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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-01-01 · 5 (1.1934) · p. Seite 188

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
5 (1.1934)
Date
1934-01-01
Page
Seite 188 (sequence 10)
Language
German
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Seite 188 Keine Besorgnis für eines hochgeehrten und lieben Freundes Zukunft und Fortkommen in der Welt würde midi dahin bringen können, Ihnen einen solchen Vorschlag zur Erwägung vorzulegen. Es ist eine Ueberzeugung, die Glaube ist, und ein Glaube, der Ueberzeugung ist; es ist eine innere Ersehnung, die mit meinem philosophischen Bewußtsein zusammenfällt. Diese Ueberzeugung sehe ich als eine Gnade Gottes an: der Weg zu derselben aber ist immer derselbe gewesen, den Sie das Schicksal geführt: religiöses Bedürfnis und religiöse Uebung einerseits und Forschung und Nachdenken andererseits. Ich weiß, daß ich Ihnen das Rechte rate, wenn der Geist es Ihnen gibt,. selbst zu sehen. Amen. Ich habe wenige Worte über die zweite Alternative zu sagen. Wenn Sie zu uns treten wollen, blüht Ihnen nirgends eine so herrliche Wirksamkeit als in Preußen, aller Wahrscheinlichkeit nach in Bonn zuerst. Wenn Sie nicht diesen Schritt tun können, so müssen Sie sich durch England selbständig machen. Gerade, daß ich heute den Beruf habe, Sie dazu aufzufordern und Ihnen die Wichtigkeit der Sache ans Herz zu legen, hat mich dahin geführt, Ihnen heute zu schreiben, was ich Ihnen geschrieben. Ich öffne Ihnen die Tür für Ihren Eintritt in England; Sie wissen außerdem, daß Sie Gast meines Hauses sind, als Jude wie als Christ. Ich zeige Ihnen, welche Gefahr beim Verzuge ist, und welche Gründe dafür obwalten, daß Sie sich entschließen, bald hierher zu kommen und die Sache in Gang zu bringen. Gerade dieses hat mich heute begeistert, Ihnen zu schreiben, was ich oft und lange im tiefsten Herzen und im Gefühl heißer Liebe zu Ihnen erwogen, wie und wann ich es Ihnen sagen sollte. O welche Wonne, wenn wir zusammen das Leben des ersten und größten aller Menschen, der ein Jude war, erforschen und der Welt den Gang der Vergottung dieses einzigen Heros der Menschheit darstellen könnten, wenn wir die ersten dunklen Zeiten, jeder von seinem Standpunkte aber vereinigt zu durchforschen das Glück hätten! Was ist dagegen ■der rabbinische und der griechisch-römische Plunder, mit dem wir uns schleppen! O. geliebter Bernays, erwägen Sie es in Ihrem tiefen Herzen ohne Menschenrücksicht, und lassen Sie zum Schluß mich Ihnen sagen, daß ich nie aufhören werde, Sie zu lieben! Bunsen." Bimsen ließ diesen Brief eine Woche liegen, um ihn zu überprüfen, und schrieb dann noch einen weiteren Brief, der tief ins Bibelkritische eingeht, um Bernays noch einmal den Uebertritt nahezulegen. Bernays antwortet (Konzept, Breslau, Nov. 52): „Ew. Exzellenz antworte ich mit einem Freimut, für den ich mir günstige Aufnahme erbitten müßte, wenn ich derselben nicht durch die warme Herzlichkeit Ihres Schreibens im voraus gewiß sein dürfte. Ihre Aufforderung zum Uebertritt ins Christentum geht aus höheren und reineren Beweggründen als aus bloß -praktischen hervor; aber Sie haben sie mit praktischen Erwägungen und Aussichten verknüpft, und in der Tat läßt eine solche Aufforderung nur nach der praktisdien Seite hin «ine Antwort zu, nach allen anderen Seiten ist nur eine Diskussion möglich. Vor der Praxis also hat das nicht Bestand, was Sie am Sdiluß sagen, daß die innere Ueberzeugung von Jesu Person und der christlichen Religion die Hauptfrage sei. Vielmehr ist alles Innerliche, wie die täglidie Erfahrung beweist, für die Praxis völlige Nebensache; und die Hauptfrage, ja