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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-12-01 · 4 (12.1933) · p. Seite 170

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
4 (12.1933)
Date
1933-12-01
Page
Seite 170 (sequence 36)
Language
German
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Seite 170 Alter verhältnismäßig sehr leicht geschieht. Und wenn das Kind stundenlang Nägel einschlägt, so ist dieses Experimentieren und Erobern der Arbeitstechnik eine wichtige Phase,, die an der Grenze des Spielerischen steht Mehr als das Herstellen von (Gegenständen wird dasi Kleinkind die Funktion der einzelnen JMnge interessieren. Gewiß ist es gefährlich, ihm Werkzeug in die Hand zu geben; aber wenn man es geordnet anleitet, nimmt man den Dingen das „Gefährliche", indem man es damit vertraut macht. Berufsumschichtung zum Handwerklichen hin — das ist gewiß eine Notwendigkeit. Aber man vergesse nicht die ungeheuerlichen Schwierigkeiten all derer, die eine völlig dem handwerklichen Lebensraum abgewandtd Kindheit und Jugend hinter sich haben. Ganz von den Aelteren zu schweigen, die schon geistige oder jedenfalls dem Handwerk fremde Berufe ausübten. So wichtig es ist, in vielleicht zahlreichen Einzelfällen den Versuch einer Berufsumschichtung zu machen, einen Versuch, der nicht nur Berufssondern tatsächliche Lebensänderung bedeutet — um so viel wichtiger ist es, bereits die geistigseelische Struktur und die körperliche Bildung des Kleinkindes frühzeitig auf das Neue, das Handwerkliche hinzulenken! Diese Aufgabe — ob sie in sozialen Institutionen wie Kinderhorten, ob sie in der Familie' gelöst wird — ist die Aufgabe, die der jüdischen Erziehung beim Kinde heute und in der kommenden Zeit gestellt ist: die Fundamente legen, auf der der jüdische handwerklich gebildete Mensch aufbauen kann. Lucie Aschkenasy Freizeit des Schülers Eine Forderung nach geschichtsbewußter Freizeitgestaltung. L Wir lebten bisher nur in den Grenzen unserer individuellen Möglichkeiten. Nun werden wir plötzlich durch das Geschehen unserer Tage in die Geschichte zurückgerufen, von der sich das Leben vieler von uns weit entfernt hatte. Es wird mit einem Mal nun wieder geschichtsbestimmt, gesehichtsbewußt. Nicht mehr der kategorische Imperativ, sondern das Geschichtsbewußtsein wird zum Maxim unseres Lebens! Der frühere Staat kannte so nur einen Staatsbürger, dessen Erziehungsideal die restloseste Entfaltung des Individuums war. Man erzog nicht den Menschen zu einem Zielbild, sondern zu sich selbst, zur Persönlichkeit! Nun hat die Umwertung aller Dinge auch vor dem Erziehungsbild nicht Halt gemacht. Die Erziehung des Individuums weicht der Erziehung zur Nation! Der Staat wird ihr Träger, die Gestaltung des Nachwuchses der Nation seine vornehmste Aufgabe, zu deren Lösung ihm Familie, Schule und Bund verpflichtet sind. So wird das humanistische Gymnasium zu einem politischen; das Verbindungshaus der Studenten zum Kameradschaftshaus. H. Aus dieser Umwertung des Erziehungsbildes ergibt sich zwangsläufig eine andere Freizeitgestaltung jugendlicher Menschen. Was ist denn Freizeit? Das ist alle Seit, die einem Menschen neben dem eigentlichen Beruf verbleibt, also hier alle Zeit außerhalb der Schule, über die der junge Mensch frei verfügen kann. Aber das ist ja die Umwertung: der Einzelne verliert immer mehr Zeit, die er nach eigener Bestimmung und Verantwortung gestalten könnte: seine Freizeit wird zwangsgestaltet, auch die letzte Stunde des Tages wird zur Stunde für die Nation! m. Wer sich zum Zionismus entschieden hat, dessen Freizeit wird nach ganz anderen Gesichtspunkten gestaltet werden, als die desjenigen, der weiter in Deutschland bleiben wird und will. Jeder von ihnen hat ein anderes Geschichtsbewußtsein, jeder glaubt, wenn er verantwortungsvoll leben will, daß er nur so der Verpflichtung aus Gewesenem zu einem bestimmten Heute oder Morgen gerecht werden kann. Und unter diesem Bewußtsein, kleinster Vollstrecker des großen Willens der Geschichte zu sein, geschieht nun die Lebensgestaltung verantwortungsbewußter, junger, jüdischer Menschen. Die neben dem Beruf und der Schule verbleibende Freizeit gehört einesteils der Weiterbildung, andererseits aber der Erholung, einer seelischen, geistigen und körperlichen Ergänzung der Arbeit. Für den einen wird das Judentum als Volk und Nation Beziehung haben; ein