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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-01-01 · 5 (1.1934) · p. Seite 189

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
5 (1.1934)
Date
1934-01-01
Page
Seite 189 (sequence 11)
Language
German
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Seite 189 der im wesentlichen in den Großstädten befindlichen jüdischen Bevölkerung in Böhmen ergibt sich von Februar 1921 bis 30. April 1930 ein Ueberschuß der Sterbefälle über die Geburten von rund 4000, in Mähren ein solcher von rund 1400. Auch in der Tschechoslowakei ist die Zahl der Juden, die sich der höheren Bildung widmen, ein überaus großer. Von rund 64 000 jüdischen Schulbesuchern im Jahre 1931/32 besuchten nicht weniger als 5300 Hochschulen, 7300 Mittelschulen, d. h. in unserem Sinne gymnasiale Anstalten, 6000 Bürgerschulen und 35 000 Volksschulen. Der. Rest verteilte sich auf Fachschulen und Kindergärten. Angesichts der Ueberfüllung der akademischen Berufe sind die Zahlen über den Besuch der Hochschulen und Gymnasien erschreckend große. Gegenüber Vorwürfen, die heutzutage wieder in Deutschland auf Grund ganz unzureichenden und längst widerlegten Materials bezüglich der Kriminalität der Juden erhoben werden, darf festgestellt werden, daß in der Tschechoslowakei im Durchschnitt der Jahre 1923/27 sich unter Tausend Verurteilten 17 Juden befanden, während der Bevölkerungquote 25 entsprächen. Es wäre wichtig, wenn zuverlässiges statistisches Material auch über die Juden in anderen Ländern vorliegen würde. Möchte es ein erfreulicheres Bild ergeben, als die Zahlen aus der Tschechoslowakei. Was sie über die Juden in Böhmen und Mähren besagen, bestätigt im wesentlichen leider das, was Ernst Kahn schon seit Jahren bezüglich der deutschen Juden vor Augen geführt hat: Zusammenballung in den größeren Städten, starker Ueberschuß der Todesfälle über die Geburten, ungesunde soziale Schichtung. Musikpflege im Von Art Bei Untersuchungen der künstlerischen Verhältnisse in Deutschland wurde oftmals festgestellt, daß das jüdische Element dem Konzert- und Theaterleben, besonders in den Großstädten, in hohem Maße das Gepräge gäbe. Man wies dabei auf die zahlreichen Theaterleiter, Regisseure, Schauspieler, Dirigenten und Solisten semitischer Abstammung hin, die im deutschen Kulturkreis an bevorzugten Plätzen wirkten. In der starken Anteilnahme des jüdischen Bürgertums als Publikum sahen gutgesinnte Beobachter den Ausdruck kunstfreudiger Gesinnung und ernsthaften Strebens nach dem Besitz seelischer und geistiger Werte; unfreundliche Kritiker dagegen deuteten die große Beteiligung als gesteigertes Zerstreuungsbedürfnis und übermäßigen gesellschaftlichen Geltungswillen der begüterten Schichten. Es mag, wie bei allen Einrichtungen des kulturellen Lebens, das Verlangen nach den Reizen bürgerlichen Wohlergehens mitbestimmend gewesen sein. Gerade die der jüdischen Großstadtbevölkerung bisweilen vorgeworfene Neigung zum Besuch von Kabarets und ähnlichen Unterhaltungsstätten kann als Beweis dafür angesehen werden, daß gewiß nicht immer die Sehnsucht nach höherer Bildung entscheidend gewesen ist. Die Frage, wie weit die Juden in Deutschland unter den gegenwärtigen Verhältnissen überhaupt noch aktiv oder aufnehmend an der öffentlichen Musikpllege teilnehmen werden, läßt sich bisher nicht zuverlässig beantworten. Aber gerade dieser Zustand der Ungewißheit sollte dazu führen, die Möglichkeiten genauer ins Auge zu fassen, die aller Voraussicht bleiben werden. Der deutsche Jude wird unter dem Zwange der Zeitumstände erheblich stärker als in den vergangenen Jahrzehnten darauf angewiesen sein, Lebensfreude in der Pflege seines Familienlebens zu suchen. Bei dem ausgeprägten Musiksinn des Juden, der durch jahrtausendalte vokale Gebetsübung außerordentlich verfeinert worden ist, können hierbei wieder Kraftquellen aufspringen, die durch