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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-12-01 · 4 (12.1933) · p. Seite 169

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
4 (12.1933)
Date
1933-12-01
Page
Seite 169 (sequence 35)
Language
German
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt __Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Nr. 4___DEZEMBER 1933 AJIe Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pres.««g»\setzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage Georg Guthmann, Betlinastr. 41 711 richten FREIZEITGESTALTUNO Spiel und Arbeif im frühen Kindesalfer „Das Kind, schafft den Erwachsenen." Der Erwachsene arbeitet aus einer Notwendigkeit heraus: er muß arbeiten, wenn er sich seine Lebensbedingungen schaffen will. Daß Menschen unserer Zeit den Sinn des Lebens in der Arbeit suchen, ihr stärkstes Lebensgefühl in der Tätigkeit, im Erfolg, in der befriedigenden Leistung finden, ist kein Gegensatz, vielmehr entwicklungsgemäße und menschenwürdige Einstellung. Man sucht sich eine Arbeit, die zielvoll und zweckmäßig ist, und bemüht sich, sie gut zu organisieren, möglichst wenig Kraft anzuwenden. Da der Begriff Arbeit mit einer Notwendigkeit, einem Zwang verbunden ist, macht der Erwachsene einen Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit. Wo also eine Entspannung gewünscht wird, tritt das Spiel, freies Beschäftigen und Betätigen an Stelle der Arbeit. Ganz anders beim Kleinkind. Das arbeitet auch. Wenn es eine Tätigkeit mit Konzentration, Ernst und Interesse vollführt, die seinem Kräftemaß, seiner Größe und Fähigkeit entsprechen, so vollbringt es eine Arbeit, die ausschließlich im Sinne seiner Gesamtentwicklung verrichtet wird. Sie sieht anders aus als die der Erwachsenen, ist aber nicht weniger schöpferisch. Im Vordergrund steht die Tätigkeit an sich, die Zielsetzung ist sekundär oder nur unbewußt; es sei denn, daß Erwachsene zur Planmäßigkeit anleiten. Wenn wir ein Kind beobachten, wie es einen Tisch immer wieder wischt, und ihm dieses Tun als zwecklos erklären, weil der Tisch längst sauber ist, so stoßen wir auf absolute Verständnislosigkeit. Denn in dem einfältigen, einfachen Geschehen von sich immer wiederholenden Bewegungen liegt für das Kind keine andere Absicht, als seine Fähigkeiten zu üben, seine Kräfte zu entfalten, seine Persönlichkeit handelnd zu verspüren. Im Bewältigen solcher physischen Aeußerungen erlobt es sich als ein Kraftzentrum. Stört man das Kind nicht und läßt man es ganz spontan seinem Rhythmus nachgehen, so wird man allmählich eine Veränderung beobachten, die nach dem Beherrschen seiner Bewegung einsetzt: es lernt seine Bewegungen koordinieren. Mit diesem Fortschritt beginnt es, Ziel und Zweck der Arbeit zu erkennen und anzuwenden, so daß der sich immer Aviederholende Tätigkeitszwang aufgehoben wird. Mit der Sicherheit erhält die zweckgerichtete Tätigkeit neue Impulse. Der organische Weg zur geistigen Besitzergreifung der Umwelt geht vom Tun zur Erkenntnis, von der Erkenntnis zum "Wissen. Und so braucht das Kleinkind unzählige „lächerliche" und „belanglose" Tätigkeiten dieser Art, die aneinandergereiht den Erwachsenen bilden. Umfassen doch die ersten Leistungen und Entwicklungsschritte nicht weniger als das allmähliche Sichselbstfinden, das Erobern und Bewältigen der Welt der „Großen". Diesem Einordnen in das Leben des Erwachsenen strebt das Kind mit allen seinen Kräften zu. Aus dem freien Spiel erwächst die reale Umgestaltung der Wirklichkeit, die sich zunächst in der symbolischen Andeutung zeigt. Wir wissen, daß das Spiel eine unersetzliche Funktion im Dasein des Kindes hat und müssen ihm deshalb vielfältige Möglichkeiten geben. Die Forderungen nach einem kindgemäßen Lebensraum, nach einer dem Kinde entsprechenden Erziehung müssen um so dringender gestellt werden, als uns die wissenschaftlichen Forschungen der letzten Jahrzehnte — welcher Richtung sie auch sein mögen — bewiesen haben, daß der Mensch in Form und Wesen in den ersten fünf Lebensjahren entscheidend für sein künftiges Leben gestaltet wird. Das Mittel, das das Kind von. Stufe zur Stufe seiner Reifung entgegentreibt, ist seine