Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 4 (12.1933)
- Date
- 1933-12-01
- Page
- Seite 167 (sequence 33)
- Language
- German
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Seite 167 Das Problem der hauswirfsdiaftlidien Ausbildung jüdischer junger Mädchen Der nachstehende Artikel s»ll mit seinen allgemeinen Ausführungen die Einleitung za einer weiteren Erörterung dieses für die Erziehung d*r jüd. ■weiblichen Jagend jetzt besonders wichtigen Themas bilden. Die Wichtigkeit einer hauswirtschaftliehen Ausbildung für die weibliche Jugend, wie auch die Lage der jüdischen Berufsanwärterinnen überhaupt, ergibt die unabweisbare Notwendigkeit, zu erörtern, auf welche Weise man mit möglichst geringem Kostenaufwand den jüdischen jungen Mädchen eine gute hauswirtschaftliche Ausbildung zuteil werden läßt, die sie befähigt, einen hauswirtschaftlichen oder verwandten Beruf im Inland oder Ausland auszuüben. Als Ausbildungsstätten kommen 1. der Einzelhaushalt, 2. der hauswirtschaftliche Großbetrieb und neben ihnen die hauswirtschaftliche Fachschule in Frage. Lehrhaushalte würden ideale Ausbildungsstätten sein, wenn sie in genügender Anzahl von guten, geduldigen, pädagogisch begabten Hausfrauen geleitet, zu finden wären. (Bier liegt eine wichtige soziale Aufgabe für die jüdischen Hausfrauen, auf die noch im besonderen zurückzukommen sein wird. Die Red.) Die zweijährige Dauer der Lehre würde nicht zu lang und kostspielig sein, da ja die Mädchen von Anfang ein kleines Taschengeld verdienen, freie Station haben und nachher bei genügender Eignung auf die Bedürfnisse des Einzelhaushalts hin erzogen sind. Die Erfahrungen, die man bisher mit den getätigten und ordnungsgemäß abgeschlossenen. Lehrverhältnissen gemacht hat, waren recht verschieden, die endgültigen Leistungen nicht durchweg zufriedenstellend. Es wird nun augenblicklich von verschiedenen Institutionen erwogen und geprüft, ob sich die Durchführung eines weiblichen Dienstjahres in den bestehenden jüdischen Anstalten und Großbetrieben (Kinderheime, Krankenhäuser, Altersheime) ermöglichen läßt. Die Einzelheiten dieser Pläne sind noch nicht spruchreif, es wird zu gegebener Zeit darüber berichtet werden. Gegenwärtig werden schon Schülerinnen zu mehrmonatlicher hauswirtschaftlicher Ausbildung in Anstaltsbetrieben aufgenommen. Heute bestehen als anerkannte Ausbildungsstätten: Höhere Fachschulen, Frauenschulen und Haushaltungsschulen. Die beiden ersten Schularten gibt es reinjüdisch nicht mehr, die Das jüdische Kind und seine Ich erinnere mich noch an manche Schulprüfungen unserer Kindheit. In der Klasse war es immer so, daß sich die Kinder, die davor Angst hatten, in zwei Lager teilten. Ein Teil fürchtete Rechenaufgaben, die Aufsatzstunde. Die anderen wieder schlössen vor dem verhängnisvollen Tag in ihr Nachtgebet den Wunsch ein: „Lieber Gott, laß mich morgen krank werden, es ist Handarbeitsstunde". Es war eigentlich in unserer Klasse ganz klar, daß in allen manuellen Arbeiten manche Kinder geschickter sind, und andere diesen dafür geistig überlegen waren. Und so schlössen wir einfach „Geschäfte" ab. „Du machst mir eine schöne Zeichnung, einen Wald mit Bäumen, Blumen, einem kleinen Häuschen und Vögeln, und ich schreibe Dir bis morgen den Aufsatz „Wie verlebte ich meine Sommerferien"." Wie können wir nun unser Kind von frühester Zeit an dazu führen, seine Hand und seine Geschicklichkeit auszubilden, damit für später eine Harmonie mit seinen intellektuellen Gaben geschaffen wird? Eine der wichtigsten Forderungen ist frühe Selbständigkeit. Im Gewährenlassen des Kindes, in der Geduld, mit der man der Ausführung seiner Impulse gegenübersteht, liegt die erste Aufgabe der Mutter oder der Erzieherin; denn viele kleine Handlungen, die dem Erwachsenen gänzlich zwecklos vorkommen, sind der Ausdruck des Aktivitätsbedürfnisses des Kindes, und wir unterbinden oft ohne es zu wissen, seinen Willen tätig zu sein. Eine kleine Episode dazu: Ein 2K«jähriger Junge hat einen kleinen Eimer bekommen, den er ganz begeistert mit Sand füllt und immer wieder ausschüttet. Es ist in der Parkanlage und die Mutter will das Kind nach Hause führen — aber das ist in seine „Arbeit" sehr vertieft. Da nimmt die wohlmeinende Mutter den Kleinen, setzt ihn in den Wagen und füllt ihm den Eimer mit Steinchen. Doch das Kind hat bereits ein jämmerliches Geschrei begonnen und die Mutter kann gar nicht verstehen, daß es sich jetzt trotz dem gefüllten Eimer nicht .beruhigen will. Der kleine Junge kann leider nur weinen und seine