Empfinden aus, das ihrem Elternhause das Gepräge gab. Die Erscheinung dieser seltenen Frau wird wohl am treffendsten gekennzeichnet mit den Worten der Herausgeberin des deutschen Textes: „Glückel von Hameln gebührt ein Platz unter denjenigen Frauen, die bescheiden und unbewußt das Beste und Wertvollste eines Frauendaseins verkörperten." St. F. Einige Gedanken über die Aufgaben des Jüdischen Frauenbundes in heutiger Zeit „Die Organisation Jüdischer Frauenbund war vom ersten Augenblick der Konzeption der Idee nicht als einfacher Zusammenschluß von Vereinen und Verbänden gedacht, sondern als eine Mission für die jüdische Frauenwelt, in der jede Jüdin zum Bewußtsein ihres Pflichtenkreises und zur Vergeistigung desselben kommen soll." Diese Worte schrieb Bertha Pappenheim zum 25jährigen Bestehen des Jüdischen Frauenbundes, den sie im Jahre 1904 geschaffen hat, und der zu einer weit verzweigten Organisation mit etwa 50 000 Mitgliedern geworden ist. zu einer Gemeinschaft, die die Frauenvereine aller Gemeinden und aller Richtungen miteinander verbindet und bestrebt ist, jede einzelne Frau als bewußte, aufrechte Jüdin an diese Gemeinschaft zu binden. Die Bedeutung des Jüdischen Frauenbundes liegt daher nicht allein in den sozialen und kulturellen Leistungen seiner Vereine und Ortsgruppen und in der Arbeit seiner Gesamtorganisation, sondern man kann seiner geistigen Wirkung nur dann gerecht werden, wenn man zu beurteilen-versucht, wie die einzelne jüdische Frau dem Schicksal standhält, das heute jeden Kreis unserer Gemeinschaft betroffen hat. Aus dem gleichen Grunde sind die Aufgaben des Jüdischen Frauenbundes nicht allein in der Anpassung seiner Vereinsarbeit an die heutigen Gegebenheiten zu sehen, sondern wenn je. so hat heute ein Bund jüdischer Frauen d i e wesentliche Aufgabe, der einzelnen Frau Rat, Hilfe und Kraft zu geben. Auch den unzähligen Einzelschicksalen, in die man Einblick gewinnt, die man mitfühlt, mitzutragen versucht, formt sich — allmählich und immer wieder erschüttert durch neues, anderes Erleben — Richtung und Rat; bildet sich — tastend, und immer noch fragend und ringend — die Antwort, das Wort der Frau zum heutigen Geschehen. Dieses Wort hebt sich vielleicht in manchem von dem ab, was heute sonst gesprochen wird.. So wird jetzt viel gesprochen von der Not des jüdischen Kindes. Wir wissen um diese Not und sehen es als die Aufgabe der Frau, der Mutter an, dem Worte „Kindheit" auch heute den Klang des Frohen, Natürlichen, Behüteten zu wahren, ohne den ein Kind nicht gedeihen, nicht wachsen kann. Aber wir glauben, trotz allem, daß wir das Kind nicht trennen sollen von seiner Familie, nicht loslösen von dem Schicksal, das heute vor den deutschen Juden steht, sondern daß die Familie erhalten werden muß als Lebensraum des Kindes, als Heim, aLs Zuflucht für alle. Schule und Jugendgemeinschaft sind dabei nicht zu entbehren, aber auch ihre Wirkung ist wesentlich abhängig von der Erziehungskraft und Atmosphäre des Elternhauses. Und aus der Beobachtung der Berufsnöte der Jugend, der gegebenen Arbeitsmöglichkeiten und der Zukunftsaussichten, ergibt sich für die weibliche Jugend klar eine Forderung, die