die einzige Frage ist, ob ich den Entschluß fassen kann, mich äußerlich, durch Taufschein und dergleichen, als Mitglied einer der bestehenden christlichen Kirchen zu bekennen. Die Erklärung kann Ihnen nicht unerwartet kommen, daß ich diesen Entschluß nidit fassen kann. Er selbst, Jesus von Nazareth selbst, jetzt als Jude geboren, würde es nicht können, würde es wohl am allerwenigsten können. Ich vermödite nicht ihn zu achten, wenn ich nicht glauben dürfte, er würde sich lieber der Reihe nach von allen Kirchenbehörden auch körperlich kreuzigen lassen, ehe er zu einer der Konfessionen überträte, die sich nadi ihm nennen, obgleich sie, zuwider seiner Vorschrift (Mark. IX, 50), weder Salz bei sich noch.Friede untereinander haben. Mit einer notwendig weitläufigen Diskussion dessen, was Sie über Jesu Person mir zu erwägen geben, will ich Sie nidit behelligen; idi erlaube mir nur in aller Bescheidenheit zu sagen, daß Sie sehr irren, wenn Sie meinen, ich hätte ihn bisher noch nie auf Leben und Tod ins Auge zu fassen gesucht. Die inneren und äußeren Antriebe dazu haben mir wahrlich nicht gefehlt; und in den letzten Jahren am allerwenigsten. Je mehr ich mir ihn aber vergegenwärtige und den Vater-Namen erforsche, der, wie er sagte (Joh. XVII, lt), ihm mitgeteilt worden, desto heiligere Scheu fühle idi, midi mit allem dem zu verfangen, was seit lange, und jetzt so sehr als je, in seinem Namen getan und unterlassen wird. In Betreff Ihrer Ansicht von dem „gebrochenen, gegen den Strom der Weltgeschidite ankämpfenden, also hoffnungslosen" Gemütszustand eines jetzigen Juden hätte idi bei mündlicher Besprechung gar vieles zu entgegnen; vor allem hätte ich Sie, einen auf dem Standpunkt, der Weltgeschichte stehenden Christen, zu fragen, wie Sie sich zu Pauli (ad Roman. XI. 25. 26) verhalten. Nach Pauli Worten und Ansichten haben die Juden ein weltgeschiditliches Redit, und da weltgeschichtlich beides zusammenfällt, audi die Pflidit, als Juden zu bestehen, bis die Erfüllung gekommen ist. Glauben Sie, daß dieser Zeitpunkt jetzt gekommen oder auch nur nahe sei? Die Statistik der Religionen sagt entschieden nein. Zugegeben, daß die 300 Millionen, welche Christen heißen, „eingegangen" seien, hat doch die doppelte Zahl von Millionen noch nidit einmal die Schwelle betreten. Für Pauli religiöse und welfgesdiiditlidie Ansicht madit es keinen Unterschied, ob er sich diese Einkehr aller Heiden im Zusammenhang mit einer damals für die nächste Zukunft erwarteten zweiten Wiederkunft Christi gedacht habe. Paulus meint, so lange nicht alle Heiden _ Christen geworden, sollen die Juden, kraft jenes Geheimnisses, Juden bleiben. Er, Saulus, der Schüler Gamaliels, und Paulus, der Apostel der Heiden, hatte gewiß seine guten Gründe, das zu meinen, und es %väre von mir vermessen zu glauben, daß Sie diese Gründe nicht einsehen . . ." Dieser Briefwechsel ist in der Tat ein geschichtliches Dokument ersten Ranges. Um das Jahr 1850 gab es also schon Geister, die erkannten, daß über den wahren Charakter des Judentums, über sein Schicksal und seine Aufgabe nicht durch die Alternative Volk oder religiöse Gemeinschaft entschieden werden kann. TJeber die Klobigkeit eines solchen Entweder- Oder kam allerdings die Mehrheit der deutschen Juden noch das nächste halbe Jahrhundert nicht hinaus. Herr von Bunsen rührte schon 1852 an die wunde Stelle: „Der Verlust der Nationalität ist ein schwerer, der Verlust der Einheit des eigenen Bewußtseins mit dem weltgeschichtlichen ein schwererer, weil hoffnungsloser." Darauf gibt auch Bernays keine eigentliche Antwort. Aber seine anderen Sätze sind gültig und nie wieder in ihrer Treffsicherheit erreicht: Er selbst, Jesus