Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 4 (12.1933)
- Date
- 1933-12-01
- Page
- Seite 172 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 172 Schulen zu bekommen sein. Schüler-Orchester und -Chöre könnten außerdem zugunsten der Werkstatt konzertieren. Die Erzeugnisse der Werkstatt hätten vornehmlichst den Bedürfnissen der Schule und des Unterrichts selbst zu dienen. Der Versuch einer Werkarbeit größeren Stils, den das Frankfurter ..Philanthrop in" durch die Einrichtung einer Hobelbank-Werkstatt jetzt gemacht hat, ist sehr zu begrüßen und wird bei größerer Intensität der Arbeits-Methodik sicher bald Erfolge erkennen lassen. Die erzieherischen Möglichkeiten, die in der Werkarbeit liegen, sollten stärker als bisher auch von den jüdischen Jugendbünden aufgegriffen werden. Hier könnte eine weitere Verbindung zwischen Schule und Bund eintreten, die handwerkliche Schul-Bildung der Jugendlichen in Werkstatt- und Gartenarbeit befestigt, ergänzt und erweitert werden. Die oft sehr intellektualisierte Arbeitsform der Bünde müßte gerade jetzt einer mehr handwerklichen weichen. Die Fähigkeit, sich über die zweckentsprechende Form und Konstruktion eines anzufertigenden Werkstückes klar zu werden, nützt dem jüdischen Jugendlichen heute sinnfällige]- als die oft fruchtlosen Diskussionen über ein geistiges Thema. Die Kunst, Werkzeuge in ihrer Verwendbarkeit kritisch zu prüfen und sicher anzuwenden, fördert das Selbstbewußtsein eines Jungen stärker als sonstige ,.lntelligenz"-Beweise. Ersinnen dessen, was anzufertigen ist, Darstellung des geistig Geschauten etwa durch Zeichnung, Gestalten durch eigene Arbeit: das müßten Entwicklungsstufen des modernen „Heim-Nachmittags" in den Bünden sein. Auch hierdurch werden C.:a intellektuellen Kräfte geschärft. Die durch freudige Hingabe der ganzen Persönlichkeit erstrebte Vollendung einer vorgefaßten Aufgabe zwingt den Jugendlichen unter steter Ueberwindung von Schwierigkeiten zum ausdauernden Handeln nach einer Richtung hin, zum Aufgebot von Selbstbeherrschung und Willenskraft. Ausdauer und Selbstzucht sind Früchte einer solchen Bundes-Erziehung. Welche Eigenschaften wären aber entscheidender für unsere jüdische Zukunft? Auch bei der Werkarbeit der Jugendbünde kann der Kostenaufwand durch eine geeignete Werkstattorganisation, die vielleicht nur eingeschränkten technischen Erfordernissen, aber größten erzieherischen Zielsetzungen gerecht wird, in ein erträgliches Verhältnis zur Finanzkraft der Geldquellen (Eltern, Logen. Gemeinde u. a.) gestellt werden. Daß für Gartenbau - Uebüngen der Jugendbünde in Frankfurt der Heimgarten des Jugendheims Eschersheimfer Landstraße zur Verfügung steht, darauf braucht man kaum hinzuweisen. Allerlei vorbereitendes Planen, Skizzieren und Berechnen von Neu- und Erweiterungsanlagen für den Heimgarten wären z. B. keine unpassenden Winterbesehäftigungen für die Bünde. Es müßte erreicht werden, daß Arbeitsgeräte, Zäune usw. von den Jugendlichen selbst Jüdische Jugend und Es ist ganz selbstverständlich, daß nach dem Erlebnis dieser Monate die wirtschaftliche Frage zuerst vor den Betroffenen steht und eine Lösung verlangt. Aber, die wirtschaftliche Frage ist letzten Endes auch wieder nur durch Leistungen zu beantworten. Hilfsbereitschaft ist schön und groß und ein guter Teil bestjüdischer Veranlagung — aber schließlich ist Hilfe ohne Gegenleistung nur eine Zwischenlösung. Not muß Leistung erzielen und erhöhen. Und sie. tut es auch. Wer sieht nicht mit Achtung und Freude die jungen Menschen, die jetzt jede Arbeit in der Fremde — jede Arbeit zu übernehmen willens sind. Sie widerlegen das Vorurteil, das sagt, Juden seien gehirnlich. Diese jungen Juden packen zu und man täte gut, ihre Berichte, die so frisch und unmittelbar erzählen, recht oft und, wo es nur immer möglich ist, zu veröffentlichen. Es gilt auch gegen das Vorurteil zu kämpfen, nicht nur gegen die erste äußere Not. Wir müssen uns der Lage gewachsen zeigen, vor Jammern und die Händezusammenschlagen über Wechselfälle des Daseins hat niemand Respekt. Laßt uns an der Jugend arbeiten, damit sie aufrecht und mit allen Gaben und Einsichten daran gehen kann, sich unter ganz neuen Bedingungen lebenstüchtig — wo immer es sein mag — zu bewähren. Nicht reden und tifteln, zerschwatzen und bekritteln ... die neue Jugend muß sachlich und tapfer sein. Das vollgepfropfte Gehirn macht es Auch nicht. Nein, das sichere Urteil, die