die Entwicklung unseres Ein Fund zu einem Von I d , Nach mehrjährigen Nachforschungen ist es nunmehr gelungen, den Zeugen eines vergessenen Brauches wieder aufzufinden. *) In einem abseits gelegenen Kellerraum der Hauptsynagoge fand sich ein Steinsitz mit der Aufschrift Ö^TTT^ Den Aufzeichnungen des verstorbenen Herrn Frohmann- Holländer anläßlich der Renovation der Hauptsynagoge im Jahre 1912 ist zu entnehmen, daß der erwähnte Stein früher im Hofe zwischen der Alt- und Neusynagoge aufgestellt war, die bis zu ihrem Abbruch im Jahre 1854 an der gleichen Stelle stand, an der ein Jahr später die Hauptsynagoge errichtet wurde. Jahrzehntelang lag der Stein unbeachtet zwischen anderen Bauresten, da die unbeschriftete Seite nach oben gewendet war. Erst jetzt konnte durch Prüfung des Steines die Schrift festgestellt und dadurch zugleich auch die ehemalige Verwendung als Sitz wieder erkannt werden. *) Herrn Ferdinand Frank, Kastellan der Hauptsynagoge, sei auch an dieser Steile für bereitwillige Unterstützung Dank gesagt. judischen Hause ur Holde zivilisatorischen Lebens fast am Versiegen waren. In zahlreichen jüdischen Häusern wurde früher gediegene Hausmusik getrieben. Hervorragend geschulte Dilettanten sahen ihren Stolz darin, der klassischen Kammermusik bei sich als Ausübende eine Stätte zu bereiten. Mit welchem Schmerz mußten dann in neuerer Zeit Eltern oft das Nachlassen des Interesses bei der heranwachsenden Generation bemerken, die sportbesessen den seelischen Wert eigenen Musizierens mißachtete. Lebenskunst besteht nicht zum wenigsten darin, daß man einer ungünstigen Situation ein Höchstmaß an vorteilhafter Wirkung abringt: der Jude hat wieder einmal Gelegenheit, seinen unbesiegbaren Willen zum Leben zu bekunden, wenn er sein Augenmerk fester als bisher auf die ideellen Grundlagen seiner häuslichen Gemeinschaft richtet. Auch jetzt noch sind in den meisten Familien des jüdischen Bürgertums Instrumente wie Klavier, Violine und Cello vorhanden. Leicht erlernbare und wenig kostspielige wie Laute, Mandoline, Gitarre und die wieder in Aufnahme gekommene Blockflöte können der Hausmusik neue, reizvolle Bestandteile zuführen. Es gälte dabei zugleich, die jüdischen Musikpädagogen zu stützen, die plötzlich eines großen Teiles ihrer Berufsbasis beraubt sind, und in Zukunft hauptsächlich auf den Nachwuchs im eigenen Lager angewiesen sein werden. Niemand darf bezweifeln, daß der deutsche Jude, wie die Dinge sich für ihn auch entwickeln werden, auf manche Annehmlichkeit des Lebens, die er bisher ohne jede Schwierigkeit genießen konnte, wird verzichten müssen. Möge sein Schicksal ihm jetzt den Blick für das schärfen, was wirklich erlebens- und erstrebenswert ist. Wenige Dinge der geistigen Umwelt können ihm so wie die durch eigene Ausübung gepflegte Musik inneren Gewinn geben; gerade sie wird dazu beitragen, den Juden zu dem Besten hinzuführen, was er sich aus uralter Veranlagung heraus selbst zu schaffen und zu erhalten imstande ist! vergessenen Brauch Posen Rabbi Juspa Hahn, der im Jahre 1637 verstorbene Frankfurter Rabbiner, erwähnt in seinem Sammelwerk Frankfurter jüdischer Bräuche „Josef Oraez" eine Sitte, deren Ausübung er allerdings anscheinend nicht mehr als Augenzeuge gekannt hat. Aus seiner Schilderung geht hervor, daß es früher in Frankfurt wie auch in Prag üblich war, daß sich am Samstagmorgen nach dem Gottesdienst die Gemeindemitglieder auf einen Stein niedersetzten, um dadurch ihr Denken an Jerusalem zu dokumentieren. Diesem Brauch diente der wiedergefundene Stein, wie die Aufschrift „für Jerusalem" bestätigt. Außer diesem Sitz, der jetzt im Museum jüdischer Altertümer ausgestellt ist, sind weitere Reste der Alt-Frankfurter Synagoge seit Jahren bekannt und an sichtbarer Stelle unmittelbar hinter dem Eingang, beziehungsweise im Vorraum zur Hauptsynagoge eingemauert. <

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