Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 5 (1.1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 187 (sequence 9)
- Language
- German
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Seite 187 vielstimmige Lavater-Mendelssohn-Streit, in. dessen einzelne Phasen und Stationen heute nur mehr wenige Fachgelehrte eindringen. Aber das Resultat, wie wir es heute sehen, bleibt doch wichtig genug. So bewundernswert uns Heutigen die gesamte Haltung des jüdischen Philosophen in den sehr verästelten und ermüdenden Auseinandersetzungen mit seinen Gegnern erscheint, von einem Sieg Mendelssohns kann doch nicht die Rede sein. Der Streit Judentum oder Christentum kam gar nicht zum Austrag. Nur nach der formalen Seite — daß Lavater gar kein Recht hatte, seinen Freund zu diesem Streit herauszufordern — behielt Mendelssohn die_ Oberhand. Seine Argumente sind heute ganz sicher nicht mehr die unsrigen. Wir halten sogar eine Abwehr wie die folgende für peinlich, abgestanden und aufklärerisch im schlechten Sinn, wenn man auch über ein volles Jahrhundert in den besten freidenkenden jüdischen Kreisen die Auffassung geteilt hat und noch Theodor Heizl im Jahr 1903 in seiner Unterredung mit Papst Pius X. über die jüdische Schuldfrage sich genau denselben, nicht sehr ernsten und tiefen Gedankengang zu eigen machte: „Was weiß ichs, was meine Vorfahren vor 17—1800 Jahren zu Jerusalem für gerechte oder ungerechte Urtheile gefällt haben?" Achtzig Jahre später (im Jahre 1852) — auch damals war noch eine reich facettierte, mit Unrecht heute belächelte Briefkultur lebendig — geht ein Briefwechsel um dieselbe Frage hin und her. Wie verfehlt und oberflächlich wäre hier ein überlegenes Achselzucken über die Sorgen jener längst toten unserem Interessenkreis" fern gerückten Menschen. Nicht wie wichtig sich diese Männer nahmen, ist bemerkenswert, sondern wie genau sie in Fragen geistiger Entscheidungen waren, wie streng sie ihr Gewissen prüften und wie viel ihnen an der sauberen und gewissenhaften Austragung von inneren Konflikten lag, vor allem da, wo es darum ging, vor sich selber zu bestehen. Der damalige Briefwechsel ist zwar weniger bekannt als der zwischen Lavater und Mendelssohn, aber sowohl die Persönlichkeit der beiden Briefschreiber wie die wohl auch im eigentlichen Wissen um die geger. seitigen Positionen geklärtere und vertief tere Einsicht rüokt das Religionsgespräch aus dem Jahr 1852 näher an unsere eigenen Probleme. Kein Geringerer als Jacob Bernays, der Sohn des hochberühmten Chacham Bernays von Hamburg, des Lehrers von Samson Raphael Hirsch, einer der größten klassischen Philologen seiner Zeit, in unwandelbarer Treue dem streng gläubigen Judentum hingegeben, ist der Angeredete, der zum Christentum bekehrt werden soll; auf der Gegenseite der über das Format eines Lavater weit hinausragende bekehrungssüchtige Freund und Partner, der preußische Ministerresident am päpstlichen Stuhl und spätere preußische Gesandte in London, der Freund Friedrich Wilhelm TV. Christian Carl Josias von Bunsen. Für Jacob Bernays waren wie für Moses Mendelssohn die Gebote der Väter unantastbar. Das Brüderpaar Jacob und Michael Bernays, beide Söhne des Hauptes der deutschen gesetzestreuen Judenheit, des streng frommen gegen alle Neuerungen unerbittlich eifernden Hamburger Rabbiners , verkörpern die Tragödie des emanzipierten deutschen Judentums, und zwar zeitlich genau in der Mitte zwischen 1785 und 1933. Der bedeutende Religionsforscher Usener erzählt (in der Allgemeinen Deutschen Biographie im 46. Band) von der scharf ausgeprägten Persönlichkeit Jacob Bernays1: „An