Gedanken noch nicht ausdrücken — sonst würde er der Mutter sicher sagen: „ich wollte ja gar Haushaltungsschulen bestehen seit langer Zeit und vermehren sich stark. Ich möchte ihre Vorteile so wenig wie ihre Nachteile nur im Historischen sehen. Die Haushaltungsschule ist nicht gut oder schlecht, weil diese Schulform schon lange besteht. Sondern sie ist nur dann gut, wenn sie sich den Bedürfnissen der Zeit anzupassen versteht, wozu sie durch die Weite des 'behördlichen Lehrplans in der Lage ist Sie muß sich frei machen von dem früher üblichen Seminarbetrieb, in dem die Schülerinnen so wenig Arbeit hatten, daß das Herumstehen und nicht wirklich Anpackenkönnen an der Tagesordnung war, wo die Arbeit nicht gemacht wurde, weil sie notwendig war, sondern lediglich um an ihr zu lernen. Falls es solche Schulen heute noch gibt, so sind sie ein Anachronismus und können in eine Kritik nicht mit einbezogen werden. Die anderen stehen mit einem Wirtschaftsbetrieb in Verbindung, der, um die oben gezeichneten Mißstände zu vermeiden, stets in einem bestimmten Größenverhältnis zur Schule stehen soll. Es eignet sich auch nicht jeder Heimbetrieb zur Vereinigung mit einer Haushaltungsschule; man hat die Erfahrung gemacht, daß z. B. ein Altersheim sich denkbar schlecht mit einem Lehrbetrieb eng verknüpfen läßt. Die Schule muß sich jedoch den Bedürfnissen der Großbetriebe oder der Haushalte anpassen, wenn sie ihre Schülerinnen für die einen oder anderen Stellen vorbereiten will. So schickt jetzt die Frankfurter Jüdische Haushalturgsschule die Schülerinnen gegen Ende der einjährigen Ausbildung eine Woche in einen angestelltenlosen Haushalt, in dem sie die Zusammenfassung all der Arbeiten erkennen und durchfuhren sollen, die sie bisher systematisch erlernt haben. Ein Vorwurf, den man der Haushaltungsschule wirklich machen kann, ist der, daß sie vorläufig noch kostspieliger ist oder scheint, als die anderen Ausbildungsmöglichkeiten. Doch wird finanziell schlecht gestellten ortsansässigen Mädchen in jeder Schule das Schulgeld ermäßigt. Es ist nicht zu bezweifeln, daß das jüdische junge Mädchen nur dann Freude an ihrem Beruf hat, wenn sie die Zusammenhänge in ihm erkennt, wenn sie bei all ihren Fragen nach dem Warum ihres Tuns auch Antwort erhält, nicht rein mechanisch, sondern denkend arbeitet und durch die hauswirtschaftliche Ausbildung und Arbeit zu einer wirklichen Bildung kommt. Lucio Laquer Erziehung zur Geschicklichkeit nicht die Steinchen haben, mir hat es nur solche Freude gemacht, etwas auszuleeren und wieder zu füllen." Es war also hier gar kein sichtbares Ziel mit der Tätigkeit des Kindes verbunden, sondern diese an sich befriedigt es. — Wir sollen dem Kinde auch die Möglichkeit geben, im Haushalt mitzuhelfen. Es darf mit einem runden Messer Kartoffeln schälen und schneiden, gelbe Rüben putzen, auf einer kleinen Maschine Kaffee mahlen, es darf mit einem kleinen Besen das Zimmer fegen, darf Blumen begießen, den Tisch decken usw. Es wird mit der Zeit Sicherheit und Geschicklichkeit gewinnen. Aber nicht nur praktisch will sich das Kind betätigen, es will auch seinen schöpferischen Geist, seinen Gestaltungswilien befriedigen. Im Spiel findet es die Möglichkeit hierzu. Und man darf den Wert des kindlichen Spiels nicht unterschätzen, denn erweist sich ein Kind im Spiel geschickt und tüchtig, so ist dies oft eine gewisse Gewähr für seine zukünftige Leistungsfähigkeit. Ein sehr beliebtes Spiel ist das Bauen. Stundenlang werden die Bausteine nach Vorstellung und Phantasie des Kindes umgestellt und verändert. Kinder spielen auch gerne mit kleinen Kinderwebstühlen (da können die schönsten Dinge von fünfjährigen Kindern gearbeitet werden); Nähen auf Kongreßstoff mit bunter Wolle; Kneten und Formen aus Ton; Zeichnen, Mal-, Klebe-, Papp- und sonst allerlei Bastelarbeiten sind beliebte und nützliche Beschäftigungen. An Stellen, wo Kinder in Gemeinschaft erzogen werden (in Heimen und Kindergärten) ist die Errichtung einer kleinen Kinderwerkstätte von großer Bedeutung. Da wird gehobelt, gesägt, gehämmert, geklopft; und je nach dem Grade der Reife und der speziellen Geschicklichkeit des einzelnen Kindes kann dieses einfache und schwerere Handwerkerarbeiten verrichten. Wenn wir dem jüdischen Kinde dies alles bieten, so haben wir sicher dazu beigetragen, daß der Mangel an manueller Geschicklichkeit, der eine Folge des jahrhundertelangen Ausschlusses der Juden aus den verschiedensten technischen und Handwerkerberufen war, zum Verschwinden gebracht wird. Alice Freistadt-Lederer