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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-01-01 · 5 (1.1934) · p. Seite 183

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
5 (1.1934)
Date
1934-01-01
Page
Seite 183 (sequence 5)
Language
German
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FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde Liu- Oi ineinileblatt erscheint inouatl. u. wird den Geuieindemitgl. unentgeltl. zugestellt. Preis der Einzelnummer 40 Pfg. — Jabresbezug RM. 6.—. Sthriftleitung: Fahrgasse 146; Fernsprecher: Sammel-Nuinmer H. 27544. — Postscheckkonto: Frankfurt am Main Nr. 35521. — Anzeigenverwallung: M. lsaac & Co., Ravensteinstraße 11, 1. Fernsprecher 44868 und 44888. — Anzeigen nach Tarif. — Anzeigenschluß für die nächste Nummer: 2. Februar. — Die bdiriltleitung übernimmt für den Inhalt des Geinei ndeblattes nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Erlaubnis der Schriftleitung gestattet. 12. Jahrgang Frankfurt a. M., Januar 1934 Nr. 5 Aufgaben jüdischer Volkserziehung Aus einer Rede von Martin Bub er zur Wiedereröffnung des Jüdischen Lehrhauses am 19. November 1933 Ein rechtes Lehrhaus ist ein Stück Volkserziehung, doch nur ein Stück. Zu wahrhafter Volkserziehung gehören Lehre und Leben zusammen; nicht bloß die Absicht der Erziehung, die sich in der Lehre kundgibt, sondern wesentlich und notwendig das Unabsichtliche, das Unwillkürliche. Das Haus erzieht, wenn es wahrhaft Haus ist, eben dadurch, daß es ein wahrhaftes Haus ist, die Gemeinde eben dadurch, daß sie wahrhaft Gemeinde ist — erzieht, ohne es zu wollen, durch das Da-Sein, durch das So- Sein. Aber die Lehre hat bei uns, und so wird es bleiben so lange es Judentum gibt, die Führung. Sie hat das Ziel anzugeben, auf das hin erzogen werden soll. Sprechen wir von Volkserziehung, so meinen wir das Wort in seinem ernstesten, tiefsten Sinn. Der Begriff „Volk" hat im Deutschen seinen Wandel von der ursprünglichen Bedeutung „Heereshaufen", „Menschenmenge" zu der, die Avir heute meinen, wenn wir in allem Ernst „Volk" sagen, wesentlich unter dem Einfluß des biblischen, des deutsch-biblischen Gebrauchs der Worte „Volk Israel", „Volk Gottes" erfahren. Und das hat seinen großen Sinn. In der Zeit jenes Bedeutungswandels stellte sich durch das, was unsere Bibel vom Volk Israel erzählt, das Bild einer Urgemeinschaft dar, die von Gott gesammelt, von Gott geführt, von Gott zum Volk verbunden ist. Das entsprechende hebräische Wort „Am" bedeutet nicht den Haufen, sondern eine Vielheit von Menschen, die sich zur Gemeinschaft gesellt und diese Gemeinschaft unter ein höchstes Gebot gestellt haben, unter das eines Herrn und Königs, welcher der König der Welt ist. Der Bund zwischen Gott und Volk, der am Anfang der Volkswerdung steht, ist ein K ö n i g s b u n d, den Gott mit dem Volke schließt, indem er es sich zu seinem Königsbereich, das Volk sich ihn zu seinem König nimmt; und ein Vaterbund: Gott sagt es, daß er sich dieses Volk als seines erstgeborenen Sohnes angenommen, es erwählt hat, und das Volk sagt gemeinsam, daß es in ihm seinen Vater erkannt hat. Zum Bund gehört die Verbundenheit der Gefolgen dieses Königs, der Kinder dieses Vaters, die Urverbuadenheit der Menschen untereinander. Darum ist der Bund unablösbar von der Blutseinheit der Stämme, die im Zeichen der ihnen werdenden Offenbarung zueinandertreten, und deren Verbundenheit ihrerseits von der ihnen gewordenen Offenbarung eine Stärke und Festigkeit erhält, die sie aus eigener Macht nicht hätte erzeugen können. Der an Israels Anfang stehende Bund, der ein Volk heranholt und nun erst wahrhaft zum Volk in die