den Vorschriften des mosaischen Gesetzes hielt Bernays mit starrer Strenge fest. Er schnürte täglich die Gebetriemen um Stirn und Arm, er würde am Sabbat niemals den dringendsten Brief geöffnet haben; und wenn er an der Geselligkeit Andersgläubiger teilnahm, begnügte er sich mit Brot, Wein und einem Ei, das Aufmerksamere ihm stillschweigend vorsetzten. Su seiner philosophischen Bildung und Ueberzeugung schien das nicht zu stimmen. Eine geistreiche Jüdin wollte mir einmal den Widerspruch aus einem mystischen Zug seiner Natur erklären. Sie tat ihm dabei sehr unrecht. Der scharfe Verstand eines Mannes, der sich an den Werken der französischen Aufklärung erbaute, ließ Mystizismus nicht aufkommen, und die Freiheit, mit der er über theologische Dinge dachte, mußte ihn nicht bloß über konfessionelles Christentum, sondern auch über die Enge des mosaischen Gesetzes hinausheben. Es war die Treue für sein Volk und für die Ueberlieferung der Väter, die ihm die strenge Beobachtung des Gesetzes zur Pflicht machte. Dem jüdischen Volk gibt der Glaube und das Gesetz Moses' den Halt der Nationalität: er fühlte klar, daß kein Stein aus diesem Gefüge gelockert oder herausgenommen werden dürfe, wenn man nicht den ganzen Bau zerstören und dem Judentum die Grundlage seines Daseins entreißen wolle." Dagegen trat sein um 10 Jahre jüngerer Bruder Michael Bernays, aus dem gleichen satzungs- und. glaubensstrengen Rabbinerhaus des Chacham Bernays mit 22 Jahren (im Jahr 185G) zum Christentum über. Der blendende Professor der Literaturgeschichte an der Münchener Universität (1873—1890) Michael Bernays, der Vorgänger Munckers. war zur Zeit unserer Großväter eine der populärsten Münchener Figuren. „Das Interesse für germanische und romanische Literatur ist durch Michael Bernays an der Münchener Universität geweckt und mit dem Einsatz aller Lust und Kraft immer lebendiger geworden", berichtet uns sein berühmter Schüler und Biograph, der Berliner Literaturhistoriker Erich Schmidt (in der A D B 46. 404 ff.). Derselbe Biograph spricht von dem Uebertritt Michael Bernays zum Christentum als der „Folge des ernstesten Dranges, sich ganz zur deutsch-protestantischen Bildung zu bekennen-'. „Vorteile der Karriere standen gar nicht in Frage, vielmehr büßte der Konvertit Unterstützungen ein, und die nächsten Verwandten sagten sich von ihm los, Jacob Bernays verleugnete fortan den Abtrünnigen, selbst die geliebte Mutter hat ihn nie wieder vor sich gelassen, nicht einmal an ihr letztes Bett." In dem Lebensgang der beiden ungleichen Brüder — beide Gelehrte und deutsche Universitätsprofessoren von höchstem Rang um die Mitte des 19. Jahrhunderts — offenbart sich jenseits von Schuldig oder Unschuldig die Tragödie der Emanzipation des deutschen Judentums. Jacob Bernays genoß in den damaligen führenden Kreisen der diplomatischen, gelehrten und künstlerischen Welt höchstes Ansehen. Davon legt der von Michael Frankel herausgegebene Briefwechsel beredtes Zeugnis ab. Etwas versteckt darin enthalten ist der mit Lavaters Zueignungsschreiben an Moses Mendelssohn vergleichbare Bekehrungsbrief des preußischen Gesandten Josias von Bunsen und die Antwort von Bernays darauf. Aus dem Briefwechsel Friedrich Wilhelms IV. mit Bunsen, den Leopold von Ranke im Jahr 1873 (bei Duncker und Humblot) herausgegeben hat, kennen wir Bunsen als eine Persönlichkeit von seltener Weite des politischen Blickes, einen Mann von ausgebreiteter wissenschaftlicher Bildung mit sicherem Urteil und feinstem Herzenstakt. Bunsen, der sich in seiner hohen Stellung wiederholt für Jacob Bernays aufs wärmste eingesetzt hat, schreibt