vitale Aktivität, die in jedem gesunden Kinde lebt. Wie jede Aktivität, so hat auch diese zwei Möglichkeiten der Auswirkung: nach der nützlichen Seite des Lebens oder nach der unnützen, nach der schöpferischen oder nach der zerstörenden. Zwischen beiden Wegen liegt eine kleine Spanne, die durch einen geringfügigen Anstoß der Außenwelt bestimmt werden kann. Hier liegt die zwiefache Aufgabe des Erziehers: der Beschäftigungsfreude genügend Raum zu bieten, damit sie nicht auf Abwege gerät, und dabei schützend die Eigengesetzlichkeit des Kindes zu respektieren. Die ganze Kraft des Kindes soll dem Aufbau dienen und nicht im ungleichen Kampf mit dem Erwachsenen absorbiert werden. Der kindliehe Entwicklungsprozeß vollzieht sich nicht schrittweise und gleichmäßig. Es gibt intensive Schaffensperioden, in der das Aneignen spontan erfolgt, und Zeiten der scheinbaren Passivität: da verarbeitet das Kind und sammelt neue Bereitschaft. Treibt man das Kind mit Gewalt aus diesem Stillstand, so wird es seine Spontanität und Schöpferkraft verlieren. Mit diesen Bedürfnissen seelisch-geistiger Art steht das Kleinkind vor seiner Umwelt. In Zeiten der Not, in der die Erwachsenen in Hoffnungslosigkeit versinken, werden die Waclistumsbedürfnisse des Kindes immer weniger erfüllt werden. Deswegen scheint es gerade heute notwendig zu sein, immer wieder die Lebensbedingungen nachzuprüfen, in die die Kinder heute gestellt sind. Nur so kann man die Aufgaben erkennen, die der Erziehung des Kleinkindes gestellt werden. Nur so kann man prüfen, ob man ihnen gerecht wird. Die Ordnung des geschlossenen Lebenskreises — die Familie — ist durch die ökonomische Entwicklung gestört und daher oft nicht imstande, dem Kind den ihm gebührenden Lebensraum zu geben. Daneben sehen wir deutlich, daß keine soziale Einrichtung die lebensnotwendigen Leistungen der Familie abnehmen kann. Sie schützt nicht vor der Heimat- und Bindungslosigkeit; das macht die Familie unersetzlich, auch wenn eine Diskrepanz zwischen ihrer Leistungsfähigkeit und der ihr gestellten Aufgabe besteht. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit der halboffenen Kinderfürsorge, die bemüht ist, den Lebensraum des Kindes zu erweitern und die häusliche Umwelt ihm zu ergänzen. Für das Kleinkind ist es der Kindergarten, für das Schulkind der Hort. In Frankfurt haben wir drei jüdische Institutionen dieser Art: einen Knaben- und Mädchenhort, einen Mädchenhort und einen Kindergarten. Erkennt man heute überall, daß das Großstadtkind als solches den Zusammenhang mit den allernächsten Lebenskreisen, dem Handwerk, der Landwirtschaft verloren hat, um wieviel mehr das j ü d i s c h e! Das jüdische Kind, dessen Eltern Kaufleute. Akademiker sind, bringt keine handwerkliche Tradition mit. Es hat weder Kenntnis noch Beziehungen zu diesen Lebensgebieten. Und wenn die neue Situation Berufsumschichtung verlangt, so erwartet sie den entschlossenen, radikalen Bruch mit den bisherigen Gewohnheiten und Bindungen. Für die dem Kindesalter bereits Entwachsenen ist dieser Bruch d a s Problem. Die jetzt Heranwachsenden aber werden nicht mehr umschichten müssen. Denn heuto schon ist es unsere Aufgabe, ihnen, den Kleinkindern bereits die Fundamente zur neuen Existenz zu schaffen. Sie sollen nicht aus Not gewaltsam umgeschichtet werden, sondern wir müssen sie natürlich in diese Gebiete, in ihren neuen Lebensraum hineinwachsen lassen, ihnen dazu eine selbstverständliche, gewachsene Beziehung schaffen. Schon das Kleinkind soll vertraut sein mit den Werkstätten, den handwerklichen Gegenständen; sei es durch häufige Besuche, sei es durch eigene Arbeit. Diese Forderung deckt sich durchaus mit kindlichen Interessengebieten. Einen viel größeren Raum als bisher muß die Handfertigkeit auf dieser Altersstufe einnehmen. Im Kindergarten soll den Kindern eine Werkstatt zur Verfügung stehen, — Werkstatt ist vielleicht ein zu fachlicher Ausdruck — in der das Kind Sägen, Hämmer, Zangen, Bohrer u. dergl. vorfindet. Sicher ist es nicht verfrüht, den Kindern diese Dinge in die Hand zu geben, wenn man bedenkt, daß das Erlernen von Handhabungen in diesem

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