Ewigkeit setzt, ist seinem Wesen nach Volksei-ziehung. Er sendet tlas Volk als Gottesvolk in die Geschichte aus, d i e T h o r a, die Weisung, die er ihm spendet, ist eine \.rolkserzieherische. Sie gilt gleicherweise der Wahrung des Bundes mit Gott und der Wahrung der Verbundenheit dieses Volkes. Denn der Gottesbund erfordert zu seiner Erfüllung nicht einzelne, nicht eine Mehrheit gläubiger Personen, sondern eben ein Volk, ein wahrhaft verbundenes, wahrhaft einiges Volk. Von dieser Urforderung aus ist das zweite Stadium der Volkserziehung zu verstehen, die prophetische, die mahnende. Der Künder der Mahnung 3agt es den auf die „Sicherheit" des Bundes und des Heiligtums Pochenden an, daß der Bund mit Gott nicht besteht ohne die Verbundenheit aller Glieder des Volkes untereinander, und deren Bewährung durch die in allen Lebensaugenblicken sich kundtuende Urbrüderlichkeit. Soziales Unrecht zerstört die Verbundenheit des Volkes und damit den Bund, das ist der Ruf der Propheten, und sie meinen dieses Eine, wovon immer sie je im geschichtlichen Augenblick zu reden haben. Dieses Unrecht — das hat unsere Ueberlieferung in unverkennbarer Weise bewahrt — ist es dann auch, das den Volksbestand als den Bestand eines selbständigen Gemeinwesens zersprengt hat. Im Exil des Volkes entsteht nun die dritte Gestalt der Volkserziehung, die überliefernde, oder, um es anschaulicher zu sagen, die erinnernde. Sie erinnert das über die Weiten der Erde hingestreute Volk an den Bund und begründet so immer neu seine Verbundenheit. Trotz der Zersprengtheit, trotz der sprachlichen und kulturellen Vielfältigkeit, trotz der weiter zersprengenden Einflüsse der Geschichte erneuert sich und erhält sich die Verbundenheit in den Zeiten durch das lebende Gedächtnis des Bundes. Es ist mit Recht gesagt worden, daß unser Glaube unsre Geschichte ist. Indem wir uns an den Bund erinnern, nicht wie an einen Glaubensartikel, sondern in wirklicher Erinnerung, sind wir verbunden. Die Selbstverständlichkeit des in der Gemeinsamkeit solchen Erinnerns einigen Volksdaseins ist, wohl zum ersten Male in der jüdischen Geschichte, durch die Emanzipation unterbrochen worden. Es wäre ein Mißverständnis, darum die Emanzipation an sich für problematisch zu halten; problematisch ist sie dadurch geworden, daß wir als Einzelne, nicht als das Volk Israel emanzipiert worden sind. Daher geschah es, daß die nun gelösten Einzelnen in die Unverbundenheit getreten sind. Unter allen Verbindungen mit den Völkern, die da3 Judentum in dieser Problematik eingegangen ist, hat keine eine so tiefe und großartige Fruchtbarkeit gehabt wie die deutschjüdische. Wie im/ner die heute vielfach erörterten negativen Wirkungen dieser Verbindung gewesen sein mögen, unvergleichlich tiefer und dauerhafter wird sich die positive Wirkung einst im stummen Urteil der Geschichte erweisen. Das Zusammenleben von Deutschtum und Judentum auf der Erde hat in unseren Tagen eine, vielleicht d i e Krise erfahren. Die Anklagen, die sie gegen uns heraufgebracht hat, in Bausch und Bogen abzulehnen, das wäre schlechte Apologetik. Es gibt Anklagen, in denen, richtig verstanden, eine Berechtigung ist; sie beziehen sich meist auf die Folgen der falschen, weil individualistischen Emanzipation. Was darüber hinausgeht, das dürfen wir auf unsere allgeschichtliche Opfersituation beziehen, über die uns selbst nicht zu reden geziemt. Einer der großen völkischen Sprecher der Deutschen aber, Ernst Moritz Arndt, sagt davon: „Die Hebräer oder die Kinder Israel, einst der Haß des Menschengeschlechts und noch'jetzt der Spott der Völker, und in

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