an ihn aus London am 7. November 1852 folgenden denkwürdigen Brief: „Es liegen Ihnen nur zwei Wege vor. Lassen Sie mich über den ersten mit voller Freiheit reden. Sie sind frommer und strenger Anhänger des Gesetzes; gläubig jedoch mehr als Deutscher denn als Palästiner. Jesus von Nazareth und Paulus waren jüdisch fromm und streng, und gläubig wie wenige. Seitdem ist Ihr Volk, für welches das Gesetz geschaffen wurde, als Nation untergegangen für immer; ich sage für immer, weil es offenbar einen anderen damit unvereinbaren Beruf erhalten, weil es den weltgeschichtlichen Beruf hat, in das japhetische Blut und Staatsleben priesterlich wirkend einzugehen. Wie es viel von Japhet empfangen, gibt es auch vieles in dieser Vermählung der beiden auserwählten Völker Gottes; ganz besonders bei den Hellenen und Deutschen. Sie stehen im Herzen gerade wie ich zur Ueberlieferung: auf dem weltgeschichtlichen Standpunkt. Der Unterschied ist, daß ich mit der Weltgeschichte gehe, Sie gegen den Strom. Der Verlust der Nationalität ist ein schwerer. Der Verlust der Einheit des eigenen Bewußtseins mit dem weltgeschichtlichen ein schwererer, weil hoffnungsloser. Sollten Sie nicht, von diesem Standpunkt aus, mit Jesus und seinen Jüngern und so vielen der Edelsten und Frömmsten Ihres Volkes, den alten Bund von neuem fortzusetzen den Beruf fühlen, wenn Sie sich ernst und mutig prüfen? Welche Bahn des Segens und Ruhmes würde sich Ihrem reichbegabten Geiste öffnen, wenn Sie das Gesetz ins Evangelium, als die Weltreligion, erheben könnten! Sie wissen, was ich für die Aufgabe der deutschen Forschung und Wissenschaft, wie der deutschen Innigkeit halte im Christentum: Die wahre, große Philologie hat dabei einen so hohen Beruf wie die Philosophie; und wie die Sache jetzt liegt, einen viel größeren. Es ist die Philosophie, die zu weit ist und welche noch nicht Geleistetes darstellen kann und soll. Ich und meine Geistesgenossen suchen das unsrige zu tun vom japhetischen Standpunkt; aber manches läßt sich nur vom semitischen vollkommen erreichen, und wer könnte das so wie Sie? Die Person und Persönlichkeit von Jesu hat Sie angezogen, und Sie werden dieselbe nicht wieder loswerden: je mehr Sie sie rein weltgeschichtlich betrachten, desto mächtiger wird sie Ihnen werden. Paulus' Gesicht wiederholt sich ewig in solchen Gemütern. Sollten Sie nicht als Sohn Israels noch größere Seligkeit in der Religion der Liebe und Menschheit finden als ich, der heidnische Germane? Ich bin fest überzeugt, daß, wenn Sie diese Seligkeit einmal geschmeckt, Sie ihrer nie vergessen können, ohne Ihr Bestes aufzugeben. Und dann erst, wenn Sie ganz die Liebe Gottes im Sohn empfunden, also auch in der Menschheit und ihren Geschicken, werden Sie auch die Seligkeit empfinden, ein Vaterland zu haben. Und zwar welches, dem Geiste nach! Das Bundesvolk der Neuzeit, das Volk Gottes der Zukunft wie der Gegenwart' Es wäre Ihrer unwürdig, wenn Sie zum Christentum übertreten wollten, weil sich Ihnen dann eine glänzende Aussicht auf Wirksamkeit und Ansehen und Wohlstand eröffnet: allein, es wäre Ihrer auch nicht würdig, wenn Sie den Schritt nicht mit Ihrer tiefsten Seele auffassen wollten, weil Preußen Ihrem Stamme nicht das Lehramt in die Hände geben will, ohne daß er sich unserem angeschlossen hat: nicht aus Fanatismus, sondern aus Furcht vor dem Literatentum. Sie kennen mich zu gut, als daß ich nötig hätte, ein Wort über die Beweggründe meiner Aufforderung zu sagen. Sie wissen, es können dies nicht Beweggründe der Klugheit sein, ebenso wenig als der Frömmelei. Sie wissen, daß sie es in der Tat auch nicht sind.