von Nazareth selbst, jetzt als Jude geboren, würde den Entschluß Christ zu werden nicht fassen können, erklärt Berna3rs. Er würde sich lieber der Reihe nach von allen Kirchenbehörden noch einmal körperlich kreuzigen lassen, ehe er zu einer der Konfessionen überträte, die sich nach ihm nennen, obgleich sie, zuwider seiner Vorschrift (Marc. IX, 50), weder Salz bei sich noch Friede untereinander haben. — Wir wenden uns von dieser Höhenlage aus einem Briefwechsel zu, der weitere 80 Jahre später, in unseren Tagen, im Jahr 1933, um das gleiche Thema vom abgefallenen, getauften Juden kreist, auch zwischen einem religiösen, orthodoxen, Zionismus und Liberalismus scharf ablehnenden deutschen Juden und — Hans Blüher. lieber das im Jahre 1933 erschienene „Jüdisch-christliche Gespräch" von Schoeps und Biüher wurde in diesen Blättern eingehend berichtet. Auch dieses Gespräch dreht sich um die Frage der Judentaufe, des Abfalls vom Judentum und des Uebertritts zum Christentum. Aber indem hier der christliche Gesprächspartner die Taufe nicht dogmatisch - religiös, sondern als einen gleichgültigen Tarnungsakt ansieht, verschiebt sich das Beweisthema. Das Gesicht des Jahres 1933 hat keine Aehnlichkeit mehr mit dem der früheren Generation. Zur Statistik der Juden Leider werden die Ergebnisse der am 1. Juni 1933 in Deutschland vorgenommenen Volkszählung nur sehr langsam bekannt. Infolgedessen können wir uns noch kein Bild von der Zahl der deutschen Juden, von ihrer beruflichen Schichtung und von ihrem Aufbau nach Altersklassen machen, obwohl es von höchstem Interesse wäre, die Zählung des Jahres 1933 mit einer der vorhergehenden Volkszählungen zu vergleichen. Man kann nur hoffen, daß wir bald in den Besitz der Zahlen gelangen, aus denen sich wichtigste Folgerungen gerade für die Fragen der Umschichtung und der Auswanderung ergeben werden. Um so interessanter ist es, die Ziffern eines benachbarten Landes kennen zu lernen. Einem in der Bayrischen Israelitischen Gemeindezeitung vom November 1933 erschienenen Aufsatz entnehmen wir die folgenden Zahlen: Am 1. Dezember 1930 gab es in der Tschechoslowakei rund 357 000 Juden (gleich 24,2 vom Tausend der Gesamtbevölkerung.) Davon lebten in Böhmen rund 76 000 (10,7 Promille), in Mähren-Schlesien zirka 41 000 (11,6 Promille), in der Slowakei, zu der weite Gebiete des früheren Ungarn gehören, zirka 137 000 (41 Promille) und in Karpartho-Rußland zirka in der Tschechoslowakei 102 000 (141 Promille). Am stärsten ist danach der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung in Karpatho-Rußland, dem östlichsten Teil der Republik und wohl einem der ärmsten Gegenden in der ganzen Welt. Bei der vorhergehenden Volkszählung hatte die Zahl der Juden noch 26 Promille der Gesamtbevölkerung betragen. Sie ist also nicht unerheblich gesunken. Die Abnahme ist am stärksten in den wohlhabenden Gegenden des Landes, nämlich in Böhmen und in Mähren-Schlesien. Absolut hat sich die Zahl der Juden dagegen in der Slowakei und in Karpatho- Rußland vermehrt, aber auch in diesen Landesteilen ist der prozentuale Anteil der Juden gesunken. Wesentlich ist die Tatsache, daß in Groß-Prag mehr als 35 000 Juden, also über 46 Prozent aller böhmischen Juden wohnen. Die nächst größeren Gemeinden sind Teplitz mit rund 4200, Pilsen mit rund 2800, Karlsbad mit rund 2600 Seelen. Auch in Mähren ist die Konzentrierung der Juden auf die größeren Städte eine sehr starke. 57 Prozent der dort wohnenden Juden leben in den Städten Brünn (11000 Seelen), Ostrau (zirka 7000 Seelen) und Olmütz, einer der ältesten und früher blühendsten jüdischen Gemeinden, mit 2000 Seelen. Bei

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