Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 4 (12.1933)
- Date
- 1933-12-01
- Page
- Seite 171 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 171 teilweise mit „Romantik" abtun will, der weiß nichts von einer Jungenseele, ahnt nichts von der tiefen Kraft ihres Kunstempfindens, versteht nicht die Ausdrucksformen jugendlichen Seins. Das gleiche Wollen zeigt sich aber auch bei anderen Dingen des Alltags. Ueberläßt man es den Kindern selbst (so weit wie irgend möglich), ihre Kleidung auszusuchen, zu entwerfen, ja. den Mädels, sie selbst zu nähen, so gewinnen diese Dinge außerordentlich an erzieherischem Wert. Dasselbe gilt auch für der« Theaterbesuch in der Freizeit. Es gibt nichts Sinnloseres, als Kinder durch Konzerte zu erziehen, wenn sie gar kein Verständnis dafür aufbringen können, wenn man sie zwingt. Hier muß völlige Freiheit herrschen, ein Junge soll sich ruhig selbst seinen Film aussuchen, wenn er einmal ins Kino gehen darf. Gewiß, es ist meistens so, daß die Eltern auf das stärkste erstaunt sind, wenn sie dann von dieser Wahl hören. Sie können sich gar nicht mehr die Beweggründe erklären, weil sie längst den inneren Kontakt mit dem Jungen verloren haben. Aber der Junge fühlt instinktmäßig schon das Richtige, in seinem Handeln offenbart sich sehr bald diese bestimmte Zielstrebigkeit. Sie trennt ihn auch von vielen Altersgenossen. Mit eins brechen dann alle Jungensgemeinsamkeiten ab, sie werden sinnlos, wenn nicht endlich einer ihnen Klarheit, Form, Haltung gibt. Und das ist der Bund. Er greift nun in ihre Freizeitgestaltung ein. Er gestaltet ihr Leben. So wird ihm der zionistische Bund bestimmte Dinge sagen, sie verlangen, der deutsche auf vieles andere Wert legen. Ihre Erziehung ist völlig verschieden, so, wie ihr Ziel. Da lernt ein kleiner Junge neuhebräisch, singt solche Lieder, bekommt bestimmte Bücher zum Lesen. Geschichten erzählt, während ein anderer dagegen deutsche Volkslieder, Sagen aus, deutscher Vergangenheit erzählt bekommt, von Männern hört die große Juden und große Deutsche waren. Jetzt versteht der Junge auf einmal, warum er das und das Bild so liebte, daß er es früher in seinem -Zimmer aufhängte u. a. m. Diese Entscheidung in der Erziehung ist zwangsläufig eingetreten. Es langt nicht mehr, daß wir in der Freizeit unsere Jungen zum ,,feinen Kerl" erziehen! Er muß aus seiner Erziehung die Antwort auf seine Zeit finden. Und das ist auch das. was ich unter ,.geschichtsbewußter Freizeitgestaltung" fordere. Die Freizeit soll sinnvoll gestaltet werden, Teil ein^s großen Erziehungsplanes sein. In ihn müssen alle Dinge des Lebens eines jugendlichen Menschen einbezogen werden. Nicht nur die Werktagnachmittage, sondern auch Wochenende und Ferien sind Freizeit, die unter diesem Aspekt gestaltet werden muß. Ueber den Wert von Fahrt und Lager hier noch einiges auszuführen, würde zu weit führen. Es wird ja auch kaum jemanden geben, der ihn verneint. Erst auf Fahrt und im Lager wird der Erziehende ganz so einwirken können, wie er will, wird der Erzogene aber auch auf Instinkte zurückgestoßen werden, von denen er sonst wenig wußte. Die Wichtigkeit des Lagers und der Fahrt wurde ja auch in den letzten Jahren immer mehr von den Schulen erkannt, so daß Schullager, mehrtägige Fahrten mit der Klasse fast jeder Junge schon erlebt hat. Und doch wird erst die Fahrt an tiefstem Wert gewinnen, wenn sie unter gleichgesinnten Menschen erlebt wird, also wieder im Bund. Aehnliches gilt für den Sport, der in der Freizeitgestaltung junger Menschen heute eine so große Rolle spielt. Der kämpferische Geist eines Jungen wird immer zum Wettkampf hinzielen, zur Höchstleistung. Aber da, wo der Sport dem Jungen Härte gibt, da soll dem Mädel jenes rhythmische Körpergefühl erwachsen, was heute noch so vielen Menschen abgeht. Erst mit der richtigen Auffassung des Sports kann dieser zu einem ungemein wertvollen Faktor der Freizeitgestaltung erwachsen. Ein stundenlanges Herumlaufen hinter einem Ball braucht genau so wenig Sport zu sein wie ein stundenlanges Herumliegen in einem Strandbad. Erst wenn eine Planung eintritt, sei es aus dem jungen Menschen selbst, sei es durch sachgemäße Leitung, wird der Sport aus der bloßen Bewegung des Körpers zu einem geistigen und seelischen Erziehungsfaktor der Freizeitgestaltung. Meine Forderung nacli geschichtsbewußter Freizeitgestaltung richtet sich an die. die selber schon die Klarheit über ihre Lebensgestaltung und ihre Möglichkeiten gefunden