anderer bereitet sich mit allem auf eine neue Heimat vor; der Dritte versucht trotz allem weiter in die Seele des deutschen Volkes einzudringen, ganz aus jener tiefsten Verbundenheit zu diesem Land zu leben. Aus ihr ergibt sich «ine Haltung, die für die Auswahl von Freunden, Büchern maßgebend sein wird. Unter diesem Blickpunkt wird Kunst verstanden und erlebt, kurz: alles, was seine Freizeit ausfüllt, wird zielweisend, zweckbestimmt, richtungsbetont. - . „ So steht die Zeit, die dem Jungen und Mädel neben der Schule verbleibt, unter diesem Aspekt des Geschichtsbewußtseins. Wo hierzu noch die Klarheit fehlt, treten verbindlich die Entscheidungen der Erzieher. Erst da, wo noch diese Klarheit fehlt, kann von einer besonderen Freizeitgestaltung des Schülers gesprochen werden, sonst haben sich da fast alle Unterschiede zu berufstätigen Jugendlichen aufgehoben. Mit dem Geschehen dieser Tage sind junge, jüdische Menschen viel früher zu Erkenntnissen und Entscheidungen gelangt, die eine Umgestaltung der Freizeit fordern. Wo früher noch Raum für Vergnügungen und Gesellschaft war, da tritt jetzt eine intensive Weiter- und Ausbildung in Kraft. Die werdende Klarheit von der immer kleiner gewordenen Gestaltungsmöglichkeit unseres Lebens treibt sie zur restlosesten Anspannung aller Kräfte. Am deutlichsten wird das gerade bei uns jungen, jüdischen Menschen. Aber wir wissen auch, daß nicht nur die äußeren Umstände hier eine Umwertung verursachten, sondern daß sie aus innen heraus kommt. Mit eins bricht sich in dem Jungen oder Mädel etwas Bahn, was vielleicht alles bisher Vermittelte ausschaltet. Und es offenbart sich wieder am reinsten in der Freizeitgestaltung, gleich ob Schüler oder Berufstätiger. Es offenbart sich etwas in der jüdischen Jugend Deutschlands, was sie auch mit der anderen deutschen Jugend gemeinsam hat: es bricht ein neues Lebensgefühl mit fast mythischer Kraft durch! Der junge Mensch fühlt seine Verbindung zur Nation! Der eine zur jüdischen, der andere zur deutschen. Das ist ein innerer Vorgang, der keinerlei äußerer Anerkennung bedarf. Aus jener Entscheidung wird dem bewußt-lebenden jungen Mensehen fast von selbst die Gestaltung seiner Freizeit erwachsen. Palästina oder Deutschland, beide verlangen restlosesten Einsatz! IV. Ich habe versucht zu erklären, warum zwischen älteren Schülern und Berufstätigen kaum ein Unterschied in der Freizeitgestaltung bestehen kann. Er wirkt sich höchstens in der zeitlichen Dauer aus. Weitaus anders aber liegen die Dinge bei denen, deren Freizeitgestaltung stark von den Erziehern abhängt, also der jüngeren Schüler. Das Erziehungsbild vieler Eltern ist in diesen Tagen wie so vieles andere zusammengebrochen, und sie wissen oft nicht mehr, wie eine richtige Freizeitgestaltung ihrer Kinder zu ermöglichen ist. Sind diese in einem Bund, so wird allem schon von dörther Bestimmung. Ist das aber nicht der Fall, dann wird alles hier dem Jungen selbst überlassen. In dem Augenblick, wo z. B. ein Junge beginnt, den alten Sesseln seines Zimmers die Beine abzusägen, den Schränken die Verzierung zu rauben, dann sollte man ruhig auch noch die alte Tapete opfern, denn in diesem Gestaltungswillen offenbart sich vielleicht zum ersten Male eine instinktsichere Kritik an Vorhandenem, ein schöpferisches Handeln aus einem bestimmten Kulturgefühl und Gestaltungswillen, heraus. Dann beginnt auf einmal der Junge oder das Mädel sein Zimmer völlig umzuräumen, ihm ein anderes Gesicht zu geben. Aber: das Zimmer eines Jungen sagt mehr über seine Seele, seinen Charakter aus als unzählige Schulaufsätze. Man sollte, wenn irgendmöglich, einem Jungen oder Mädel einen selbst zu gestaltenden Raum (oder auch nur eine Ecke) überlassen. Ich habe so in manchen raumkargen Berliner Wohnungen sehr oft Jungensbuden gefunden, die in einer ehemaligen Speise- oder Rumpelkammer sich befanden. Aber dieser kleine Raum war ein ungeschminkter Bericht eines Jungen von seinem Tun, Wollen, seiner Sehnsucht. Da hingen alte Tierschädel, die er mal irgendwo gefunden hatte, ein alter Säbel oder ein Bild von einem Ritterhelm, Tierphotos waren neben neuesten Lokomotivtypen an der Wand aufgehängt Da liefen elektrische Leitungen von Tisch zu Bett, da gab es Alarmsignale, Morsetaster und da standen vielleicht auch Aquarien oder Meßgläser für chemische Versuche. Wer das

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