Selbsterziehung, der klare Blick für alle Menschlichkeiten und Allzumenschlichkeiten, das willige Prüfen von Anwürfen und Vorwürfen, das machts. instandgesetzt werden. Ebenso müßte mit der Zeit der Bedarf an Tischen, Bänken, Stühlen durch die Werkarbeit der Bünde zu decken sein. Durch diese Ersparnisse könnte wieder neues Werkzeug angeschafft werden, das einer Gemeinschafts-Werkstätte der Jugendbünde — eine solehe müßte sich in praxi ergeben! — zugute käme. Andieser Stelle soll auch die Anregung an diejenigen Jugendlichen ergehen, die aus irgendwelchen Gründen sich in Bünden nicht organisieren wollen oder können, ihre bei Tag geleistete kaufmännische oder sonstige geistige Tätigkeit durch freiwillige gemeinsame Werkarbeit an den Abenden und in ihrer übrigen Freizeit abzulösen. Auch hierbei kommen Holzgestaltungs-, Metall- und Gartenbau-Arbeiten in Frage. An alle jungen Juden, mögen sie auch heute noch in sicher scheinenden Stellungen sein, kann in* kurzer Zeit die Frage der Berufsumschichtung herantreten, Sie werden, wenn sie unserer Anregung folgen, dieser Notwendigkeit gerüsteter gegenüberstehen. Da handwerkliche Lehrstellen für jüdische Jugendliche schwer zu ermitteln sind, wurden an verschiedenen Orten Lehrwerkstätten gegründet, die handwerkliche Lehr- und Umschichtungs-Möglichkeiten bieten. In Frankfurt .arbeiten bisher eine seit neun Monaten im Rahmen des „Tagesheims der erwerbslosen jüdischen Jugend" bestehende Schreiner- Lehrwerksätte und — seit kurzem — die von dem jüdischen Arbeitsnachweis in Verbindung mit der jüdischen „Beratungsstelle für Wirtschaftshilfe" eingerichtete Schlosser-Lehrwerkstätte. In diesen noch kleinen Betrieben sollen in kürzester Zeit — entsprechend unserer außergewönlichen Situation — jüdische Jugendliche mit allen ins Fach gehörenden Techniken vertraut gemacht und für eine baldige Auswanderung vorbereitet werden. Ein Blick in die beiden Werkstatts-Gemeinschaften zeigt, daß hier der richtige Weg beschritten wurde. Mit großem Eifer und wachsender Lust sind die jungen Menschen bei der Arbeit. Trotz geringer Betriebsmittel sind tagtägliche Fortschritte zu verzeichnen. Leider ist der Zustrom zu den Werkstätten bei weitem stärker, als Lehrplätze vorhanden sind. Doch sind weitere Ausbau-Pläne schon in Bearbeitung. Da zum großen Teil die Ausbildung im Hinblick auf eine Auswanderung nach Palästina erfolgt, wäre eine Küferei, eine Glaserei — Werkstätten, die keine großen Mittel erfordern — in Erwägung zu ziehen. Welche Hemmnisse sich auch immer ergeben mögen: sie können und dürfen keine unüberwindlichen Schwierigkeiten darstellen, gemessen an der großen und für uns heutige Juden lebenswichtigen Aufgabe, die jüdische Jugend in eine lückenlose, organische handwerkliche Durchbildung hineinzustellen. Eine bessere jüdische Zukunft wird unsere Anstrengungen lohnen. Philipp Roch w e r g künstlerische Kultur Wir sind nun einmal in eine Zeit der Umwertungen hineingeraten, und müssen unsere ganze Energie dransetzen, die Jugend für sie auszurüsten. Die praktischen Vorbereitungen sind's nicht allein, die der Jugend Richtung geben. Ackerbau, Handwerkerziehung — wie schön, daß damit der Weg zur Naturarbeit freigemacht wird. Aber die Jugend hat auch Innenleben — und gewiß kein stumpfes. Und es gilt auch dies Innenleben so zu gestalten, daß der Jude vor jeder Kritik bestehen kann. Der junge Jude hat Fantasiebeweglichkeit, es braucht keiner besonderen Mühe, um sie in Schwung kommen zu lassen. Das ist, künstlerisch betrachtet, ein Vorteil und— ein Nachteil. Ein Vorteil — denn die Innerlichkeit, die Freude am Einfall, die Gestaltungslust sind sensibel. Aber eben diese leichte Erregbarkeit braucht vorsichtige Führung, taktvolle Pflege und Klärung. Der darstellerische Trieb im Juden darf gewiß nicht aufgeputscht werden, gerade bei ihm nicht. Wer sein Leben, wie der Schreiber dieser Zeilen, dazu hingegeben hat, unterschiedslos Theaterjugend zu leiten, der kennt die Nüancen der Begabungen. Es gilt der jüdischen Jugend, ob sie nun ihre Freizeit musisch werten will oder Zukunftspläne künstlerischer Art hat, Zügelung und umsichtige Führung zu geben. Sie muß einsehen, daß sie sich nicht spielerisch an dies oder jenes „Vorbild" verlieren darf, sie muß sich selbst und den Kern ihrer Eigenart sichern. Sie muß begreifen, daß das Künstlerische von innen nach außen, nicht von außen nach innen zu entwickeln ist. Sie muß Technik als Klärung erkennen,