haben; dann aber auch an alle, die auf die Freizeitgestaltung Jüngerer Einfluß haben. Die Erziehung zur Nation ist überall durchgebrochen und ist in jedem Land der Erde zur Forderung des Staates an seine Bürger geworden. Für deutsche Juden wird es nur noch zwei Zielpunkte der Erziehung geben können: Deutschland oder Palästina! Die Freizeitgestaltung der Menschen, deren Leben noch von der Schule her Bestimmung erhält, muß immer zwangsläufiger unter diesem Aspekt des Geschichtsbewußtseins stehen. Nur so wird in Deutschland ein Geschlecht junger Juden erwachsen, das sich restlos gewiß ist seiner Verpflichtung zur deutsehen Nation und zur jüdischen Gemeinschaft. Paul Yogi Mayer. Erziehung durch Werkarbeit Welche Bedeutung der Werkarbeit für die Erziehung des jüdischen Jugendlichen in Schule, Bund und Beruf zukommt, ist in letzter Zeit ganz besonders deutlich geworden. Schon im Kindergarten ist das spielende Kind durch Hand-Betätigung an „Arbeit" zu gewöhnen. In der jüdischen Schule und in den J u g e n d b ü n d e n ist die Werkarbeit ein Mittel zur Gestaltung eigener und fremder Gedanken. In den jetzt in mehreren Großstädten entstehenden jüdischen Lehrwerkstätten werden die in den früheren Stufen der Erziehung gewonnenen Fertigkeiten auf ein bestimmtes Handwerk praktisch angewandt.' Bei der neuen Grundlegung der jüdischen Zukunft darf im Suchen nach neuen Wegen das Gebiet der Eroberung der Handarbeit für den jüdischen Jugendlichen, bei welcher Gelegenheit auch immer, nicht vernachlässigt werden. Noch sind bewährte Verfahren, wonach die Lebensgestaltung des jungen Juden von der wirkenden Hand her vorgenommen werden kann, nicht ausgebildet. Denn leider wurden die meisten der hierfür Verantwortlichen von der Notwendigkeit der sofortigen Umstellung zu sehr überrascht. Um so wichtiger ist es, alle hierzu geeigneten Möglichkeiten zu durchdenken. Erkennt man die große Bedeutung der Werkarbeit, so muß ihr auch im jüdischen Schulbetrieb eine möglichst selbständige Stellung eingeräumt werden. Bestrebungen im Sinne einer jüdischen „Arbeits-Schule" sollten gefördert werden. In manchen jüdischen Kreisen begegnet man noch großer Zurückhaltung, spricht man von der Einführung des selbständigen Werkunterrichts-Faches in der jüdischen Schule. Die Gründe für dieses Mißtrauen liegen aber heute bei den meisten weniger in dei Sache selbst, etwa im Zweifel an dem Bildungswert der produktiven Arbeit, als in äußeren Umständen. In unserer Schulvorstellung hat sich der Begriff der alten Schule mit ihren theoretischen Lehrfächern und rein theoretischer Unterrichtsgebarung so festgesetzt, daß mancher sich eine Schulstunde, in der gesägt, gefeilt und gehobelt wird, nur schwer als ordentlichen Schulbetrieb vorstellen kann. Andere mögen in dem Kostenpunkt ein unüberwindbares Hindernis erblicken. Dieser ist aber durch eine richtige, ebenso ausreichende wie maßvolle Organisation auf ein erträgliches Maß zu bringen. Je nach den Bedürfnissen des Unterrichts, der sich des verschiedenen Materials in einer dem Lebensalter und den körperlichen Kräften der Schüler angemessenen Weise bedient, wird eine Scheidung in Papier-, Ton- oder Plastilin- und Holz-, sowie Metallarbeiten in Erscheinung treten. Wird auf der Unterstufe sich noch die Durchbildung im Sinne des Gesamtunterrichts ergeben, so wird auf der Mittel- und Oberstufe schon eine „Fächerung" eintreten. Dort wo es in jüdischen Schulen nicht möglich sein sollte, die Werkarbeit sofort lehrplanmäßig zu betreiben und mit dem Unterricht in Verbindung zu bringen, müßten Arbeitsgelegenheiten geschaffen werden, welche zunächst mit der Schule nur in loser Verbindung stehen, aber die unbedingt notwendige Zusammenarbeit mit ihr sichern. Dies kann dadurch erreicht werden, daß der Besuch der Arbeitskurse obligatorisch ist, jeweils Schüler einer Klasse in einem Kurs vereinigt sind, und die Arbeit im engsten Zusammenhang mit dem Schulunterricht steht. Die Arbeitszeit wäre auf die schulfreien Nachmittage zu legen. Die Werkstatt einer höheren jüdischen Schule könnte etwa eine Schreinerei, eine Schlosserei, einen Raum für Papparbeiten und eine Buchbinderei umfassen. Für die Dauer eines Schuljahres müßten regelmäßig Kurse in den verschiedenen Techniken eingerichtet werden. Wenn auch die Schulen selbst wesentliche Mittel zur Errichtung und Aufrechterhaltung des Werkunterrichts kaum zur Verfügung stellen können, werden Werkzeuge, Material und Altmaterial sicher von Freunden der